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Die Leichenfresserin
Der
König von England hatte eine wunderschöne Tochter, die sprach zu ihm:
' Vater, wenn ich zwanzig Jahr alt bin, so sterbe ich, dann will ich
hinausgetragen sein in das alte Kapellchen vor der Stadt; da sollt ihr mich in
meinem Sarge hineinstellen und jede Nacht eine Schildwache dabei.' Wie sie
gesagt, so geschah's: sie starb auf ihren zwanzigsten Geburtstag und der
König ließ ihren Willen thun. Sie ward in ihrem Sarge hinausgetragen
in das Kapellchen und vor den Altar gestellt, und als es Nacht wurde,
mußte eine Schildwache dabei bleiben. Als aber des andern Morgens der
Soldat abgelöst werden sollte, lag er da und war ihm das Genick gebrochen.
Ebenso ging es mit der zweiten Schildwache und mit der dritten, und zum vierten
Male wollte es Niemand probiren, ob der König gleich eine große
Belohnung darauf setzte. Damals war aber gerade am Hofe von England ein fremder
Schneidergesell? Er war auf seiner Wanderschaft dahin gekommen, und weil er so
gut arbeitete, ließ ihn der König nicht mehr fort, ob er gleich gar
dringend darum bat, weil er das Heimweh hatte. Der machte nun einen Anschlag,
wie er sich auf gute Art aus dem Staube machen möchte und als er glaubte,
es würde so gelingen, trat er vor den König und sprach: 'Herr
König, wollt ihr mir diesen Abend einen Säbel, eine Patrontasche und
ein Gewehr geben lassen, so will ich hinausgehen und bei der Prinzessin
Schildwacht stehn.' Darob lobte ihn der König sehr und ließ ihm das
Verlangte geben. Der Schneider ging damit ganz keck über die Straße
und zum Thor hinaus; als er aber draus war, dachte er mit keinem Gedanken mehr
an die Prinzessin, sondern machte rechts um und lief fort, was er laufen
konnte. Da hörte er sich auf einmal bei Namen rufen, er hielt an und sah
sich um, da stand ein klein alt Männlein vor ihm und sprach, er solle doch
kein Narr sein und fortlaufen, er gehe ja seinem eignen Glücke durch. Wie
er das meine? fragte der Schneider. 'Ei,' sagte das Männchen, 'wenn du
gescheut bist, so gehst du zurück und bleibst heute Nacht in dem
Kapellchen, ich will dir sagen, wie du es anfangen mußt, daß du die
Prinzessin erlösest und König wirst.' Der Schneider wollte Anfangs
Nichts davon wissen, doch endlich ließ er sich einreden und fragte, wie
er sich dazu anstellen müsse, daß ihm nicht auch das Genick
gebrochen würde? Da sagte das Männchen, er solle nur in die
Beichtkammer der Kapelle gehn, darin läge eine Reihe von Leichen und
mitten darin sei noch ein Platz frei, da solle er sich hineinlegen und sich
durch Nichts irre machen lassen, was auch geschehen möchte. Dem Schneider
steckte nun das Königwerden so im Kopf, daß er richtig umkehrte in
die Kapelle und sich mitten zwischen die Todten in der Leichenkammer
hineinlegte. Um eilf Uhr sprang der Sarg auf, die Königstochter von
England stieg heraus, kam in die Beichtkammer und fing an, die Leichen zu
zerreißen und zu fressen. Der Schneider war mehr todt als lebendig, indem
er ihr so zusah, wie sie dem einen Todten ein Bein abfraß und dem andern
einen Arm und die Stücke in der Kammer herumwarf. Als es aber zwölf
Uhr schlug, stieg die Prinzessin wieder in ihren Sarg, der Deckel klappte
über ihr zu und Alles war vorbei. Der Schneider stieg jetzt auf und
stellte sich auf seinen Posten neben den Sarg. Des andern Morgens in aller
Frühe kam der König mit dem ganzen Hofstaat herausgefahren, freute
sich gar sehr, daß der Schneider noch lebte und nahm ihn in seiner eignen
Kutsche mit nach Haus. In die Kapelle ließ er aber das allerbeste Essen
aus der Schloßküche und ein ganzes Faß voll Wein bringen,
damit der Schneider in der folgenden Nacht sich daran stärken könne.
Dem wurde es aber doch ganz bang zu Muth, als es dunkel wurde und er wieder
hinaus mußte. Wenn du dießmal hingehst, frißt sie dich
gewiß! dachte er, als er vor dem Thor draus war und machte rechtsum und
lief fort, dießmal aber einen ganz andern Weg, damit ihm das
Männchen nicht begegnen sollte. Wer ihm aber doch begegnete, das war das
Männchen. 'He! guter Freund!' rief es ihm auf einmal zu, 'wohinaus so
eilig?' Da sprach der Schneider, dießmal gehe er nicht mehr hin, und wenn
er hundertmal König werden und hundert Prinzessinnen heirathen sollte. Das
Männchen sprach ihm aber gar freundlich zu, er habe jetzt die Hälfte
schon vollbracht und brauche nur noch die eine Stunde auszuhalten, er wolle ihm
ja sagen, wie er sich anstellen müsse, damit ihm an Leib und Leben Nichts
geschehen könne. Der Schneider dachte, es wäre doch immerhin
schön, wenn er schon den andern Tag Hochzeit halten könnte und
ließ sich zum zweiten Male bereden Das Männchen sprach jetzt, er
solle getrost wieder hingehen und sich zwischen die Todten legen, wenn aber die
Prinzessin wieder da sei und so recht gierig an einer Leiche fresse, so solle
er hinter ihr vorbeischleichen, bis vor den Altar und statt ihrer in den Sarg
steigen.
Und so that er's. Um eilf Uhr kam die Königstochter wieder und machte sich
über die Leichen her wie ein Wolf, riß eine nach der andern von
einander, warf die Gebeine in der ganzen Kirche herum und schrie dabei in Einem
fort: 'Ich krieg dich doch, du magst stecken, wo du willst.'
Endlich aber blieb sie bei einer Leiche sitzen und fraß und fraß,
als wenn es der beste Braten gewesen wäre. Da stand der Schneider leise
auf, schlich an ihr vorbei, bis vor den Altar und legte sich in den Sarg. Mit
dem Schlag Zwölf kam die Prinzessin und wollte hineinsteigen. Als sie aber
den Schneider sah fing sie an sehr zu klagen und zu bitten, es sei ja ihr Bett,
er solle doch herausgehen und sie hineinlassen, daß sie schlafen
könne. Als das nichts half, fing sie an aufs Fürchterlichste zu
toben, als wenn sie ihn auf der Stelle umbringen wollte; er blieb aber ruhig
liegen und sie konnte ihn nicht anrühren. Mit dem Schlag Eins stürzte
die Prinzessin zusammen und blieb auf dem Boden liegen und schlief. Der
Schneider stand auf und sprach: ' Du hast gut schlafen, denn du hast dich satt
gefressen, ich habe aber seit gestern Mittag noch Nichts in den Leib bekommen!'
und somit machte er sich über das Essen und den Wein her und ruhte nicht
eher, als bis er auch auf den Boden fiel und schlief wie ein Sack. Des andern
Morgens kam der König mit dem Hofstaat herein, da lagen sie alle zwei auf
der Erde, das Eine da und das Andere dort und schliefen als sollten sie nicht
wieder aufstehn.
Als nun Hochzeit gehalten war, und der Schneider zum er- sten Mal bei der
Prinzessin lag, da fürchtete er sich so vor ihr, daß er aus dem Bett
springen wollte, wenn sie nur einen Finger bewegte. 'Ei du Narr,' sprach sie, '
bleib nur, ich thu dir ja Nichts, ich hab auch die Leichen nicht gefressen, es
mußte dir nur so vorkommen.' Da fürchtete sich der Schneider nicht
länger und gab ihr einen herzhaften Kuß. Sie lebten lang und
glücklich beisammen und bekamen viel schöne Kinder.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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