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Ludwig Bechstein: Vom Knäblein, vom Mägdlein, und von der bösen Stiefmutter
 Deutsches Märchenbuch ( 1847 )

Vom Knäblein, vom Mägdlein, und von der bösen Stiefmutter

Es waren einmal zwei Kinder, die hatten eine böse Stiefmutter, die ihnen nicht das Leben gönnte. Eines Tages saß die Frau und spann, kam der Knabe herein und bat: "Frau Mutter, gieb mir ein Aepfelchen." Da ersann die Frau eine arge Tücke und sagte: "Geh in die Kammer, Du weißt, da steht die Truhe, wo die Aepfel darin sind, und nimm Dir einen." Wie der Knabe in die Kammer geht, ist die böse Mutter hinter ihm her, und wie er den schweren Deckel vom Aepfelkasten anhebt und nach einem rothbackigen Aepfelchen greift, stößt die Stiefmutter den armen Knaben in die Kiste, und schlägt den Deckel zu, daß er darin ersticken und sterben muß.
Bald darauf kam das Mädchen, und bat auch wie sein Bruder: "Mutter, gieb mir ein Aepfelchen." Da spann die Frau den Faden ihrer Bosheit weiter, und sagte: "Geh in die Kammer, Du weißt, da steht die Truhe, wo die Aepfel darin sind, und nimm Dir einen." Wie das Mägdlein in die Kammer geht, ist die Stiefmutter hinter ihm her, und wie es den schweren Deckel vom Aepfelkasten aufhebt und nach einem schönen Aepfelchen greift, stößt die Stiefmutter das arme Mädchen in den Kasten und schlägt den Deckel zu, daß es darin ersticken und sterben muß. Dann setzte sie sich wieder an ihr Spinnrad. Spät am Abend kam der Vater, und fragte: "Wo sind meine lieben Kindlein?" - ""Sie schlafen, die Rangen,"" sprach die, Stiefmutter. Da raschelte, da pickte etwas ans Fenster. Verwundert sieht der Vater hin, da sind zwei schloßschleierweiße Vöglein am Fenster, die singen:

"Stiefmutter hat uns todt geschlagen,
Hat Aepfelkasten zugeschlagen."

Da giebts der Frau einen Stich ins Herz, daß sie mit einem einzigen Aechzer vom Stuhl fällt und hin ist. Augenblicks wurde sie in einen schwarzen Vogel verwandelt, der schoß wild in der Kammer umher, und endlich fuhr er durchs Fenster, als wenn er die weißen Vögel verfolgen wolle.
Dem Vater flirrt' es im Gehirn, und es brach ihm das Herz um seine lieben Kinder.


  Ludwig Bechstein 1801 - 1860



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