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Vom Knäblein, vom Mägdlein, und von der
bösen Stiefmutter
Es
waren einmal zwei Kinder, die hatten eine böse Stiefmutter, die ihnen
nicht das Leben gönnte. Eines Tages saß die Frau und spann, kam der
Knabe herein und bat: "Frau Mutter, gieb mir ein Aepfelchen." Da
ersann die Frau eine arge Tücke und sagte: "Geh in die Kammer, Du
weißt, da steht die Truhe, wo die Aepfel darin sind, und nimm Dir
einen." Wie der Knabe in die Kammer geht, ist die böse Mutter hinter
ihm her, und wie er den schweren Deckel vom Aepfelkasten anhebt und nach einem
rothbackigen Aepfelchen greift, stößt die Stiefmutter den armen
Knaben in die Kiste, und schlägt den Deckel zu, daß er darin
ersticken und sterben muß.
Bald darauf kam das Mädchen, und bat auch wie sein Bruder: "Mutter,
gieb mir ein Aepfelchen." Da spann die Frau den Faden ihrer Bosheit
weiter, und sagte: "Geh in die Kammer, Du weißt, da steht die Truhe,
wo die Aepfel darin sind, und nimm Dir einen." Wie das Mägdlein in
die Kammer geht, ist die Stiefmutter hinter ihm her, und wie es den schweren
Deckel vom Aepfelkasten aufhebt und nach einem schönen Aepfelchen greift,
stößt die Stiefmutter das arme Mädchen in den Kasten und
schlägt den Deckel zu, daß es darin ersticken und sterben muß.
Dann setzte sie sich wieder an ihr Spinnrad. Spät am Abend kam der Vater,
und fragte: "Wo sind meine lieben Kindlein?" - ""Sie
schlafen, die Rangen,"" sprach die, Stiefmutter. Da raschelte, da
pickte etwas ans Fenster. Verwundert sieht der Vater hin, da sind zwei
schloßschleierweiße Vöglein am Fenster, die singen:
"Stiefmutter hat uns todt geschlagen,
Hat Aepfelkasten zugeschlagen."
Da giebts der Frau einen Stich ins Herz, daß sie mit einem einzigen
Aechzer vom Stuhl fällt und hin ist. Augenblicks wurde sie in einen
schwarzen Vogel verwandelt, der schoß wild in der Kammer umher, und
endlich fuhr er durchs Fenster, als wenn er die weißen Vögel
verfolgen wolle.
Dem Vater flirrt' es im Gehirn, und es brach ihm das Herz um seine lieben
Kinder.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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