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Des Königs Münster
Es
war einmal ein König, der erbaute ein prachtvolles Münster zur Ehre
und zum Lobe Gottes, und durfte Niemand bei Leib und Leben zu diesem Bau einen
Heller beisteuern, nach des Königs ausdrücklichem Gebot, sondern er
wollte es ganz aus dem eignen Schatz erbauen. Und so geschah es auch und das
Münster war vollendet, schön und würdig, mit aller Pracht und
aller Zier. Und da ließ der König eine große marmorne Tafel
zurichten, in diese ließ er mit goldenen Buchstaben eine Schrift graben,
daß er, der König, allein den Dom erbaut habe, und Niemand habe dazu
beigesteuert. Aber als die Tafel einen Tag und eine Nacht lang aufgerichtet
war, so war in der Nacht die Schrift verändert, und statt des Königs
Namen stand ein andrer Name darauf, und zwar der Name einer armen Frau, so
daß es nun lautete, als habe sie das ganze prächtige Münster
erbaut. Das verdroß den König mächtig; er ließ den Namen
austilgen, und den seinigen wieder einschreiben. Aber über Nacht stand
wieder der Name jener armen Frau auf der Tafel, und Jedermann las, daß
sie des Münsters Stifterin sei. Und zum dritten Male ward des Königs
Name auf die Tafel geschrieben, und zum dritten Male verschwand er, und jener
kam zum Vorschein. Da merkte der König, daß hier Gottes Finger
schreibe, demüthigte sich, und ließ nach der Frau forschen und sie
vor seinen Thron heischen. Voll Angst und erschrocken trat sie vor dem
König, der sprach zu ihr: "Frau, es begeben sich wunderliche Dinge,
sage mir bei Gott und Deinem Leben die Wahrheit! Hast Du mein Gebot nicht
vernommen, daß Niemand zu dem Münster geben solle? Oder hast Du doch
dazu gegeben? "
, Da fiel das Weib dem Könige zu Füßen und sprach: "Gnade,
mein Herr und König! Ich will alles auf Deine Gnade bekennen! Ich bin ein
ganz armes Weib; ich muß mich kümmerlich mit Spinnen ernähren,
daß mich der Hunger nicht ertödtet, und da hatte ich doch einen
Hellerlein erübrigt, das möcht' ich gar zu gerne darbringen zu Deinem
Tempelbau und Gott zu Ehren, aber ich fürchtete, o Herr, Deinen Bann und
Deine harte Bedräuung, und da kaufte ich um das Hellerlein ein
Bündelein Heu, das streute ich auf die Straße den Ochsen hin, welche
die Steine zu Deinem Münster zogen, und sie fraßen es. So that ich
nach meinem Willen und ohne Dein Gebot zu verletzen."
Da ward der König mächtiglich bewegt von der Frauen Rede, und sah,
wie Gott der Herr ihren reinen Sinn gewürdigt und ihn als höheres
Opfer angenommen, wie des Königs reichen Schatz. Und der König
begabte die arme Frau reichlich und nahm sich die Strafe seiner Eitelkeit wohl
zu Herzen.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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