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Die schlechten Kameraden
Ein
Schuster und ein Schneiderlein gingen mitsammen auf die Wanderschaft; sie
gelobten einander treu beizustehn, zusammen zu halten in Freud und Leid und was
der Eine hätte, müsse auch der Andere haben. Sie fanden aber
nirgendwo Arbeit und da ihnen das Fechten nicht länger behagte, so nahmen
sie Dienst unter den Soldaten. Es war nämlich schon seit langer Zeit
Frieden und kein Krieg zu fürchten, so daß ihr Muth keinen
Schiffbruch leiden konnte.
Das Schneiderlein hatte flinkere Beine, wie der Schuster und kam viel schneller
vorwärts; auch verstand es den Mund recht voll zu nehmen und machte viel
Wesens von seiner Tapferkeit, wie es immer muthig zugestochen habe und wie es
sein Eisen geführt, daß die Lappen gefallen seien und wie es stets
kalten Blutes vorm Feuer gestanden. So wurde es bald Gefreiter, dann
Unteroffizier und brachte es endlich selbst zum Feldwebel. Je höher es
aber rückte um so hochmüthiger wurde es und zuletzt kannte sein Stolz
keine Grenzen mehr. Am meisten litt der arme Schuster darunter. Der Dienst
wurde ihm endlich so verleidet, daß er eines Abends sein Bündel
schnürte und weglief, als ob es hinter ihm brenne.
Gegen Mittag kam er in einen Wald und da er des Weges nicht kundig war,
verirrte er sich. Als er so dastand und nicht wußte wo aus noch wo ein,
kam ein Jäger daher, der hatte sich gleichfalls verirrt und frug ihn um
den rechten Weg. 'Den sage du mir,' sprach der Schuster. 'Zwei können mehr
als einer ausrichten' erwiederte der Jäger, 'drum laß uns
zusammenhalten, dann kommen wir schon heraus.' Das thaten sie, aber es wurde
Abend und finstre Nacht und der Wald wollte immer noch kein Ende nehmen. Da
stieg der Schuster auf einen hohen Eichbaum, schaute sich um und sah weit weit
ein Lichtchen. Frischen Muthes gingen sie in der Richtung fort und kamen an ein
kleines Haus, darin saß eine alte Frau, welche Kartoffeln schälte
und Suppe kochte. 'Können wir hier die Nacht über bleiben?' frug der
Schuster. 'Nein,' sprach die alte Frau, 'geht vielmehr so schnell ihr
könnt weiter, denn ihr seit in eine Räuberhöhle gerathen und
wenn die Räuber euch finden, seit ihr euren Kopf los. Nachts um zwölf
Uhr kommen ihrer zwölf mit ihrem Hauptmann und Mittags um zwölf Uhr
kommen zwölf andere mit ihrem Hauptmann zum Essen. Die erste Parthie
muß schon in der Nähe sein; sie setzen dem König nach, der sich
im Walde verirrt hat, darum eilt und macht, daß ihr fortkommt, ehe sie
euch treffen.'
'Das macht nichts,' sprach der Schuster, 'ich will uns schon heraushelfen; sage
uns nur wie die Hauptleute heißen und was ihre Erkennungszeichen sind,
und du Kamerad thu mir Alles nach, wir ich es dir vormache.' Da sagte die Frau
ihnen Alles, denn sie war den Räubern von Herzen feind und diente ihnen
nur gezwungen.
Bald darauf gab es Lärm draußen und der erste Hauptmann kam mit
seinen zwölf Leuten. Der Schuster trat aber keck auf ihn zu und sprach:
'Einen schönen Gruß von unserm Hauptmann, ihr solltet uns sagen, ob
ihr den König gefangen hättet oder nicht; wir haben seine Spur ganz
verloren.' 'Uns geht's nicht besser,' antwortete der Hauptmann, und sah den
Schuster scharf an, 'wir sind ihm wohl auf der Spur, aber vom Fangen war noch
keine Rede. Setzt euch nun zu Tische und eßt mit, hernach sprechen wir
weiter und ihr könnt dann um so besser marschiren.' Das thaten die Beiden
und der Jäger gab genau auf Alles Acht, was der Schuster machte und that
ebenso. Der legte aber Löffel und Gabel verkehrt, denn das war das
Erkennungszeichen der andern Bande. 'Jetzt sehe ich, daß ihr zu der Bande
gehört, ' sagte der Hauptmann, ' bisher konnte ich es noch nicht glauben,
denn du Jäger siehst gar nicht wie ein ächter Räuber aus'. Dann
ging das Leben erst recht los, sie erzählten sich von ihren Thaten und der
Schuster log ihnen den Buckel voll, mehr als ein Karrengaul ziehen kann; dazu
wurde gegessen und getrunken, als sollte in acht Tagen kein Mittag mehr
gehalten werden.
Nach dem Essen mußte jeder ein Kunststück machen. Als die Reihe an
den Schuster kam, sprach er, jetzt wolle er ein Stückchen machen,
daß Alle ihre Freude daran haben sollten, und einen Kessel mit siedendem
Oel austrinken. ' Das ist unmöglich,' riefen die Räuber. 'Nun ihr
werdet schon sehen,' sprach der Schuster und die alte Frau setzte den
größten Kessel aufs Feuer und goß ihn voll Oel. Als es nun
recht wallte und Blasen warf, sprach er: ' Setzt euch nun im Halbzirkel um
mich, damit ihr es gut sehet, und du Kamerad tritt hinter mich und mach den
andern Platz.' Jetzt holte er den Kessel vom Feuer, hob ihn zum Munde empor und
rief: "Nun paßt auf!' Aber er hütete sich wohl, das Oel zu
trinken, sondern schwenkte den Kessel im Kreise umher, daß das
glühende Oel den Räubern in die Gesichter zischte, griff dann rasch
nach seinem Schwert und schlug sie nieder, einen nach dem Andern, ehe sie sich
besinnen konnten.
Als der Schuster mit den Räubern fertig war, schaute er sich nach seinem
Kameraden um, doch konnte er ihn lange nicht finden. Endlich zog er ihn unter
einer Bank hervor, wohin er sich verkrochen hatte. 'Du bist mir ein tapferer
Held,' sprach der Schuster, 'der die Kourage malterweise verschlungen hat.
Heraus jetzt, du siehst ja, daß die Arbeit gethan ist und hilf mir die
Kerle fortschaffen, ehe die andern kommen, wenn dir dein Leben lieb ist.' Da
half der Jäger, aber er stellte sich schlecht an, man sah wohl, daß
ihm die Arbeit nie sauer geworden war. Sie machten vor dem Räubernest ein
großes Loch, warfen die ganze Bande hinein und stopften ihnen das Maul
mit Erde. Die alte Frau aber reinigte derweil das Zimmer vom Oel und Blut und
machte Alles wieder in Ordnung; dann kochte sie das Essen für die zweite
Bande.
Mittags um zwölf Uhr kam der Hauptmann mit seinen zwölf
Spießgesellen an. Keck ging der Schuster auf sie zu und sprach: 'Einen
schönen Gruß von unserm Hauptmann, und er hätte den König
erwischt und käme um zwei Uhr mit ihm und unsern Leuten hierher; ihr
solltet auf ihn warten.' 'Hat er ihn?' rief der Hauptmann. ' Aergert mich,
daß ich ihn nicht fangen konnte, aber wir wollen doch lustig drauf essen
und trinken. Setzt euch zu uns.' Da setzten sich die Beiden zu den Räubern
und legten die Messer und Gabeln so, wie die erste Bande sie gelegt hatte.
Sprach der Hauptmann: ' Nun sehe ich erst, daß ihr zur Bande gehört,
bisher traute ich euch nicht, besonders dir nicht, Jäger, denn du siehst
aus, als könntest du keinen Floh knicken'.' Der Schuster fiel ihm in die
Rede und erzählte viel von Mordthaten und Räubereien, welche die
andre Bande seit gestern begangen habe, so daß die Räuber den
Jäger ganz vergaßen. Nach dem Essen machte jeder sein Stückchen
und der Schuster machte wieder seins mit dem siedenden Oel und so vortrefflich,
daß keiner von den Räubern sich beklagen konnte, er habe zu wenig
bekommen. ' Was könnt ihr mit euren verbrannten Köpfen noch machen,'
rief er dann und hieb sie ihnen ab. Von dem Jäger war wieder keine Spur zu
sehn. Als er die alte Frau frug, sprach sie, er sei auf den Boden gestiegen.
Der Schuster stieg ihm nach und fand ihn in einem Bund Stroh versteckt. 'Sind
sie Alle todt?' frug der Jäger in großer Herzensangst. 'Geh hinunter
und frage sie selbst,' sprach der Schuster. 'Aber du bist ein rechter Zwiebel-
kopf, mich so im Stich zu lassen.' Da kroch der Jäger hervor und freute
sich mit dem Schuster und der alten Frau, daß Alles so gut abgelaufen
sei.
Als sie das Raubnest, durchsuchten, fanden sie ungeheuere Schätze von
Gold, Silber und Edelgestein, Kleidern, Waffen und andern Dingen. Diese
schenkten sie dem Kloster, welches in der Nähe am Saume des Waldes lag und
die alte Frau folgte den Schätzen in das Kloster, denn sie wollte nichts
mehr von der Welt wissen. Der Schuster nahm nur so viel Gold für sich, als
in seine Taschen ging, der Jäger wollte aber nichts anrühren.
Jetzt gingen die beiden Gesellen weiter und kamen gegen Abend vor der
Hauptstadt an. Da die Thore schon geschlossen waren, kehrten sie im
nächsten Dorfe in einer kleinen Herberge ein. Als der Schuster am andern
Morgen aufwachte und seinen Reisegefährten wecken wollte, war der
durchgegangen und hatte nicht einmal seine Zeche bezahlt. 'Es ist gut,
daß ich den Kerl los bin' dachte der Schuster, zahlte den Wirth und ging
rüstig weiter der Stadt zu.
Am Thor trat die Wache vor ihm in's Gewehr und der Offizier rief:
'Präsentirt's Gewehr!' 'Der hat wohl frühe schon zu tief in's Glas
geguckt,' sprach der Schuster für sich und ging weiter auf das
Schloß des Königs zu. Da sprang die Wache heraus, stellte sich in
Reih' und Glied und der Offizier kommandirte: ' Präsentirt's Gewehr'.' Er
ging auf den Offizier zu und sprach verwundert: 'Was macht ihr denn für
dummes Zeug, ich bin ja ein Schuster meines Handwerks und möchte wissen,
ob ich beim König in Dienst treten kann.' 'Ich will eure Exzellenz zu
seiner Majestät führen,' sprach der Offizier und der Schuster
schüttelte den Kopf, zuckte die Achseln und dachte: 'Sind die Soldaten
denn alle verrückt geworden?'
Der König war überaus gnädig gegen den Schuster, frug ihn, wie
er heiße, woher er komme und was er verstehe? Der Schuster erzählte
Alles aufs Haar. 'Würdest du denn deinen Kameraden den Jäger wohl
wiedererkennen, wenn du ihn sähest?' 'Ei den Burschen fände ich aus
Hunderten heraus!' Da ging der König fort in ein anderes Zimmer und
über eine Weile kam der Jäger herein. 'Ach da bist du ja, du
Hasenfuß!' rief der Schuster; 'du bist mir der rechte Vogel, aber ich
habe dem König Alles gesagt und der wird dir einen tüchtigen
Ausputzer geben.' 'Gemach, gemach, mein guter Freund,' sagte der Jäger und
knöpfte den Rock auf und zog die Mütze aus dem Gesicht; da sah der
arme Schuster, daß es der König selber war. Er wäre vor
Schrecken fast auf den Rücken gefallen, aber der König beruhigte ihn,
verbot ihm etwas von der Sache zu erzählen und schickte ihn sogleich als
Oberst zu dem Regiment, wobei das Schneiderlein Feldwebel war.
'Warte Bürschlein, jetzt sollst du mir herhalten,' dachte der Oberst, als
er zuerst in seiner prächtigen Uniform mit dem Federhut vor die Fronte
ritt und seinen alten Kameraden, den Schneider erblickte. So oft jetzt exercirt
wurde, hatte der Oberst etwas an dem Feldwebel auszusetzen. Bald war das Zeug
nicht gut genug geputzt, oder der Säbel nicht blank, oder der Rock nicht
rein, und dann regnete es Ehrentitel wie Fetthammel, Schmuzlappen, Faulpelz u.
a. auf den Feldwebel von Morgens bis Abends. Wagte er, zu antworten oder sich
zu entschuldigen, dann gab es Arrest wegen Widersetzlichkeit oder
undienstlichen Benehmens; schwieg er aber zu den Vorwürfen, dann wurde er
verstockt und Gott weiß wie genannt; kurz das arme Schneiderlein konnte
nichts mehr recht machen, er mochte sich anlegen, wie er wollte, und war mehr
als einmal in heller Verzweiflung.
Nach einiger Zeit wurde es plötzlich vor den Obersten gerufen. Der frug
ihn: 'Kennst du mich?' Der Feldwebel wußte nicht, was antworten, denn
sagte er ja, dann log er und es taugte nicht für ihn, sagte er nein, was
die Wahrheit war, dann taugte es ebensowenig. Endlich entschloß er sich
frisch heraus die Wahrheit zu sagen, weil dieß doch das Beste sei und
sprach: 'Nein.' 'Dann will ich dir sagen, wer ich bin,' sprach der Oberst, ich
bin dein alter Kamerad, der Schuster. Ich denke du wirst jetzt klüger
geworden sein und deinen Hochmuth und Prahlerei lassen. Zum Lohn für deine
Nöthen ernenne ich dich aber zum Oberfeldwebel.
Seitdem sprach das Schneiderlein nie wieder von seinem Muth, brachte es auch
nicht weiter. Der Schuster aber starb als Generalfeldmarschall.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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