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Die Königskinder
In
einem Walde stand ein kleines, einsames Häuschen, darinnen eine Mutter mit
ihrer Tochter, welche letztere schon ziemlich erwachsen war, wohnte. Die Alte
war ein sehr böses und listiges Weib, sie trieb allerlei
geheimnißvolle Dinge. Ihr Ansehen erregte bei fremden Menschen, die sie
sahen, Schauder und Furcht. Sie war von Gesicht über alle Maaßen
häßlich, ihre Augen waren roth wie Feuer, und blitzten unstät
und unheimlich, um den Kopf trug sie stets eine schwarzes Tuch, über
welchem die starren grauen Haare niederhingen. Im Sommer war ihr
gebräunter Nacken, Brust und Arme unbedeckt, ein schwarzes Mieder mit
großen Knöpfen umschloß den vorgebeugten Leib; ein rother Rock
stach sehr grell ab von den nackten dunkelbraunen Beinen und dem
schneeweißen Sack, den sie an der Achsel hängen hatte. Doch das
unheimlichste war noch ein Ring, den sie am Zeigefinger der rechten Hand trug,
der war von Gold und mit rothen Flammensteinen besetzt; er glänzte,
daß er die Augen verblendete. So schlich die böse Alte stets im
Walde umher. Sah sie einen Wanderer, oder einen Reisewagen, so drang sie sich
den Leuten auf, sagte ihnen wahr, gar wunderliche Dinge, und bettelte dabei.
Und fand sie Kinder im Walde, so lockte sie diese in ihre Wohnung und
schlachtete sie. Dagegen war ihre Tochter ein gar gutherziges Mädchen, das
oft im Stillen über die bösen Thaten der Mutter bitterlich weinte und
den lieben Gott bat, ihr doch von der argen Mutter zu helfen. Doch diese hatte,
so schien es, das ewige Leben, sie wurde nie krank, und obgleich ihre Glieder
alt und steif und ganz abgezehrt waren, so besaß sie doch eine Kraft wie
der stärkste Mann. Dies alles hatte sie nur ihrem Zauberring zu danken;
und noch viel mehr, denn die Hand, an welcher sie den Reif trug, war immer
unsichtbar, daher sie, wo sie nur einen fremden Menschen draußen im Walde
ansprach, allemal zugleich in dessen Tasche griff, die Börsen, und was sie
drinnen fand herauszog, ohne daß es derselbige nur im Geringsten merkte.
Auch machten die rothen Flammenstrahlen der Ringsteine die Thiere stille
stehend, wo sie denselben in die Augen blinkten, da mußten die Thiere
starr in die Strahlen sehen, bis die Alte den Ring am Finger drehte. So schlich
sie denn oft im Walde herum, trug einen großen Topf, ließ die
Ringsteine in die Augen der Hirschkühe blinken, daß sie still stehen
mußten, und molk sie dann.
Einmal des Abends saß sie daheim bei ihrer Tochter und trank auch solche
Hirschkuh-Milch, als es an ihr Fensterlein klopfte; und als sie darauf hinaus
sah, standen zwei bildschöne und köstlich gekleidete Kinderchen
draußen und weinten, und das größeste, ein Knäblein
sprach: "Ach wir haben uns verirrt, und nun wird es Nacht, alt'
Mütterchen, sei so gut und laß uns diese Nacht in deinem
Häuschen schlafen, morgen wollen wir suchen, unsere Heimath wieder zu
finden." Die Alte grinzte vor teuflischer Freude, machte schnell die
Hausthüre auf und ließ die Kinderchen ein. Aber sie ging gleich sehr
böse mit ihnen um, sie zog ihnen ihre schönen Kleider aus, so
daß sie ganz nackend waren, und steckte sie in einen finstern Stall. Dann
nahm sie einen alten Tiegel, goß Milch darein, setzte ihn hin vor die
Kinder und sprach: "Hier, eßt die Milch, daß ihr bald fett
werdet, daß ich euch schlachten kann, ihr seid doch nichts nütze auf
der Welt, ihr Bälge."
Ach, wie sehr weinten die armen Kinder! Sie konnten vor Kummer nichts essen;
doch überfiel sie bald ein Schlaf, der sie ihrem Herzeleid entrückte.
Sie träumten, daß sie daheim wären bei der lieben Mutter und
dem Vater und daß sie gar schön spielten. Aber wie sie erwachten und
ihre traurige Lage wieder gewahr wurden, fingen sie von Neuem an zu weinen und
zu klagen. Endlich hörten sie die Stallthüre aufgehen, es kam Jemand,
und sie fürchteten sich sehr und meinten, jede Minute geholt und
geschlachtet zu werden. Diesmal kam aber die Tochter, denn die Alte war schon
hinaus in den Wald. Dem guten Mädchen thaten die lieben Kinder herzlich
leid, sie wollten ihnen gerne helfen, allein sie selbst mußte sich sehr
vor der bösen Mutter fürchten. Sie fragte liebreich die Kinder:
"Wie heißet ihr denn?" Da antwortete das Knäblein
schluchzend: "Ich heiße Irmin, und mein Schwesterchen heißt
Elmine, wie heißest Du denn?" Sie sagte: "Ich heiße
Käthe. Aber wer ist denn euer Vater? wo seid ihr denn her?" - Das
Knäblein sprach: "Mein Vater trägt einen goldenen Mantel und
eine Krone und unsre Heimath ist so schön, Du solltest nur einmal zu uns
kommen." Käthe sprach: "Ich will suchen, euch zu befreien, aber
jetzt gleich kann es nicht geschehen; seid nur ruhig und geduldig, ich lasse
euch nimmermehr schlachten. Esset eure Milch, ich will euch auch Erdbeeren und
Brod bringen, seid nur ruhig, liebe Kinderchen. Und so lange ich noch keinen
Plan zu eurer Rettung gefunden, so lange nehmt diese zwei Hölzchen, und
wenn meine Mutter kommt und spricht: haltet einmal eure Finger heraus, ich will
sehen ob ihr fett seid, so haltet diese Hölzchen hin, daß sie euch
noch nicht für fett genug befindet, und nicht schlachtet."
Die Kinderchen fühlten sich getröstet von Käthe's Worten, sie
hörten auf zu weinen, aßen und tranken und freuten sich schon
herzlich, daß sie nach Hause kommen sollten. Des Abends, wenn die Alte
heim kam, ging sie allemal zum Stall und rief den Kindern zu: "Steckt eure
Finger heraus," aber die Kinder hielten ihre Hölzchen hin, die Alte
schnitt hinein mit einem scharfen Messer und sprach jedesmal: "Ihr seid
noch dürre!" und ging wieder fort. Und am Morgen, wenn die Alte fort
war, dann kam die gute Käthe zu den Kindern, brachte ihnen Speise und
tröstete sie.
Aber einmal, als die Alte Abends zu den Kindern kam, hatten diese ihre
Hölzchen verloren und mußten ihre zarten Fingerchen hinausreichen,
und die Alte schnitt hinein, und schrie voll Freude: "Nun seid ihr fett,
morgen schlachte ich euch!" - O welches Herzeleid für die armen
Kinder! Am Abend noch mußte Käthe Wasser beitragen, daß die
Kinder nach dem Schlachten damit gebrüht würden. Und die Käthe
weinte heimlich, und sann und sann, wie sie noch die armen Kinder befreien
könnte. In der Nacht schlich sie ganz leise von ihrem Lager, spuckte
darauf und sprach mit leiser Stimme:
Liebes, liebes Bette, sprich,
Wenn die Mutter ruft, für mich.
Dann spuckte sie auf ihre Lade, auf die Treppe, und in die Küche, und bat
allemal so. Dann machte sie den Stall auf, ließ die Kinder heraus und
entfloh mit ihnen.
Am Morgen rief die Alte: "Käthe, steh gleich auf und schüre
Feuer an," und es antwortete: "Ich bin schon auf!" Nach einer
Weile, als Käthe nicht kam, rief die Alte wieder: "Käthe,
kömmst Du noch nicht?" Da antwortete es: "Ich sitze schon auf
meiner Lade und ziehe Strümpfe an!" Aber es verging wieder eine Weile
und Käthe kam nicht, und die Alte rief: "Käthe, wo bleibst Du
denn?" Da tönte es: "Ich bin schon auf der Treppe!"
Die Alte schlief wieder ein, und als sie endlich abermals erwachte, und
draußen alles ganz ruhig war, schrie sie zornig: "Käthe, faule
Strunze, wo bleibst Du denn?" Da sprach es: "Ich bin ja in der
Küche." Aber die Alte hörte nicht das geringste Geräusch,
da fuhr sie endlich vom Lager auf, und wollte Käthe tüchtig
ausschelten und durchprügeln, aber siehe da, keine Käthe war zu
finden und auch die Kinder waren fort. - Nun war die Alte außer sich vor
Wuth, und schritt flugs von dannen, um ihre Tochter und die Kinder zu suchen
und fürchterliche Rache zu nehmen.
Vermöge ihres Zauberrings hatte sie sogleich die Spur der Flüchtlinge
entdeckt, und machte so hastige Schritte, daß sie gar bald die Dreie in
einiger Entfernung gewahrte. Auch die Kinder hatten sich umgesehen, und das
alte böse Weib mit Schrecken bemerkt, und sie wußten nicht wo nur
hinaus und hinan vor Angst, daß sie der Alten schnell genug entwichen,
denn diese kam mit Riesenschritten herbei. Da saß ein gar großer
schwarzer Adler am Weg, zu dem riefen die Kinder voller Angst:
"O lieber Adler, trag' uns geschwind
Hin wo unsre guten Aeltern sind."
Und der Vogel machte seine Flügel breit, und trug pfeilschnell die kleinen
Flüchtlinge sammt Käthen durch die Lüfte, und setzte sie vor
einem herrlichen Schloß nieder. Da kam ein Mann, angethan mit einem
goldgestickten Mantel und auf dem Haupte trug er eine Krone, und mit ihm kam
eine schöne Frau heraus, die begrüßten und empfingen in der
größesten Freude ihre lieben Kinder, welche vor einiger Zeit
verloren worden waren. Und die gute Käthe mußte immerdar bei den
Kindern bleiben und wurde sehr gut gehalten. Aber der Adler war wieder hinweg
geflogen und als er den Fingerreif mit den rothen Flammensteinen am Finger der
nacheilenden Alten erschaut hatte, war er gierig auf sie niedergestoßen,
hatte sie mit seinen Krallen emporgerissen und dann so lange an ihren Finger
gepickt, bis er den Ring in seinem Schnabel hatte, dann ließ er die Zeter
schreiende Alte los. Diese stürzte vor dem schönen Schloß
nieder - aber in einen Teich, und in demselben Augenblick schnalzte ein
mächtiger Fisch empor und verschlang sie.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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