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Des kleinen Hirten Glückstraum
Es
war einmal ein sehr armer Bauersmann , der lebte in einem Dörflein von dem
geringen Verdienst eines Hirten, und das schon seit vielen Jahren. Seine
Familie war klein, er hatte ein Weib, und nur ein einziges Kind, einen Knaben.
Doch diesen hatte er sehr frühzeitig mit hinaus auf die Weide genommen und
ihm die Pflichten eines treuen Hirten eingeprägt, und so konnte er, als
nur einigermaßen der Knabe herangewachsen war, sich ganz auf denselben
verlassen, konnte ihm die Heerde allein anvertrauen und konnte unterdessen
daheim noch einige Dreier mit Körbeflechten verdienen. Der kleine Hirte
trieb seine Heerde munter hinaus auf die Triften und Raine; er pfiff oder sang
ein helles Liedlein, und ließ dazwischen gar laut seine Hirtenpeitsche
knallen; dabei wurde ihm keine Zeit lang. Des Mittags lagerte er sich
gemächlich neben seine Heerde, aß sein Brod, und trank aus der
Quelle dazu, und dann schlief er auch wohl ein Weilchen, bis es Zeit war weiter
zu treiben. Eines Tages hatte sich der kleine Hirte unter einen schattigen Baum
zur Mittagsruhe gelagert, schlief ein und träumte einen gar wunderlichen
Traum: Er reise fort, gar unendlich weit fort, - ein lautes Klingen, wie wenn
unaufhörlich eine Masse Münzen zu Boden fielen - ein Donnern, wie
wenn unaufhörliche Schüsse knallten - eine endlose Schaar Soldaten,
mit Waffen und in blitzenden Rüstungen - das alles umkreisete,
umschwirrte, umtosete ihn. Dabei wanderte er immer zu und stieg immer bergan,
bis er endlich oben auf der Höhe war, wo ein Thron aufgebaut war, darauf
er sich setzte, und neben ihm war noch ein Platz, auf dem ein schönes
Weib, welches plötzlich erschien, sich niederließ. Nun richtete sich
im Traum der kleine Hirte empor, und sprach ganz ernst und feierlich: "Ich
bin König von Spanien." Aber in demselben Augenblick wachte er auf.
Nachdenklich über seinen sonderbaren Traum trieb der Kleine seine Heerde
weiter, und des Abends erzählte er daheim seinen Aeltern, die vor der
Thüre saßen und Weiden schnitzten, und wo er ihnen auch half, -
seinen wunderlichen Traum, und sprach zum Schluß: "Wahrlich, wenn
mich noch einmal so träumt, gehe ich fort nach Spanien, und will doch
einmal sehen, ob ich nicht König werde!" - "Dummer Junge"
murmelte der alte Vater, "Dich macht man zum König, laß Dich
nicht auslachen!" Und seine Mutter kicherte weidlich, und klatschte in die
Hände, und wiederholte ganz verwundert: "König von Spanien!
König von Spanien!" Am andern Tag zu Mittag lag der kleine Hirte
zeitig unter jenem Baume, und o Wunder! derselbe Traum umfing wieder seine
Sinne. Kaum hielt es ihn bis zum Abend auf der Huth, er wäre gern nach
Hause gelaufen, und wäre aufgebrochen zur Reise nach Spanien. Als er
endlich heimtrieb, verkündete er seinen abermaligen Traum, und sprach:
"Wenn mich aber nun noch einmal so träumt, so gehe ich auf der Stelle
fort, gleich auf der Stelle." Am dritten Tag lagerte er sich denn wieder
unter jenen Baum, und ganz derselbe Traum kam zum dritten Male wieder. Der
Knabe richtete sich im Traum empor und sprach: "Ich bin König von
Spanien," und darüber erwachte er wieder, raffte aber auch sogleich
Hut und Peitsche und Brodsäcklein von dem Lager auf, trieb die Heerde
zusammen und geraden Wegs nach dem Dorfe zu. Da fingen die Leute an mit ihm zu
zanken, daß er sobald und so lange vor der Vesperzeit eintreibe, aber der
Knabe war so begeistert, daß er nicht auf das Schelten der Nachbarn und
der eignen Aeltern hörte, sondern seine wenigen Kleidungsstücke, die
er des Sonntags trug, in einen Bündel schnürte, denselben an ein
Nußholzstöcklein hing, über die Achsel nahm und so mir nichts
dir nichts fortwanderte. Gar flüchtig war der Knabe auf den Beinen; er
lief so rasch, als sollte er noch vor Nachts in Spanien eintreffen. Doch
erreichte er nur an diesem Tage einen Wald, nirgends war ein Dörflein oder
ein einzelnes Häuslein; und er beschloß, in diesem Wald in einem
dichten Busch sein Nachtlager zu suchen. Kaum hatte er aber zur Ruhe sich
niedergelegt und war entschlummert, als ein Geräusch ihn wieder erweckte:
es zog eine Schaar Männer im lautem Gespräch an dem Busch
vorüber, in welchem er sich gebettet. Leise machte der Knabe sich hervor
und ging den Männern in einer kleinen Entfernung nach, und dachte,
vielleicht findest du doch noch eine Herberge; wo diese Männer heute
schlafen, kannst du gewiß auch schlafen. Gar nicht lange waren sie weiter
gewandert, als eine ziemlich ansehnliches Haus vor ihnen stand, aber so recht
mitten im dunklen Wald. Die Männer klopften an, es wurde aufgethan, und
neben den Männern schlüpfte auch der Hirtenknabe mit hinein in das
Haus. Drinnen öffnete sich wieder eine Thüre, und alle traten in ein
großes, sehr spärlich erhelltes Zimmer, wo auf dem Fußboden
umher viele Strohbunde, Betten und Deckbetten lagen, die zum Nachtlager der
Männer bereit gehalten schienen. Der kleine Hirtenbub verkroch sich
schnell unter ein Häuflein Stroh, welches nahe an der Thüre
aufgeschichtet war, und lauschte nun auf alles, was er nur aus seinem Versteck
hören und wahrnehmen konnte. Bald kam er dahinter, denn er war ohnehin
klug und aufgeweckt, daß diese Männerschaar eine Räuberbande
sei, deren Hauptmann der Herr dieses Hauses war. Dieser bestieg, als die neu
angelangten Mitglieder der Bande sich hingelagert hatten, einen etwas
erhöhten Sitz und sprach mit tiefer Baßstimme: "Meine braven
Genossen, thut mir Bericht von eurem heutigen Tagwerk, wo ihr eingesprochen
seid, und was ihr erbeutet habt!" Da richtete sich zuerst ein langer Mann
mit kohlschwarzem Bart empor, und antwortete: "Mein lieber Hauptmann, ich
habe heute früh einen reichen Edelmann seiner ledernen Hose beraubt, diese
hat zwei Taschen, und so oft man sie unterst oberst kehrt und tüchtig
schüttelt, so oft fällt ein Häuflein Ducaten heraus auf den
Boden." - "Das klingt sehr gut!" sprach der Hauptmann. Ein
anderer der Männer trat aus, und berichtete: "Ich habe heute einem
General seinen dreieckigen Hut gestohlen; dieser Hut hat die Eigenschaft, wenn
man ihn auf dem Kopf dreht, daß unaufhörlich aus den drei Ecken
Schüsse knallen." - "Das läßt sich hören!"
sprach der Hauptmann wieder. Und ein dritter Mann richtete sich auf, und sprach
: "Ich habe einen Ritter seines Schwertes beraubt; so man dasselbe mit der
Spitze in die Erde stößt, ersteht augenblicklich ein Regiment
Soldaten." "Eine tapfere That! " belobte der Hauptmann. Ein
vierter Räuber erhob sich nun und begann: "Ich habe einem schlafenden
Reisenden seine Stiefeln abgezogen, und wenn man diese anzieht, legt man mit
jedem Schritt sieben Meilen zurück." "Rasche That lobe
ich!" sprach der Hauptmann zufrieden, "hänget eure Beute an die
Wand, und dann esset und trinket und schlafet wohl." Somit verließ
er das Schlafzimmer der Räuber; diese zechten noch waidlich und fielen
dann in festen Schlaf. Als alles stille und ruhig war, und die Männer
allesammt fest schliefen, machte sich der kleine Hirte hervor, zog die ledernen
Hosen an, setzte den Hut auf, gürtete das Schwert um, fuhr in die Stiefeln
und schlich dann leise aus dem Haus. Draußen aber zeigten die Stiefeln
zur Freude des Kleinen schon ihre Wunderkraft, und es wahrte gar nicht lange,
so schritt das Bürschchen zur großen Residenzstadt Spaniens hinein;
sie heißt Madrid.
Hier fragte er den Ersten Besten, der ihm aufstieß, nach dem
größesten Gasthof, aber er erhielt zur Antwort: "Kleiner Wicht,
geh' Du hin, wo Deines Gleichen einkehrt, und nicht, wo reiche Herren
speisen." Doch ein blankes Goldstück machte jenen gleich
höflicher, so daß er nun gerne der Führer des kleinen Hirten
wurde, und ihm den besten Gasthof zeigte. Dort angelangt, miethete der
Jüngling sogleich die schönsten Zimmer, und fragte freundlich seinen
Wirth: "Nun, wie steht es in Eurer Stadt? Was giebt es hier Neues?"
Der Wirth zog ein langes Gesicht, und antwortete: "Herrlein, Ihr seid hier
zu Land wohl fremd? Wie es scheint, habt Ihr noch nicht gehört, daß
unser König, Majestät, sich rüstet mit einem Heer von
zwanzigtausend Mann? Seht wir haben Feinde, mächtige Feinde, o es ist gar
eine schlimme Zeit! Herrlein, wollt Ihr auch etwa unter's Militair gehen?"
- "Freilich, freilich" sprach der zarte Jüngling, und sein
Gesicht glänzte vor Freude. Als der Wirth sich entfernt hatte, zog er
flugs seine ledernen Hosen aus, schüttelte sich ein Häuflein
Goldstücke, und kaufte sich kostbare Kleider und Waffen und Schmuck, that
alles an und ließ dann beim König um eine Audienz bitten. Und wie er
in das Schloß kam, und von zwei Kammerherren durch einen großen
herrlichen Saal geführt wurde, begegnete ihnen eine wunderliebliche junge
Dame, die sich anmuthig vor dem schönen Jüngling, der in der Mitte
der Herren ging und sie zierlich grüßte, verneigte, und die Herren
flüsterten: "Das ist die Prinzessin Tochter des Königs."
Der junge Mann war nicht wenig von der Schönheit der Königstochter
entzückt, und seine Entzückung und Begeisterung ließen ihn keck
und muthvoll vor dem Könige reden. Er sprach: "Königliche
Majestät! Ich biete hiermit unterthänigst meine Dienste als Krieger
an. Mein Heer, das ich Euch zuführe, soll Euch den Sieg erfechten, mein
Heer soll alles erobern, was mein König zu erobern befiehlt. Über
eine Belohnung bitte ich mir aus, daß ich, wofern ich den Sieg davon
trage, Eure holde Tochter als Gemahlin heimführen dürfe. Wollt Ihr
das, mein gnädigster König? " Und der König erstaunte ob
der kühnen Rede des Jünglings und sprach: "Wohl, ich gehe in
Deine Forderung ein; kehrst Du heim als Sieger, so will ich Dich als meinen
Nachfolger einsetzen und Dir meine Tochter zur Gemahlin geben."
Jetzt begab sich der ehemalige Hirte ganz allein hinaus auf das freie Feld und
begann sein Schwert drauf und drein in die Erde zu stoßen, und in wenigen
Minuten standen viele Tausende kampfgerüsteter Streiter auf dem Platz, und
der Jüngling saß als Feldherr kostbar bewaffnet und geschmückt
auf einem herrlichen Roß, welches mit goldgewirkten Decken und blitzenden
Zäumen behangen war. Und der junge Feldherr zog aus, und dem Feind
entgegen, da gab es eine große blutige Schlacht; aus dem Hut des
Feldherrn donnerten unaufhörlich tödtliche Schüsse, und das
Schwert desselben rief ein Regiment nach dem andern aus der Erde hervor, so
daß in wenigen Stunden der Feind geschlagen und zerstreut war, und die
Siegesfahnen auf dem eroberten Lager wehten. Der Sieger aber folgte nach, und
nahm dem Feinde auch noch den besten Theil seines Landes hinweg. Siegreich und
glorreich kehrte er dann zurück nach Spanien, wo ihn das holdeste
Glück noch erwartete. Die schöne Königstochter war nicht minder
entzückt von dem schmukken Jüngling gewesen, wie sie ihm im Saale
begegnet war, als er von ihr; und der gnädigste König wußte die
sehr großen Verdienste des tapfern Jünglings auch gebührend zu
schätzen, hielt sein Wort, gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und machte
ihn zu seinem Nachfolger und Thronerben.
Die Hochzeit wurde prunkvoll und glänzend vollzogen, und der ehemalige
Hirte saß ganz im Glück. Bald nach der Hochzeit legte der alte
König Krone und Scepter in die Hände seines Schwiegersohns , der
saß stolz auf dem Thron und neben ihm seine holde Gemahlin, und es wurde
ihm, als dem neuen König, von seinem Volke die Huldigung gebracht. Da
gedachte er seines so schön erfüllten Traumes, und gedachte seiner
armen Aeltern, und sprach, als er wieder allein bei seiner Gemahlin war:
"Meine Liebe, sieh, ich habe auch noch Aeltern, aber sie sind sehr arm,
mein Vater ist Dorfhirte, weit von hier, in Deutschland, und ich selbst habe
als Knabe das Vieh gehütet, bis mir durch einen wunderbaren Traum
offenbart wurde, daß ich noch König von Spanien werde. Und das
Glück war mir hold, sieh ich bin nun König, aber meine Aeltern
möchte ich auch gerne noch glücklich sehen, daher ich mit Deiner
gütigen Zustimmung nach Hause reisen und die Aeltern holen will." Die
Königin war's gerne zufrieden, und ließ ihren Gemahl ziehen, der
sehr schnell zog, weil er die Siebenmeilenstiefeln hatte. Unterwegs stellte der
junge König die Wunderdinge, die er den Räubern abgenommen, ihren
rechtmäßigen Eigenthümern wieder zu, bis auf die Stiefeln,
holte seine armen Aeltern, die vor Freude ganz außer sich waren, und dem
Eigenthümer der Stiefeln gab er für dieselben ein Herzogthum. Dann
lebte er glücklich und würdiglich als König von Spanien bis an
sein Ende.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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