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Ludwig Bechstein: Gevatter Tod
 Deutsches Märchenbuch ( 1847 )

Gevatter Tod

Es lebte einmal ein sehr armer Mann, hieß Klaus, dem hatte Gott eine Fülle Reichthums beschert, der ihm große Sorge machte, nämlich zwölf Kinder, und über ein Kleines so kam noch ein Kleines, das war das dreizehnte Kind. Da wußte der arme Mann seiner Sorge keinen Rath, wo er doch einen Pathen hernehmen sollte, denn seine ganze Sipp- und Magschaft hatte ihm schon Kinder aus der Taufe gehoben, und er durfte nicht hoffen, noch unter seinen Gefreunden eine mitleidige Seele zu finden, die ihm sein jüngstgebornes Kindlein hebe. Gedachte also, aufs Gerathewohl sich an den ersten besten wildfremden Menschen mit seinem Anliegen zu wenden, zumal manche seiner Bekannten ihn in ähnlichen Fällen schon mit vieler Hartherzigkeit abschläglich beschieden hatten.
Der arme Kindesvater ging also auf die Landstraße hinaus, Willens, dem ersten ihm Begegnenden die Pathenstelle seines Kindleins anzutragen. Und siehe, ihm begegnete bald ein gar freundlicher Mann, stattlichen Aussehens, wohlgestaltet, nicht alt und nicht jung, mild und gütig vom Angesicht, und da kam es dem Armen vor, als neigten sich vor jenem Manne die Bäume und Blümlein und alle Gräser und Getraidehalme. Da dünkte dem Klaus, das müsse der liebe Gott sein, nahm seine schlechte Mütze ab, faltete die Hände und betete ein Vater Unser. Und es war auch der liebe Gott, der wußte, was Klaus wollte, ehe er noch bat, und sprach: "Du suchst einen Pathen für Dein Kindlein! Wohlan, ich will es Dir heben, ich, der liebe Gott!"
"Du bist allzugütig, lieber Gott!" antwortete Klaus verzagt. "Aber ich danke Dir, Du giebst denen, welche haben, einem Güter, dem andern Kinder, so fehlt es oft Beiden am Besten, und der Reiche schwelgt, der Arme hungert!" Auf diese Rede wandte sich der Herr und ward nicht mehr gesehen. Klaus ging weiter, und wie er eine Strecke gegangen war, kam ein Kerl auf ihn zu, der sah nicht nur aus, wie der Teufel, sondern war's auch, und fragte Klaus, wen er suche? - Er suche einen Pathen für sein Kindlein. - "Ei da nimm mich, ich mach' es reich!" "Wer bist Du?" fragte Klaus. "Ich bin der Teufel!" - "Das wär der Teufel?!" rief Klaus, und maß den Mann vom Horn bis zum Pferdefuß. Dann sagte er: "Mit Verlaub, geh heim zu Dir und zu Deiner Großmutter; Dich mag ich nicht zum Gevatter, Du bist der Allerböseste! Gott sei bei uns! "
Da drehte sich der Teufel herum, zeigte dem Klaus eine abscheuliche Fratze, füllte die Luft mit Schwefelgestank und fuhr von dannen. Hierauf begegnete dem Kindesvater abermals ein Mann, der war spindeldürr, wie eine Hopfenstange, so dürr, daß er klapperte; der fragte auch: "Wen suchst Du?" und bot sich zum Pathen des Kindleins an. "Wer bist Du?" fragte Klaus. "Ich bin der Tod!" sprach jener mit ganz heiserer Stimme. - Da war der Klaus zwar zum Tod erschrocken, doch faßte er sich Muth, dachte bei dem wär mein dreizehntes Söhnlein am besten aufgehoben, und sprach: "Du bist der Rechte! Arm oder reich, Du machst es gleich. Topp! Du sollst mein Gevattersmann sein! Stell' Dich nur ein zu rechter Zeit, am Sonntag soll die Taufe sein."
Und am Sonntag kam richtig der Tod, und ward ein ordentlicher Dot, das ist Taufpath des Kleinen, und der Junge wuchs und gedieh ganz fröhlich. Als er nun zu den Jahren gekommen war, wo der Mensch etwas erlernen muß, daß er künftighin sein Brod erwerbe, kam zu einer Zeit der Pathe und hieß ihn mit sich gehen in einen wilden und finstern Wald. Da standen allerlei Kräuter, und der Tod sprach: "Jetzt, mein Path, sollt Du Dein Pathengeschenk von mir empfahen. Du sollst ein Doctor über alle Doctoren werden durch das rechte und wahre Heilkraut, das ich Dir jetzt in Deine Hand gebe. Doch werke, was ich Dir sage. Wenn man Dich zu einem Kranken beruft, so wirst Du meine Gestalt jedesmal erblicken. Stehe ich zu Häupten des Kranken, so darfst Du versichern, daß Du ihn gesund machen wollest, und ihm von dem Kraute eingeben; wenn er aber Erde kauen muß, so stehe ich zu des Kranken Füßen; dann sage nur: Hier kann kein Arzt der Welt helfen und ich auch nicht. Und brauche ja nicht das Heilkraut gegen meinen mächtigen Willen, sonst würde es Dir übel ergehen!"
Damit ging der Tod von hinnen und der junge Mensch auf die Wanderung und es dauerte gar nicht lange, so ging der Ruf vor ihm her und der Ruhm, dieser sei der größte Arzt auf Erden, denn er sahe es gleich den Kranken an, ob sie leben oder sterben würden. Und so war es auch. Wenn dieser Arzt den Tod zu des Kranken Füßen erblickte, so seufzte er, und sprach ein Gebet für die Seele des Abscheidenden; erblickte er aber des Todes Gestalt zu Häupten, so gab er ihm einige Tropfen, die er aus dem Heilkraut preßte, und die Kranken genaßen. Da mehrte sich sein Ruhm von Tage zu Tage.
Nun geschah es, daß der Wunderarzt in ein Land kam, dessen König schwer erkrankt darnieder lag, und die Hofärzte gaben keine Hoffnung mehr seines Aufkommens. Weil aber die Könige am wenigsten gern sterben, so hoffte der alte König noch ein Wunder zu erleben, nämlich daß der Wunderdoctor ihn gesund mache, ließ diesen berufen und versprach ihm den höchsten Lohn. Der König hatte aber eine Tochter, die war so schön und so gut, wie ein Engel.
Als der Arzt in das Gemach des Königs kam, sah er zwei Gestalten an dessen Lager stehen, zu Häupten die schöne weinende Königstochter, und zu Füßen den kalten Tod. Und die Königstochter flehle ihn so rührend an, den geliebten Vater zu retten, aber die Gestalt des finstern Pathen wich und wankte nicht. Da sann der Doctor auf eine List. Er ließ von vier raschen Dienern das Bette des Königs schnell umdrehen, und gab ihm geschwind einige Tropfen vom Heilkraut, also daß der Tod betrogen war, und der König gerettet. Der Tod wich erzürnt von hinnen, erhob aber drohend den langen knöchernen Zeigefinger gegen seinen Pathen.
Dieser war in Liebe entbrannt gegen die reizende Königstochter, und sie schenkte ihm ihr Herz aus inniger Dankbarkeit. Aber bald darauf erkrankte sie schwer und heftig, und der König, der sie über alles liebte, ließ bekannt machen, welcher Arzt sie gesund mache, der solle ihr Gemahl und hernach König werden. Da flammte eine hohe Hoffnung durch des Jünglings Herz, und er eilte zu der geliebten Kranken - aber zu ihren Füßen stand der Tod. Vergebens warf der Arzt seinem Pathen flehende Blicke zu, daß er seine Stelle verändere und ein wenig weiter hinauf, wo möglich bis zu Häupten der Kranken treten möge. Der Tod wich nicht von der Stelle, und die Kranke schien im Verscheiden, doch sah sie den Jüngling um ihr Leben flehend an. Da übte des Todes Pathe noch einmal seine List, ließ das Lager der Königstochter schnell umdrehen, und gab ihr geschwind einige Tropfen vom Heilkraut, so daß sie wieder auflebte, und den Geliebten dankbar anlächelte. Aber der Tod warf seinen tödtlichen Haß auf den Jüngling, faßte ihn an mit eiserner eiskalter Hand und führte ihn von dannen, in eine weite unterirdische Höhle. In der Höhle da brannten viele tausend Kerzen, große und halbgroße und kleine und ganz kleine; viele verloschen, und andere entzündeten sich, und der Tod sprach zu seinen Pathen: "Siehe, hier brennt eines jeden Menschen Lebenslicht; die großen sind den Kindern, die halbgroßen sind den Leuten, die in ihren besten Jahren stehen, die kleinen den Alten und Greisen, aber auch Kinder und Junge haben oft nur ein kleines bald verlöschendes Lebenslicht."
"Zeige mir doch das meine!" bat der Arzt den Tod, da zeigte dieser auf ein ganz kleines Stümpchen, das bald zu erlöschen drohte. "Ach liebster Pathe!" bat da der Jüngling: "wolle mir es doch erneuen, damit ich meine schöne Braut, die Königstochter freien, ihr Gemahl und König werden kann!" "Das geht nicht" - versetzte kalt der Tod. "Erst muß eins ganz ausbrennen, ehe ein neues auf - und angesteckt wird." -
"So setze doch gleich das alte auf ein neues!" sprach der Arzt - und der Tod sprach: "Ich will so thun!" Nahm ein langes Licht, that als wollte er es aufstecken, versah es aber absichtlich und stieß das kleine um, daß es erlosch. In demselben Augenblick sank auch der Arzt um und war todt. Wider den Tod kein Kraut gewachsen ist.


  Ludwig Bechstein 1801 - 1860



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