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Die Prinzessin von Tiefenthal
Zur
Zeit als es noch schöner in der Welt war wie heutzutage, geschah es,
daß ein Wachtmeister des Soldatenlebens müde wurde und desertirte.
Im ersten Wirthshaus über der Grenze machte er Halt, denn er war scharf
geritten und müde, das war sein Pferd auch. Er saß nicht lange im
Zimmer, da trabte etwas über die Landstraße daher und hielt vor dem
Wirthshaus: als er herausschaute, waren es zwei Husaren. Nun war guter Rath
theuer, denn er glaubte, die kämen ihn einzufangen; er sagte rasch dem
Wirth, daß er Deserteur sei und der gute Wirth versteckte ihn in die
Nebenkammer. Die zwei Husaren traten herein und frugen: ' Ist nicht ein
Wachtmeister von den Husaren hier eingekehrt?' 'Daß ich nicht
wüßte' erwiederte der Wirth. Hier hilft kein Läugnen,' sprachen
die Husaren, 'wir haben sein Pferd im Stalle gesehn und er muß hier sein,
aber er mag nur hervorkommen, denn wir sind auch desertirt.' Als der
Wachtmeister das hörte, sprang er aus der Kammer heraus und rief: 'Dann
seid willkommen, ihr Brüder' und sie waren alle drei lustig und guter
Dinge. Endlich sprach der Wachtmeister: 'Es ist nicht gut, daß wir drei
zusammen weiter reiten, geht ihr voraus, ich komme nach.' Das geschah, die
Husaren machten sich auf den Weg und eine Viertelstunde nachher folgte der
Wachtmeister.
Er war schon eine Stunde weit geritten da traf er auf zwei Holzhacker und frug
sie, ob nicht zwei Husaren vorbeigeritten wären? 'Ja wohl vor einer
Stunde' war die Antwort. Der Wachtmeister ritt noch schärfer zu und als er
wiederum eine gute Strecke weiter war, fand er ein paar Leute am Wege, welche
Steine klopften. ' Sind nicht zwei Husaren hier vorbeigeritten?' frug er. 'Ja
wohl vor etwa zwei Stunden' sprachen die Leute. Da ritt er noch besser zu und
sah bald einen Dreiweg vor sich. Was nun machen? 'Ich will mein Pferd gehen
lassen' dachte er, 'vielleicht weiß das besser den rechten Weg wie ich.
Das Pferd lenkte eben rechts in den Wald ein und ging immer und immer zu und es
wurde immer dunkler und dunkler, so daß man keine Hand vor den Augen sah.
Plötzlich stutzte das Pferd und wollte nicht weiter. Der Wachtmeister
stieg ab und untersuchte den Boden, da fand er, daß er am Rande eines
tiefen Grabens stand. Er ging zurück, band den Gaul an den nächsten
Baum und legte sich nieder, um den Tag abzuwarten und dann zu sehn, was das
sei. Nach einiger Zeit ging der Mond hinter den schweren schwarzen Wolken
hervor und siehe, da lag ein großes schwarzes Schloß vor ihm und an
einem Fenster brannte ein helles Licht. Er setzte sich wieder zu Roß und
ritt um das Schloß herum. Als er an die Brücke kam, wurde dieselbe
niedergelassen und er trabte in den Schloßhof hinein. Alsobald traten
viele schwarze Diener auf ihn zu, nahmen sein Roß und führten es in
den Stall, ihn aber führten sie in das Schloß und in einen Saal, der
war ganz schwarz ausgeschlagen. Da war eine prächtige Tafel gedeckt und
Speisen aller Art standen darauf, nur waren die Schüsseln und Teller,
Gabeln und Messer alle schwarz. Das kümmerte den Wachtmeister nicht, denn
er war müd und hatte argen Hunger und so ließ er es sich ganz
vortrefflich schmecken.
Gegen elf Uhr ging die Thüre auf und herein trat eine schöne Jungfrau
in königlichen Kleidern; sie war aber ganz schwarz und hatte zwei
Kammerjungfern zu ihrer Seite, eine zur Rechten die andere zur Linken. Sie
grüßte ihn freundlich und sprach: 'Auf dich habe ich schon viele
hundert Jahre gewartet, denn du sollst mein Erlöser sein. Willst du drei
Nächte hier schlafen und schweigen und dich nicht fürchten, was auch
um dich vorgehen mag, dann hast du das Schwerste vollbracht und wir werden
glücklich sein auf ewige Zeit.' 'Ei das will ich schon' sprach der
Wachtmeister. 'Wer so lange gedient und so viel Pulver gerochen hat, wie ich
der hat verlernt was Fürchten heißt.' Rühme dich nicht zu
früh' sprach die Prinzessin, lächelte ihm holdselig zu und ging mit
ihren Kammerjungfern fort. Der Wachtmeister war aber im neunten Himmel, denn
die Prinzessin war gar zu schön und sein Herz in heller Liebe zu ihr
entbrannt. Er warf sich ganz glückselig auf das schwarze Bett, welches
nebenan in einer prächtigen schwarzen Schlafkammer stand; ans Schlafen
aber dachte er nicht. Als es zwölf Uhr schlug that es einen Schlag, als
sollte die Welt untergehn. Zugleich flog die Thüre auf und drei schwarze
Männer traten herein und setzten sich an den Tisch. Einer von ihnen zog
Karten aus dem Sack mischte sie und sprach: 'Drei sind wir, aber zum Spiel
gehören vier.' 'Der vierte ist der Wachtmeister, der dort in der Kammer
auf dem Bette liegt' sprach der Andre. 'Ich will ihn holen, er muß mit
spielen' sagte der Dritte, ging zu dem Bette und lud den Wachtmeister zum
Spiele ein. Der stand auf, setzte sich zu ihnen und spielte mit, schlug
kräftig mit der Faust auf den Tisch, wenn er auftrumpfte, gewann und
verlor, aber er sprach kein Wort. Die Andern gaben sich zwar alle Mühe,
ihn zum Sprechen zu bringen, sie frugen ihn allerhand, schimpften ihn, thaten
als ob sie ihn schlagen wollten, er aber hielt sich ganz ruhig und schwieg. Da
schlug es ein Uhr, die drei Männer rafften in aller Eil ihre Karten
zusammen und fort waren sie. Der Wachtmeister legte sich aber zu Bett und
schlief bis zum hellen Tage. Die Diener brachten ihm, sobald er aufstand, sein
Frühstück; sie hatten jetzt alle Gesichter weiß und roth, wie
andere Menschen, die Schüsseln und Tassen weiße Ränder und die
Messer und Löffel weiße Stiele; auch die Decke seines Zimmers war
weiß geworden und die Laken und Kissen auf seinem Bette. Da öffnete
sich die Thür und die Prinzessin trat ein, grüßte ihn noch viel
freundlicher als das Erstemal und er bemerkte, daß auch sie einen
weißen Schleier trug, der wallte ihr bis auf die Brust herab. 'Nun halte
nur noch zwei Nächte aus, mein Erlöser sprach sie, und Alles ist gut.
Laß dich nichts anfechten, was auch um dich herum vorgehen mag, es
geschieht dir nichts zu Leide.' Alsdann reichte sie ihm holdseelig
lächelnd ihre Hand und verschwand wieder mit ihren beiden Kammerjungfern.
Dem Wachtmeister hüpfte das Herz im Leibe wie ein Eichhörnchen und er
vergaß Himmel und Erde über der wunderschönen Prinzessin. 'Wo
mag die nur ihren Aufenthalt haben?' dachte er und da ihm ohnedieß nichts
als das Sprechen bei der Nacht verboten war, so ging er einmal im Schlosse
herum, von einem Zimmer ins andre. Nein, was das eine Pracht und Herrlichkeit
war! Gold und Silber und Sammt und Seide überall wohin man blickte, so
daß man sich gar nicht satt genug daran sehen konnte. Wenn der
Wachtmeister mit dem letzten Zimmer fertig war, fing er wieder mit dem ersten
an und that nichts anderes als sehen und sehen. Mittags stand sein
köstliches Mahl auf dem Tisch und Abends wiederum. Gegen zwölf Uhr
that es wiederum einen Schlag, daß die Schindeln auf dem Dach rasselten
und die Fenster und Thüren fast aus den Angeln flogen. Der Wachtmeister,
welcher sich schon zu Bette gelegt hatte, richtete sich auf und schaute auf die
Thüre hin. Da kam einer der Männer vom vorigen Abend und brachte eine
lange blutrothe Tischplatte, die beiden andern hatten Messer, Hackmesser und
Schlachtbeile und waren wie auch der erste über und über mit Blut
bespritzt. Sie legten die Platte über ein paar Tische und fingen an ihre
Messer zu wetzen und die Hackmesser und Beile zu schleifen. Dazwischen
unterredeten sie sich, wie sie den Wachtmeister schlachten wollten. Der eine
sollte ihn mit dem Beil vor die Stirn schlagen, wie einen Ochsen, der andre ihn
mit dem Schlachtmesser zerschneiden und der dritte das Fleisch zerhacken. Da
wurde es dem Wachtmeister zwar ein wenig schwül, aber er biß sich
die Zunge und hielt aus, er gab auch keinen Laut von sich, als sie kamen ihn zu
packen. Ehe sie aber noch an seinem Bette waren, schlug es eins und da liefen
sie was gibst du, was hast du, packten ihre Siebensachen zusammen und waren
weg, ehe man eine Hand umdreht. Der Wachtmeister athmete frisch auf und schlief
auf den ausgestandenen Schrecken wie ein Prinz. Als er wieder aufwachte, da war
es gar freundlich und hell um ihn her, das ganze Zimmer war weiß geworden
und nur das Schloß an der Thür noch schwarz. Als die Diener ihm das
Frühstück brachten, trugen sie weiße Kleider und hatten nur
noch schwarze Krägen und Handschuhe. Ebenso die Prinzessin und ihre
Kammerjungfern. Wie war die jetzt so schön und wie war sie erst jetzt so
freundlich! Sie sprang ordentlich ins Zimmer herein vor lauter Freude und
drückte dem Wachtmeister die Hand und sprach: 'Jetzt halte nur noch eine
Nacht aus, mein Erlöser, und fürchte dich nicht; dir kann nichts
geschehen; dann ist das Schwerste überstanden und wir sind glücklich
auf ewig.' Der Wachtmeister war ganz außer sich vor Glück und schwur
ihr hoch und theuer, er wolle sie erlösen und sollte er auch in
Stücke zerhackt werden.
Nachdem die Prinzessin fort war, ging der Wachtmeister wiederum durch die
Zimmer des Schlosses und betrachtete sie eins nach dem andern. Er wußte
die Zeit nicht besser todt zu schlagen, als daß er sie alle abmalte, denn
sein Vater war ein Kunstmaler gewesen und hatte ihn in der Malerei gehörig
unterrichtet, so daß er Alles malen konnte, was er nur sah. Als es kaum
zwölf Uhr in der Nacht geschlagen hatte, da krachte es wieder, daß
ihm fast Hören und Sehen verging. Zugleich sprang die Thür auf und
einer von den Männern kam herein und trug einen ungeheuren Kessel auf den
Schultern, der andre rollte ein Faß Oel herein und der dritte trug eine
schwere Last Holz. Sie hingen den Kessel in der Mitte des Zimmers auf, gossen
das Oel hinein und machten Feuer darunter an. Während dessen sprachen sie
zu einander, heute würden sie Ernst machen und den Wachtmeister lebendig
in dem Oel sieden; bis jetzt hätten sie ihn nur schrecken wollen, und sie
schürten das Feuer immer ärger, so daß es ihm in seinem Bette
heiß wurde und er meinte, das ganze Schloß müsse in Flammen
aufgehen. Er dachte aber bei sich: Bangemachen gilt nicht und lag ruhig da und
schwieg, wie der Fuchs, wenn er den Geist aufgegeben hat. Als das Oel nun recht
kochte und große Blasen warf, da streiften die drei Kerle die
Hemdsärmel in die Höhe, rieben die Hände und riefen: Jetzt
muß er hinein! Also liefen sie auf ihn zu, aber da schlug es ein Uhr und
es that einen Donnerschlag, daß die Fenster und Thüren aus den
Angeln fuhren. Die drei Kerle, das Feuer und der Oelkessel verschwanden in
einem Augenblick, dagegen entzündeten sich tausend Lichter wie von selbst
in dem Saal, und war da eine Pracht, daß es nicht zu sagen ist.
Draußen erscholl eine fröhliche Musik, die Thür flog auf und
eine ganze Reihe von hohen Herren und Damen kam herein, zuletzt die Prinzessin
und alle waren schneeschloßenweiß und in Gold und Silber gekleidet.
Sie aber flog auf den Wachtmeister zu, küßte ihn und schloß
ihn in ihre Arme und rief: 'Sei willkommen, mein herzliebster Erlöser und
Gemahl!' Und als sie das gesagt hatte, steckte sie ihm ihren goldnen Ring an
den Finger und hing ihm ihre goldne Kette um den Hals; da neigten sich die
hohen Herren und Damen dreimal vor ihm und Alles war Jubel und Freude.
Sprach die Prinzessin: 'Jetzt bleibt uns nur noch eins übrig, wir
müssen aus dem Schloß und in meines Vaters Königreich. Wir
dürfen aber nicht zusammen herausgehn, auch mußt du es in deiner
alten Kleidung verlassen. Reite voraus, ich folge dir mit meinem Hofgesinde
nach, aber laß dich durch nichts aufhalten und laß Niemand dich mit
Händen berühren, es würde uns Beiden großen Kummer
bringen.' 'Hab ich bis jetzt Alles fertig gebracht, dann kann ich es auch
ferner,' sprach der Wachtmeister, schwang sich auf sein Roß und ritt weg.
Als er über die Brücke kam, sah er am Wallende ein kleines Haus und
unter der Thür saß ein altes Weibchen, welches spann. Es bot ihm die
Zeit und sprach: 'Ei ihr seit mir ein feiner Herr, daß ihr also euren
Zopf hängen lasset und nicht aufsteckt, wie es einem ordentlichen Soldaten
ziemt.' Damals trugen nämlich die Soldaten noch Zöpfe. Als der
Wachtmeister an den seinen griff, da hing der in der That herab und er gab sich
vergebens alle Mühe, ihn wieder aufzustecken. Indem rollte es an der
Brücke, als wenn viele Wagen kämen und das Weibchen sprach: 'So eilt
euch doch, da kommt die Prinzessin angefahren, was wird die von euch denken.'
Er konnte aber mit dem Zopfe nicht fertig werden, sprang vom Rosse und bat das
Weibchen, es möge ihm den Zopf aufstecken. 'Von Herzen gern' sprach es,
ließ sein Spinnrädchen stehn und schlich zu ihm. Kaum aber hatte es
den Zopf berührt, da sank er zu Boden und lag in einem festen
Zauberschlaf. Gleich nachher kam die Prinzessin mit ihrem Hofstaat angefahren.
Ach wie war sie so untröstlich über ihr trauriges Schicksal, aber was
war da zu machen! Sie schrieb auf ein Papier:
'Wenn du mich willst wiedersehen,
Mußt du ins Königreich Tiefenthal gehen'
und gab es ihm in die Hand, steckte eine Wunschbörse, welche nie leer
wurde in seinen Sack und fuhr weiter, denn hier war ihres Bleibens nicht mehr;
weiter konnte sie nichts für ihn thun.
Also lag der Wachtmeister Jahr und Tag in tiefem Schlafe bis die Zeit herum
war; da erwachte er, fand das Papier in seiner Hand und erkannte nun wohl, wie
er von dem alten Weibchen betrogen worden war. Er zog alsbald seinen
Säbel, lief ins Häuschen und griff die böse Hexe bei den Haaren,
während er schrie: 'Willst du mir jetzt den Weg nach dem Königreich
Tiefenthal zeigen, oder soll ich dich in Fetzen hauen?' Da jammerte die Alte
und versprach ihm alles Mögliche, wenn er sie nur gehen ließe,
heimlich aber sann sie wiederum auf schlimmen Verrath. Nachdem er sie
losgelassen hatte, wies sie ihm einen Weg, den solle er gehen, und er
würde unfehlbar nach Tiefenthal gelangen. Der Wachtmeister machte ihr noch
ein paarmal mit der flachen Klinge auf dem Rücken das Maaß, dann
schwang er sich zu Pferde und fort gings wie der Sturmwind.
Nach drei Tagen kam er in einen Wald; als er hindurch war, sah er Abends von
fern ein Licht. Er ritt darauf zu und kam an ein Haus, das sah just wie ein
Einsiedlerhäuschen aus. Als er eintrat, saß da eine alte Frau, die
bat er um Nachtherberge. 'Ach guter Freund, sprach sie, wer euch zu mir
gewiesen hat, der hat euch nicht wohl gewollt, denn meine Söhne sind
Menschenfresser und sie verschonen Niemanden. Euch aber sollen sie nichts zu
Leide thun, denn ihr habt schon genug ausgestanden, ich weiß Alles.
Versteckt euch nur vor der Hand, damit sie nicht so auf euch losfallen
können.' Das that der Wachtmeister und es war auch die höchste Zeit.
Denn kaum war er in Sicherheit gebracht, da brauste es in der Luft, wie vom
größten Sturm; dann fuhr die Thür auf und der älteste von
den Söhnen polterte herein.
'Menschenfleisch riech ich, Menschenfleisch genieß ich!'
schrie er und tobte in der Kammer umher, aber die alte Frau packte ihn bei den
Schultern und warf ihn auf eine Bank nieder, daß es krachte. 'Da setz
dich hin und rühre dich nicht, du bekommst schon satt' sprach sie. Indem
rauschte es abermals draußen, als wenn der Vogel Greif herangeflogen
käme, die Thür fuhr auf und der zweite von den Söhnen
stürzte herein, schnüffelte in der Kammer herum und schrie:
'Menschenfleisch riech ich, Menschenfleisch genieß ich!'
Da packte die alte Frau ihn und setzte ihn unsanft neben den ersten auf die
Bank nieder. 'Da bleibt ihr jetzt sitzen, ihr langen Schlingel,' sprach sie,
'und hört was ich euch sage.' Anfangs brummten sie wohl noch, aber da hob
die Alte ihren Finger und sie wurden mäuschenstill. Dann holte sie den
Wachtmeister aus seinem Versteck hervor. Als der Aelteste von den Söhnen
ihn sah, rief er: 'Mutter, was ist das für ein fremdes Thier?' 'Das ist
ein Wachtmeister, mein Sohn,' sprach die Frau 'und ihr sollt ihn in das
Königreich Tiefenthal tragen.' Da brummten sie wieder, sprachen, das
wäre gar zu weit und er wäre ihnen zu schwer, aber die Alte gab ihnen
gute Worte, erzählte ihnen seine Geschichte und plauderte ihnen so viel
vor, daß sie endlich versprachen, ihn mit seinem Pferde nach Tiefenthal
zu tragen; der jüngste wollte ihn nehmen und der Aelteste, welcher auch
der stärkste war, das Pferd. Der Wachtmeister dankte ihnen und der Frau
hunderttausendmal. Nachdem sie nun alle gegessen und getrunken hatten kam es
wie ein tiefer Schlaf über ihn und als er wieder erwachte, lag er neben
seinem Pferd im hohen Gras und vor ihm glänzte und leuchtete eine stolze
Stadt mit hundert Thürmen. Er stieg zu Roß, ritt auf die Stadt zu
und fragte die Leute, wie die Stadt heiße? Das sei die Hauptstadt vom
Königreich Tiefenthal, sagten sie. Fröhlichen Muthes trabte er hinein
und nahm noch am selben Tage Dienst unter den Soldaten als Rekrut. Als es am
folgenden Morgen ans Exerciren ging, hei da verstand er das viel besser als die
Corporale und Feldwebel, so daß der König ihn sogleich zum Hauptmann
machte. Die Mannschaft, welche er kommandirte, sah aber schlecht aus, sie hatte
Monturen aller Art und dazu noch zerrissene. Das konnte er nicht sehen und
ließ sie sofort neu auskleiden und die alten Kleider den Armen geben. Was
der König für Augen machte, als bei der Revue der neue Hauptmann
heranmarschirt kam! Er kannte seine eignen Soldaten nicht mehr wieder und
kurzum, er war so entzückt darüber, daß er den Hauptmann mit an
seiner Tafel speisen ließ und drei Tage drauf ihn zum General der ganzen
Cavallerie ernannte. Jetzt wurde die Wunschbörse noch ärger
angezapft; alle Pferde vom ganzen Regiment wurden verkauft und neue stattliche
Thiere dafür angeschafft. Hundert Schneider mußten herbei und Tag
und Nacht nähen, bis das ganze Regiment neu ausgekleidet war. Dadurch kam
der General so in Gnade bei dem König, daß dieser ihm ein Stück
Land gerade neben dem Schloß schenkte und ihm erlaubte, sich daselbst ein
Schloß zu bauen.
Nun setzt sich mein General hin und macht selbst den Plan von dem Schloß,
und macht ihn genau so, wie das Schloß gewesen war, worin er die
Prinzessin erlöst hatte. Dann ließ er, als Alles fertig dastand, ein
Dutzend Maler kommen, die mußten das Schloß grade so malen, wie er
es ihnen sagte und zeigte, denn er hatte die Abzeichnungen der Zimmer aus dem
verwünschten Schloß mitgebracht. Endlich wurden Diener angeschafft
und so gekleidet, wie die Diener der Prinzessin am Tage ihrer Erlösung
gekleidet gewesen waren. Ach da war viel nicht genug und das Geld flog nur so
weg. Eben war sein Schloß fertig, da kam eine Staffette an den
König, die meldete, in Zeit von zwei Tagen würde die Prinzessin
anlangen und gab einen Brief ab, worin stand, sie sei von einem Wachtmeister
erlöst worden, aber ihr Erlöser liege im Zauberschlaf vor dem
verwünschten Schloß. Sogleich ließ der König den General
kommen und erzählte ihm Alles, befahl ihm auch, an der Spitze des Heeres
der Prinzessin entgegen zu ziehen und sie feierlich zu empfangen. Der General
sagte blos: 'Ewer Majestät befehlen' und ließ sich gar nichts
merken.
An dem bestimmten Tage holte er die Prinzessin an der Grenze ab und führte
sie unter großem Jubel des Volkes in die Hauptstadt. Sie erkannte ihn
nicht; wie hätte sie auch drauf kommen sollen, daß der von Gold und
Ordenszeichen strotzende General ihr Erlöser sei, von dem sie nicht anders
wußte, als daß er noch am Wall des Schlosses im Zauberschlaf liege.
Als sie aber an ihres Vaters Schloß kam und das des Generals daneben neu
erbaut sah, da erstaunte sie nicht wenig und ihre erste Frage bei Tische war an
ihren Vater, wem doch das prächtige, stolze Schloß gehöre? 'Das
gehört unserm General' sagte der König und konnte ihr nicht genug von
ihm erzählen. 'Ei das Schloß muß ich sehen' sprach sie und
nach Tische führte der König sie dahin. Als ihr die Diener entgegen
kamen, sprach sie: 'Vater das wundert mich.' 'Was, mein Kind?' 'Ei die
Bedienten, die hat der General nicht nach seinem Kopf also gekleidet.' Als sie
in das erste Zimmer trat, rief sie: 'Vater das erstaunt mich!' 'Was, mein
Kind?' 'Ei das Zimmer, das hat der General nicht nach seinem Kopf also gemalt.'
Als sie in das zweite Zimmer kam, sprach sie gar nichts mehr, in dem dritten
wurde sie todtenblaß und im vierten wäre sie in Ohnmacht gefallen,
wenn der General nicht in seiner Wachtmeisters-Uniform herbeigesprungen
wäre und sie gehalten hätte. 'Was ist das, mein Kind?' rief der
König erstaunt. Sie aber sprach: 'Das ist mein Erlöser und euer
General' und da mußte er ihren Ring und ihre Kette zeigen. Jetzt war des
Jubels kein Ende und eine solche Hochzeit wie die war, ist im ganzen Odenwald
noch nie gehalten worden.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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