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Die hoffährtige Braut
Ein
Pfarrer hatte eine schöne Tochter, die war über die Maßen eitel
und hoffährtig, also daß sie jeden jungen Burschen, der sich in ihr
hübsches Lärvchen vergaffte, über die Achsel ansah, denn sie
trug das Näschen so hoch, daß sie sich einbildete, irgend ein
reicher Graf oder gar ein Prinz müsse kommen und sie heimführen. Der
Pfarrer war darüber sehr betrübt, weil er sie gern an einen braven
Mann, am liebsten an einen Amtsbruder verheirathet hätte. Wollte man aber
glauben, die schöne Pfarrerstochter habe gar nicht nach den Männern
sich umgesehen, so würde man sehr irren; jeden schönen jungen Mann,
wenn er nur vornehm gekleidet war, musterte sie mit verstohlenen Blicken, ob
sie nicht aus irgend einer Falte den verkappten Prinzen herausfinde. Das
kränkte den Vater noch mehr, und er hatte gar nicht Augen genug, sie zu
hüten. Einst mußte er eine nothwendige Reise unternehmen und die
Tochter unter der Obhut der alten Magd zurücklassen. Er schärfte ihr
aufs strengste ein, fein sittsam zu Hause zu bleiben, ja nicht einmal zum
Fenster hinaus zu sehen; aber es ist eine bekannte Sache, daß man manchen
Weibern nur verbieten darf, was sie thun sollen, so thun sie es gewiß.
Der Vater hatte kaum den Rücken gewendet, als die gehorsame Tochter schon
zum Fenster hinaussah und siehe da, der Zufall wollte es, daß ein junger
schöner Herr auf einem stolz sich bäumenden Rosse die Straße
daher sprengte; sie konnte sich nicht satt an ihm sehen und auch er hatte sie
bemerkt, denn er wandte mehrmals den Kopf nach ihr um. Es war ihr auf einmal so
sonderlich zu Sinn, als sei es ihr angethan; sie hatte keine Ruhe und Rast und
hatte vor Freude laut aufjubeln mögen, als ein zierlich gefaltetes
Briefchen an sie kam, worin sie gebeten wurde, sich zu der und der Stunde an
einem bestimmten Orte einzufinden. - Die Glocke hatte noch nicht geschlagen,
als sie aufs Beste geschmückt, sich auf den Weg machte; die alte Magd
wurde durch eine Nothlüge begütigt und so stand die Pfarrerstochter
bald vor dem jungen schönen Manne, den sie ins Herz geschlossen. Dieser
war denn auch nicht blöde, gestand ihr, daß er sie liebe, Küsse
und Schwüre wurden ausgetauscht und der Fremde, der sich für einen
Baron ausgab, versprach ihr, in den nächsten Tagen wieder zu kommen und
sie auf sein Schloß, das er ihr nannte, heimzuführen.
Die Pfarrerstochter schwamm von nun an in Lust und Wonne; Baronin zu werden
erreichte zwar nicht das Ziel ihrer Wünsche aber der Baron war so
schön und fein, wie wohl mancher Fürst nicht. Aber Tag um Tag verging
und er kam nicht, sie, abzuholen, auch der Vater war noch nicht von seiner
Reise zurückgekehrt. Darüber wurde die schöne junge Braut
ungeduldig und entschloß sich kurz, den Baron selbst heimzusuchen. Sie
schmückte sich deshalb mit ihren besten Gewändern und all ihrem
Geschmeide, steckte ein großes Stück Schinken zu sich und machte
sich zur Nachtzeit auf den Weg. Vor der Thür lag aber ein großer
Kettenhund, der fing an zu knurren, als sie sich behutsam davon schleichen
wollte und murrte:
Bleibst Du da, so bist Du klug!
Gehst Du fort, so siehst Du Trug!
Aber sie hörte nicht darauf und schnitt ein Stück von ihrem Schinken
ab, warf es dem Wächter hin und während dieser danach schnappte und
daran kaute, eilte sie davon. Sie mußte lange lange gehn, bis sie das
Schloß ihres Geliebten vor sich aufsteigen sah; mit klopfendem Herzen
ging sie den Berg hinan und trat ungehindert in das Thor, das offen stand und
nur von einem großen mächtigen Hund bewacht wurde, der sie mit
feurigen Augen ansah und murrte:
Kehrst Du um, so ist es gut,
Bleibst Du da, so siehst Du Blut!
Aber sie warf auch ihm ein Stück Schinken vor und er ließ sie
eintreten. Alles im Schloß war aber so wunderbar ruhig, daß ihr
fast graute. Sie stieg die Wendeltreppe hinan, trat in das erste beste Gemach,
wo verschiedene männliche Kleidungsstücke unordentlich umherlagen,
von dieses in ein zweites, das mit allerlei Waffen angefüllt war, darauf
in ein drittes, das noch die Spuren eines wüsten Zechgelages an sich trug
und endlich in ein viertes, in dem an beiden Seiten große Fässer
standen. Sie wollte eben in das folgende treten, als sie Stimmen hörte;
rasch verbarg sie sich hinter ein Faß und sah bald den Baron und mehrere,
wild aussehende Gesellen hereintreten, die ein junges, schön
geschmücktes Frauenzimmer mit sich schleppten. Das Frauenzimmer wimmerte
leise und rang flehend die Hände, als der Baron mit rauher Stimme zu ihr
sagte: "Bereite Dich zum Tode!" Sie beschwur ihn bei seiner Liebe sie
zu schonen; er möge all ihren Schmuck nehmen und sie wolle ihm
schwören, nichts zu verrathen, nur möge er sie zu ihrem armen Vater
heimkehren lassen. Der Baron sagte kalt: "Du mußt sterben! Und Du
wirst bald Gesellschaft bekommen, die Tochter eines Pfarrers, auch so ein
hoffährtiges Ding, als Du, wird Dir folgen!" Da gerann der
Versteckten freilich das Blut zu Eis, aber sie hatte noch so viel Besinnung,
sich mit keinem Athemzug zu verrathen, und bald hörte sie das Röcheln
der Sterbenden, deren Blut über die Dielen floß bis in ihr Versteck,
und sie mußte sehn, wie die wilden Gesellen der Armen ihren Schmuck
abnahmen und ihr die Ringe von den Fingern ziehen wollten; die Finger waren
aber geschwollen, deshalb griffen die Mörder nach einem Beile und hackten
sie ab. O Entsetzen! einer davon sprang auf den Schooß der
Pfarrerstochter. Sie hätte laut aufgeschrieen, wenn der Schreck ihr nicht
die Zunge gelähmt hätte. Die Räuber suchten nach den Fingern und
vermißten den einen. Wehe, wenn sie sorgfältig danach suchten, und
das schienen sie wirklich thun zu wollen und Einer näherte sich schon dem
Fasse, hinter dem die Pfarrerstochter verborgen war. Diese betete in ihrer
Angst qar inbrünstig zum Himmel und that das Gelübde, alle Hoffahrt
abzulegen, wenn sie nur dießmal aus der Mörderhöhle befreit
würde. Da sprach der Baron: "Genug für heute; morgen ist auch
ein Tag; ich bin schläfrig und müde." Die Gesellen ließen
ab vom Suchen und begaben sich an das anstoßende Gemach, durch welches
die Pfarrerstochter gekommen war. Bald hörte sie ein tiefes Schnarchen und
dachte nun daran, das Schloß wieder heimlich zu verlassen. Sie schlich
auf den Zehen aus ihrem Versteck, aber, o wehe! die Schläfer lagen knapp
an der Schwelle und so dicht an einander, daß sie nicht über sie
hinwegschreiten konnte, ohne sie zu berühren. Sie faßte sich jedoch
ein Herz, indem sie dachte: bleibst Du hier, so bist Du gewiß verloren,
wagst Du jetzt zu entfliehen, so gelingt dirs vielleicht! - Mit Gott und keck
schritt sie über die Schläfer hinweg. Da regten sich diese,
stießen sich an und einer sprach zum Andern: "Was stößest
Du mich denn?" - "Der Satan vergelte Dir's, Du hast mich
gestoßen!" antwortete der Andere, und sie geriethen darüber
fast in Streit, schliefen aber wieder ein, während das Mädchen sich
niedergeduckt hatte. Als sie fest schliefen, eilte das Mädchen durch die
andern Gemächer, die Wendeltreppe hinab, warf dem Hunde den Rest ihres
Schinkens vor und flog davon, so schnell sie konnte. Zum Tod erschöpft kam
sie an ihres Vaters Hause an. Er war zurückgekehrt und sie fand ihn in
großer Sorge um sie. Sie gestand ihm Alles mit Thränen, zeigte ihm
den Finger, den sie mit genommen und er dankte Gott für ihre Rettung und
nahm sich vor, den Bösewicht zu entlarven.
Einige Tage vergingen, als der schöne junge Baron wieder durch das Dorf
ritt und die Pfarrerstochter zu sich berief. Der Pfarrer gab ihr Anweisung, was
sie thun solle und schön geschmückt ging sie nach dem Platz des
Stelldicheins. Er sagte, er sei gekommen, sie mit auf sein Schloß zu
nehmen; sie aber that ängstlich und sagte, sie habe einen bösen Traum
gehabt. Als er in sie drang, ihm den Traum zu erzählen, da schilderte sie
Alles, was ihr wirklich begegnet war, daß der Baron sie betroffen ansah,
jedoch sie mit den Worten zu beruhigen suchte: "Träume sind
Schäume, liebes Kind!" - "Aber der Traum war gar zu
natürlich," antwortete sie, "so natürlich, daß ich
selbst den Finger noch habe, der mir auf den Schooß flog." Dabei zog
sie den Finger aus der Tasche. Als den der Baron sah, zog er einen Dolch und
wollte sie niederstoßen; er hatte jedoch nicht Zeit dazu, denn er sah
sich von Häschern umringt und festgehalten. - Man durchsuchte das
Schloß, fing die ganze Bande des Räubers und fand eine Menge
geraubter Kostbarkeiten. Die Fässer aber waren alle voll Menschenfleisch.
Dem Baron und seinen Gesellen wurde ihr Recht angethan, die Pfarrerstochter war
ganz von ihrer Hoffahrt geheilt und ist später die brave Hausfrau eines
Landgeistlichen geworden.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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