| |
Die getreue Frau
Ein
König hatte eine Tochter, die war überaus schön und klar und
hatte eine gar feine und zarte Haut; wenn sie rothen Wein trank, konnte man
sehen, wie er ihr durch den Hals herunter lief. Die Welt war so erfüllt
mit dem Ruf von ihrer Schönheit, daß selbst des Sultans Sohn aus der
Türkei kam und um ihre Hand anhielt. Sie wollte jedoch nichts von ihm
wissen und sprach, sie wolle keinen Heiden heirathen, der sei ihr zu schlecht
nur ihre Schuhe zu putzen.
Zu gleicher Zeit lebte in einem andern Königreich ein König, welcher
drei Söhne hatte. Da er nicht wußte, welchem von ihnen er nach
seinem Tode das Königreich übergeben solle, so sprach er: 'Gehet auf
Reisen und wer von euch mir das Schönste mitbringt, der wird König.'
Sie zogen sofort aus, doch gereute es sie schon am dritten Tage und die beiden
Jüngsten sprachen zum Aeltesten: ' Lieber Bruder, gehe du nach Hause
zurück und tritt die Regierung an, wir wollen in die Welt hinaus ziehen
und sehen, wo unser Glück blüht.' Sprach der Aeltere: 'Ich kann euch
nicht ziehen lassen, wenn ihr mir nicht versprechet, treu zusammen zu halten in
Freud und Leid und euch nicht von einander zu trennen, auch sobald ihr euer
Glück gefunden habet, zurück zu kommen, damit ich mich mit euch
darüber freue.' Darauf gaben sie sich die Hände und schieden von
einander.
Nach langem Reisen kamen sie in das Königreich, wo die schöne
Prinzessin wohnte. Da gefiel es ihnen so gut, daß sie beschlossen, dort
zu bleiben, der eine wollte den Seedienst lernen, der andere unter die
Landarmee treten. Da sie so schöne Leute waren, nahm der König sie
alsbald an und sie waren so gewandt und geschickt, daß sie in kurzer Zeit
der eine Major und der Jüngste Oberst wurden. Sie hatten so viel Geld von
Hause mitgenommen, daß sie nicht zu knausern brauchten und ein herrliches
Leben führen konnten. Da war kein Mangel an Dienerschaft und Pferden und
Wagen; jeden Tag fuhren sie um Mittag aus und jeden Tag der Woche in einem
andern Wagen mit sechs andern Pferden und andern Bedienten. Sie kamen dabei
stets an dem Schlosse des Königs vorüber, und da wurde die
schöne Prinzessin aufmerksam auf sie und kam jedesmal an das Fenster. Das
bemerkten die zwei Prinzen bald, aber sie merkten nicht, wie die Liebe nach und
nach in dem Herzen der Prinzessin Platz nahm und sie endlich nicht mehr ruhen
ließ bei Tag und Nacht. Der Jüngste der beiden Prinzen, welcher auch
der schönste war, gefiel ihr nämlich so gut, daß sie meinte,
nicht ohne ihn leben zu können; sie mochte es aber Niemand sagen, denn sie
war gar stolz und da sie Alles so in sich verbergen mußte fiel sie
zuletzt in eine schwere Krankheit. Alle Aerzte im Lande mußten herbei,
doch ihre Arzneien halfen nichts und es wurde von Tag zu Tage schlimmer mit
ihr. Da ließ sich endlich ein uralter Mann am Hofe melden, der hatte sein
ganzes Leben hindurch die Welt bereist und kannte alle Kräuter; er hatte
einen Trank ausgefunden, der jede Krankheit auf der Stelle heilte, wenn sie
auch noch so gefährlich war. Der König führte ihn zu der
Prinzessin und kaum hatte der Alte sie gesehen, so sprach er: 'Ich kann ihr
helfen, aber ich muß mit ihr allein sein.' Als der König
fortgegangen war, gab ihr der Alte einen stärkenden Trank, dann sagte er:
'Ihr habt kein körperliches Leiden, sondern eine Herzenskrankheit und ich
kann euch nur helfen, wenn ihr mir aufrichtig bekennt, was euch drückt.'
Anfangs wollte die Prinzessin nicht mit der Sprache heraus, aber der Alte
wußte ihr Vertrauen so zu gewinnen, daß sie ihm endlich Alles
bekannte, doch bat sie ihn, er solle sich nur nichts davon merken lassen.
Da ging der Alte zum König und sprach: 'Ich habe die Krankheit wohl
überwunden, aber es bleibt noch eine Schwäche zurück. Wenn die
Prinzessin jetzt viel Leute sieht und die rechten Leute, die ihr schön zu
erzählen und sie zu unterhalten wissen, dann ist die Schwäche auch
bald gehoben, denn dann denkt sie nicht darüber nach.' 'Wen will sie denn
sehen?' frug der König. 'Von all meinen Hofherren will sie nichts wissen.'
'Wen, das weiß ich nicht,' sprach der Alte, 'aber es sind zwei vornehme
Herren in der Stadt, einer ist Major und der andre Oberst; die könntet ihr
einladen.' Der König freute sich des guten Rathes und sandte sogleich
einen Bedienten zu den beiden Prinzen, um sie zum Mittagessen einzuladen. AIs
der Bediente seinen Auftrag ausrichtete, gaben die Prinzen ihm keine Antwort;
sie sagten zu dem Wirth, er solle ihnen das Essen wie jeden Tag bereit halten.
Sie aßen wie immer zu Mittag, dann fuhren sie nach Gewohnheit aus und an
dem Schlosse des Königs vorbei. Als der König das sah, fuhr er den
Bedienten an, er habe wohl die Einladung nicht gehörig ausgerichtet, doch
der sagte, das sei geschehen, die Herren hatten ihm aber keine Antwort gegeben.
Da setzte sich der König des andern Morgens in seinen Wagen und fuhr
selber zu den Prinzen, lud sie zu sich zu Tische und frug auch, warum sie am
vorigen Tage nicht gekommen seien. 'Man kann auf anderer Leute Reden nicht
gehen,' sprachen sie. 'Wenn wir so etwas auszurichten haben, thun wir es
selbst.' Das freute den König, denn er dachte, da sie so stolz seien,
müßten sie wohl von vornehmer Herkunft sein und er frug sie, wer sie
denn eigentlich seien? Als er nun ihre Abstammung vernahm, da war er gar
außer sich vor Freude und sprach, sie dürften nicht mehr in dem
Wirthshaus wohnen, sondern müßten in seinen Pallast ziehen.
Dieß geschah noch am selben Tage und Niemand war glücklicher
darüber, als die schöne Prinzessin. Als der Jüngste sie nun so
jeden Tag in ihrer ganzen Holdseeligkeit sah, da erwachte auch in seinem Herzen
die Liebe zu ihr und da war es nicht weit mehr bis zur Verlobung und die
Vermählung ließ auch nicht lang warten; also wurden die Beiden das
glücklichste Paar auf Gottes Erdboden.
Ein paar Jahre hatten sie also beisammen gelebt, da sprach der Aeltere: 'Lieber
Bruder, ich habe den Seedienst nicht umsonst gelernt und kann es auf dem Lande
nicht länger aushalten. Zudem finde ich hier mein Glück nicht, darum
muß ich es anderswo suchen und will nächstens mit einem Schiffe
gegen die Seeräuber ziehen.' 'Thue das nicht,' sprach der Jüngste,
'du weißt doch wohl, daß wir unserm Bruder versprochen haben, nicht
von einander zu weichen in Freud und Leid, laß uns darum Wort halten und
treu zusammen bleiben. Wenn du dein Glück finden sollst, dann kannst du es
hier so gut finden, wie in einem andern Welttheil.' Der Aeltere bestand aber
darauf, er wolle fort, da sprach der Jüngere: 'Wenn du gehest, dann kann
ich nicht bleiben, denn ich hatte mein Versprechen, wie hart es mir auch
ankommt.' Und er ging zu seiner Frau und sprach: 'Binnen acht Tagen verreise
ich mit meinem Bruder, um ein wenig die Welt zu sehen; in Jahresfrist sind wir
aber wieder zurück.' Ach wie da die arme Prinzessin weinte und jammerte;
es brach ihm fast das Herz, doch er ließ sich in seinem Entschluß
nicht irre machen, denn sein Wort war ihm allzu heilig. Als nun die Schiffe zur
Abfahrt gerüstet da lagen, zog der Prinz sein Schwert und gab es seiner
lieben Frau, indem er sprach: 'Behalte dieß Schwert als ein Zeichen von
mir; so lange es blank bleibt, geht es mir gut, und so lange du keinen Rost
oder Flecken darauf siehst, bin ich dir getreu und das bleibe ich bis in den
Tod.' Da gab ihm die Prinzessin ihr schneeweißes Gewand und sprach:
'Dafür schenke ich dir diesen Mantel als ein Zeichen von mir; so lange er
weiß bleibt, so lange bleibt meine Treue unverletzt.' Da
küßten und umarmten sie sich unter vielen Thränen und die
beiden Brüder gingen zu Schiffe. Die Prinzessin aber schaute ihnen noch
lange nach, bis die weißen Segel fern auf dem Meer verschwanden.
Als sie etwa acht Wochen auf dem Meere waren, da kamen eines Morgens drei
Schiffe mit Seeräubern gefahren, welche für den Sultan Beute machten.
Die umzingelten das Schiff, worauf die beiden Brüder sich befanden und
machten sie und alle Andere, welche mit ihnen fuhren, zu Gefangenen. Am
folgenden Tage wurden sie vor den Sultan geführt. Als der ihre reichen und
prächtigen Kleider sah, freute er sich über den Fang und frug sie,
woher sie kämen und wer sie seien. Da erzählten sie ihm ihre
Geschichte und baten, er möge sie doch wieder frei geben, sie wollten ihm
schweres Geld senden, so viel, als er verlange. Jetzt war aber seine Freude
erst recht groß, als er hörte, daß einer von ihnen der Gemahl
der Prinzessin sei, welche ihn so schimpflich abgewiesen hatte, und er sprach:
'Ich gäbe euch nicht um alles Gold auf der ganzen Welt, denn ich will mich
an euch dafür rächen, daß die Prinzessin meinen Thron
verschmäht hat; jetzt wird sie aber wohl zahm werden. Ihr seit Hunde und
sollt bei den andern Hunden sitzen und mit ihnen fressen und schlafen.' Da ging
ein trauriges Leben für die Brüder an und hundertmal beklagte der
Aeltere, daß er seinem Bruder nicht gefolgt und ihn auch ins Unglück
gestürzt hätte. Jeden Tag mußten sie die schimpflichsten
Arbeiten verrichten; dazu bekamen sie kein anderes Essen, als die Brocken,
welche vom Tische fielen, denn sobald die Glocke zum Mittagessen läutete,
mußten sie mit den Hunden in das Speisezimmer laufen und sich unter den
Tisch setzen. Die besten Brocken schnappten die Hunde ihnen dazu noch weg, so
daß sie manchmal bittern Hunger litten. Oft mußten sie sich auch
vor den Sultan legen, der alsdann seine Füße auf sie setzte und sie
trat und schimpfte, wenn sie sich nur rührten. Das Schlimmste war ihr
Lager im Hundestall, der sehr unrein war und nie gefegt werden durfte. Darum
mußte der ältere Bruder jeden Morgen seine Kleider sämmtlich
waschen, der jüngere hatte dieß jedoch nicht nöthig, denn an
dem Gewande seiner Frau, welches er beständig trug, blieb kein
Stäubchen hängen und es war immer schloßenweiß, wie der
frischgefallene Schnee; das war sein einziger und größter Trost in
diesen schweren Tagen.
Die Prinzessin hatte unterdessen fleißig nach dem Schwerte geschaut und
war von Herzen froh, daß es stets so hell und blank blieb. Eines Morgens
aber, als sie es erfreut darüber in der Hand hielt und betrachtete, lief
ein trüber Hauch darüber und wie sie auch putzte und wischte, er
wollte nicht weichen. Da ergriff ein schwerer Kummer ihr Herz, denn sie
erkannte nun, daß ihrem lieben Gemahl ein Unglück begegnet sein
müsse, und sie beschloß ihm nachzureisen, um ihn zu retten, koste
es, was es wolle.
Als sie sich eben zur Abfahrt rüstete, kamen Boten in das Schloß,
welche ihr meldeten, daß der Sultan aus der Türkei angekommen sei,
der wolle zu ihr, da er viel mit ihr zu sprechen habe und wolle gegen Abend
kommen. Sie ließ ihm wieder sagen, er könne kommen, jedoch nicht zu
einer andern Zeit, als zwei Stunden vor Mittag und sechs Stunden nach Mittag.
Es dauerte nicht lange, da war er schon im Schlosse, trat mit
heimtückischer Freude in ihr Zimmer und sprach: 'Vor Zeiten habet ihr
meine Hand verschmäht, um euch mit einem armen Königssohn zu
versprechen und den zum Gemahl zu nehmen. Der sitzt jetzt als Hund unter meinem
Tische bei den andern Hunden und frißt die Brocken, welche herunter
fallen. Ich habe euch aber immer noch lieb und frage euch, ob ihr jetzt meine
Frau werden wollt und die mächtigste Fürstin auf der Welt. Bedenket,
daß ihr ein solches Glück euer Leben lang nicht wieder findet, denn
ihr bekommt die größten Schätze, die je Augen sahen und es ist
kein Wunsch, der euch nicht sofort erfüllt würde.' Die Prinzessin
meinte vor Schmerz zu vergehen, als sie hörte, wie der Sultan von ihrem
lieben Manne sprach, und welch ein schreckliches Loos demselben zu Theil
gefallen war. Sie faßte sich jedoch und sagte: ' Eure Gemahlin kann ich
nie werden und wäret ihr selbst Kaiser der ganzen Welt,' und sie ging
schnell in ihr Kämmerlein und ließ ihn stehn. Dort weinte sie sich
recht aus, dann aber warf sie sich auf ihre Kniee nieder und betete zu Gott, er
möge ihr Kraft und Muth in ihren Leiden geben und ihr Vorhaben segnen,
damit sie ihren lieben Gemahl aus seiner schmählichen Gefangenschaft
befreie. Gott erhörte ihr Gebet und stärkte sie so wunderbar,
daß sie sich stark fühlte, Alles zu wagen und zu unternehmen.
Vor der Stadt lag eine Kapelle und ein Häuschen, da kehrten die Pilger
ein, welche nach Jerusalem gingen. Dahin schickte sie ihre treueste Dienerin
und ließ einem der Pilger seine Kleider abkaufen. Diese zog sie an, nahm
ihre Harfe, welche sie meisterlich spielte, und ging Abends an den Strand, wo
des Sultans Schiffe lagen. Da setzte sie sich hin, schlug ihre Harfe und sang:
'Was fehlet dir, mein Herz,
Daß du in mir so schlagest?
Wie kommt es, daß du dich
So heftig in mir regest?
Du störst bei finstrer Nacht
Mir alle meine Ruh,
Am Tag, bei finstrer Nacht.'
Der Sultan, welcher grade auf seinem Schiffe stand, horchte auf und ließ
den Harfner zu sich rufen, sprach: 'Wie kommst' du zu diesen Liedern?' 'Das
sind so meine Träume,' antwortete der Harfner und sang weiter:
'Es schlagen über mich
Die Unglückswellen her,
Ich schweb in Todesangst
Auf einem wilden Meer,
Die stört bei finstrer Nacht
Mir alle meine Ruh,
Am Tag, bei finstrer Nacht.'
Dann fuhr er fort und sang in schönen Versen Alles, was dem Sultan mit der
Prinzessin begegnet war. Da frug der Sultan abermals: 'Wie kommst du zu diesen
Liedern?' 'Das sind so meine Träume,' sprach der Harfner. Da rief der
Sultan erstaunt: "Du mußt mit mir ziehen, magst du dafür
fordern, was du willst.' Hier kann ich nichts fordern,' sprach der Harfner.
'Ich will aber mit euch ziehen und ein Jahr bei euch bleiben. Wenn es mir dann
bei euch gefällt, bleibe ich, gefällt es mir nicht, so gehe ich, doch
müßt ihr mir zuvor schwören, daß ihr mir drei
Wünsche erfüllen und mich ziehen lassen wollt.' Da sprach der Sultan:
'Ich gebe dir Alles, was dein Herz begehrt, das schwöre ich dir beim Feuer
und meinem Bart,' und das ist der höchste Schwur, den die Türken
thun. So blieb der Harfner auf dem Schiffe und fuhr am folgenden Tage
frühmorgens mit dem Sultan ab. Dieser gewann ihn immer lieber wegen seiner
wunderschönen Lieder, so daß der Harfner ihn endlich, wie man zu
sagen pflegt, um einen Finger wickeln konnte und nichts begehrte, was nicht
sogleich erfüllt worden wäre.
Als sie in dem Schlosse des Sultans ankamen, mußte der Harfner gleich am
folgenden Tage bei der Tafel spielen und alle Gäste waren darüber
außer sich vor Entzücken, nur nicht des Sultans Mutter, ein
böses altes Heidenweib, welche stets nur Ränke und Böses sann
und spann. Diese zankte fortwährend, wozu das Geleier diene und sie
könne den Singsang nicht ausstehen, aber Niemand hörte auf sie und
Alle wurden von Stunde zu Stunde lustiger. Als die Tafel fast zu Ende war,
öffneten sich die Thüren und da kamen die Hunde und mit ihnen die
beiden Prinzen herein, der Jüngere in seinem schneeweißen Gewand und
sein armer Bruder. 'Das sind Alles meine Hunde' sprach der Sultan und warf den
Prinzen ein paar Brocken zu; doch da sprangen die andern Hunde herbei und
schnappten sie ihnen weg. Der Harfner mußte sich sehr Gewalt anthun, als
er dieß jammervolle Schauspiel ansah, aber er ließ sich nichts
merken und sprach nur: 'Mir scheint, ihr füttert eure Hunde schlecht, die
beiden großen Menschenhunde sehen gar mager aus.' Dann warf er ihnen
große Brocken hin, welche die beiden Prinzen gierig verschlangen, denn
ein so reiches Mahl hatten sie lange nicht bekommen. Das ärgerte die alte
Sultanin noch mehr, als sie aber darüber poltern wollte, fing der Harfner
an zu singen und da ging sie voller Wuth weg. Aber auch der Sultan ärgerte
sich darüber, darum stand er schnell von der Tafel auf, als das Lied zu
Ende war. Zugleich kamen die Diener und schwangen ihre langen Peitschen, da
wurde das Zimmer bald leer.
Am folgenden Tage sonnte sich der Sultan in seinem Rosengarten, wo die Sklaven
arbeiteten, und er ließ den Harfner kommen, daß er vor ihm spiele.
Da schlug er die Harfe gar schön und sang dazu:
'Ich kam in kurzer Zeit
In einen schönen Garten,
Da sah ich also schöne stehn
Viel Blumen aller Arten;
Darunter sah ich eine Rose blühn,
Ich wollt, ich könnte sie für mich erziehn.
'Das ist ein wunderliches Lied' sprach der Sultan, 'aber sage mir nur welche
Rose du meinst, ich will sie dir sogleich schenken.' 'Ach das sind meine
Gesänge so, ich habe keine von euren Rosen gemeint,' sprach der Harfner
und fuhr fort:
'Jetzt muß ich ganz betrübt
Aus diesem Garten gehn;
Niemand kommt fragen mich,
Wie es mir wird ergehn.
Die Unglückswellen fallen
Zu schwer über mich herein.'
'Welche Unglückswellen meinst du denn?' frug der Sultan und der Harfner
antwortete: 'Ach das sind meine Lieder so.' Da sprach der Sultan und wies dabei
auf die beiden Prinzen hin, welche im Schweiß ihres Angesichtes graben
mußten: 'Kennst du die Hunde dort? die sind aus deinem Lande, gehe und
sprich mit ihnen.' 'Ich kenne sie nicht' erwiederte der Harfner, 'aber ich bin
auch nicht aus dem Lande, wo du mich gefunden hast, ich bin viel weiter her,
will aber doch mit ihnen sprechen, ob sie meine Muttersprache verstehn.' Da
ging er zu ihnen und machte allerlei Wischi waschi durcheinander daher, als ob
er eine ganz fremde Sprache rede, doch die Prinzen sprachen: 'Wir verstehen
dich nicht' und das war ihnen nicht zu verdenken, denn das hätte kein
Heidenkind verstanden. Der Harfner kam zum Sultan zurück und sprach: 'Sie
verstehen meine Sprache nicht, aber aus welchem Lande sind sie denn?' 'Diese
Hunde sind zwei Prinzen, welche ich gefangen halte, weil die Frau des einen
meine Liebe verschmäht hat.' 'Da geschieht ihnen recht' sprach der
Harfner, 'wenn sie aber mein wären, ließe ich sie feine Arbeiten
machen, welches die andern Sklaven nicht können. Sie müßten mir
schöne Körbe flechten, Käfige schnitzen und solche Dinge, womit
ich mein Haus und meinen Garten verzierte.' Das sagte er aber, weil er
wußte, daß die Prinzen solches in ihrer Jugend gelernt hatten und
damit sie nicht mehr so harte Arbeit thun müßten. 'Das ist ein guter
Gedanke,' sprach der Sultan, 'aber sie können es schwerlich.' 'Es kommt
auf eine Probe an,' erwiederte der Harfner. Da wurden ihnen Weiden und Messer
und Holz gegeben und sie flochten und schnitzten so schön, daß der
Sultan außer sich vor Freude war.
Mittags mußte der Harfner wieder bei Tische spielen und man setzte ihm
ein reiches, kostbares Mahl vor, doch aß er nur sehr wenig davon. Als die
Hunde aber herein gelassen wurden, da lockte er die zwei Prinzen zu sich und
warf ihnen große Bissen zu. Das ärgerte die alte Sultanin und sie
hetzte an dem Sultan und sprach: 'Sieh doch, wie das gute Essen verschwendet
wird. Es ist eine Schande, daß die Hunde es bekommen. Mach dem doch ein
Ende.' Anfangs sprach der Sultan wohl, man solle den Harfner gewähren
lassen, aber sie hörte nicht auf zu hetzen bis er ärgerlich rief:
'Ich will nicht haben, daß du den Hunden dein Mahl gibst.' 'Verzeiht,
Herr Sultan,' sprach der Harfner, 'die Hunde können nichts fordern, darum
muß man ihnen geben. Wenn ihr aber nicht haben wollt, daß ich den
armen Hunden eine gute Mahlzeit gebe, dann lasset mich in mein Vaterland
zurück gehn.' Da schwieg der Sultan und ließ ihn gewähren.
Als aber jeden Mittag dieselbe Geschichte war, wurde der Sultan dessen endlich
müde, denn die Alte sprach stets : ' Laß ihn nur laufen, er verdirbt
dir die Hunde durch Leckerbissen und wer weiß, was er noch im Schilde
führt. Den Christen ist nicht zu trauen.' Er sprach eines Tages: 'Ich kann
dem nicht länger zusehn, gehe sobald es dir geliebt.' 'Dann will ich
gleich morgen gehen,' sprach der Harfner und freute sich und lobte Gott in
seinem Herzen. 'Vorher aber müsset ihr mir euer Versprechen lösen und
mir meine drei Wünsche gewähren.' 'Thue das nur nicht, raunte die
Alte dem Sultan ins Ohr, aber der sprach: 'Ich muß es thun, denn ich habe
es geschworen beim Feuer und meinem Bart. Sage mir, was du dir für drei
Dinge wünschest und ich will sie dir gewähren.' Da that der Harfner,
als ob er sich besänne und sprach alsdann: 'Fürs erste wünsche
ich mir den weißen Hund, (das war nämlich der Prinz, welcher das
weiße Gewand trug) für's zweite den andern Hund, welcher immer bei
ihm ist und für's dritte ein Schiff mit Geld und Mannschaft, um in mein
Vaterland zu fahren.'
Da machte der Sultan ein saures Gesicht, die Alte aber sprang und tanzte vor
Wuth und rief: 'Das geht nicht, die Hunde bekommst du nicht, du hast Hundes
genug an dir selbst.' Der Harfner aber sprach: 'Bedenket euren Schwur, Herr
Sultan, ich verlange nur, was mir zukommt.' Der Sultan erwiederte: 'Du forderst
das Größte, was ich habe, aber da du mein Versprechen hast, sollst
du Alles bekommen' und er ließ den Prinzen die Ketten abnehmen und sie
auf das Schiff des Harfners führen. Der Harfner fiel ihm zu
Füßen und dankte ihm für das Geschenk, doch der Sultan wollte
nichts von Dank wissen und ging zornig weg.
Wer da glücklicher war, die Prinzessin d.f. Harfner, oder die beiden
Prinzen, das ist schwer zu sagen. Gern hätten sie ihr für ihre
Rettung gedankt, aber sie ging auf dem Schiffe nicht aus ihrer Kammer,
ließ auch Niemanden zu sich herein, außer einem Mädchen,
welches ihr das Essen brachte. Sie lag Tag und Nacht auf den Knieen und dankte
Gott für alle Gnaden, welche er ihr erwiesen hatte, bat ihn, ihr ferner
auch beizustehn und sie nicht zu verlassen in Leid und Freude. Das Schiff flog
schnell über das Meer dahin und landete bald in einem Hafen ihres
Königreiches. Da ging sie aus ihrer Kammer hervor und ließ die
beiden Prinzen zu sich kommen. Sie wollten sich vor ihr auf die Kniee werfen,
aber sie sprach: 'Ihr brauchet mir nicht zu danken, danket Gott dem Herrn. Ich
schenke euch eure Freiheit und Alles was im Schiffe ist, aber bevor ihr ans
Land tretet, sollet ihr hier niederknieen und Gott die Ehre geben.' Da knieten
die Prinzen und beteten inbrünstig, sie aber schlich sich unterdessen in
ihren Harfnerkleidern leise fort und ging auf heimlichen Wegen der Hauptstadt
zu.
Unterwegs traf sie einen Pilger, der ging desselben Wegs. Sie fragte ihn, was
man sich Alles in der Stadt erzähle und wie es der Prinzessin ergehe. Der
Pilger antwortete: 'Man weiß nichts von ihr, sie ist weggegangen, seitdem
der Sultan da war, und kein Mensch kann sagen wohin. Die Minister haben ihrem
Vater aber gesagt, sie gehe auf schlechten Wegen und ihm so lange zugeredet,
bis er an allen Straßenecken hat bekannt machen lassen, wer sie
überliefere, der erhalte eine große Belohnung. Man will nämlich
Gericht über sie halten und dann konnte es leicht ein schlechtes Ende mit
ihr nehmen.' Die Prinzessin sprach: 'Du kannst dir diese Belohnung verdienen,
wenn du Alles thust, was ich dir sage, und du bekommst noch viel mehr dazu.'
'Wie sollte das möglich sein?' frug der Pilger. 'Ich bin die Prinzessin'
sprach sie und verabredete sich mit ihm, was er zu thun habe. Dann ging sie mit
ihm in das Haus vor der Stadt, wo die Pilger einzukehren pflegten und wechselte
dort die Kleider; darauf band er sie und führte sie in das Gefängnis.
Am selben Abend langten die beiden Prinzen gleichfalls in der Hauptstadt an und
wurden mit großen Freuden empfangen. Das erste was der Jüngste aber
sprach, war: 'Wo ist meine liebe getreue Frau? ' Da traten die Minister zu ihm
und antworteten: 'Wir möchten lieber von ihr schweigen, aber da wir reden
müssen, so müssen wir auch die Wahrheit sagen. Sie ist als eine feile
Dirne im Lande herumgefahren und erst heute eingefangen und ins Gefängnis
gebracht worden.' 'Das ist nicht wahr' sprach der Prinz, 'denn ihr Gewand ist
so weiß, wie mein Schwert blank ist, darum kann ich es nicht glauben.' Da
brachten sie aber Zeugen, welche aussagten, daß die Prinzessin zur Zeit
wo der Sultan da gewesen, plötzlich verschwunden sei und daß Niemand
sie seit dem Tage gesehen habe. Der Prinz sah sein Gewand an und es dünkte
ihm weißer als je zuvor, doch da sprachen die Minister: 'Das Gewand kann
euch trügen, denn da sie so lange herumstreichen konnte, versteht sie sich
gewiß auch auf Zauberkünste, darum darf man dem Gewande nicht trauen
und dem Recht muß sein Lauf gelassen werden.' Der Prinz meinte, das Herz
müsse ihm vor Leid zerspringen, als er das hörte, ach er hätte
Alles so gern nicht geglaubt und er konnte doch am Ende nicht anders.
Am folgenden Tage wurde Gericht gehalten und da sich die Prinzessin gar nicht
vertheidigte und kein Wort sprach, so wurde sie zum Tode am Galgen verurtheilt.
Als der Tag herankam, wo das Urtheil sollte vollstreckt werden und man die
schöne Prinzessin in groben Kleidern auf den Richtplatz führte, da
war Trauer in der ganzen Stadt und wurde mehr geweint als gelacht. Auf dem
Richtplatz war ein schwarzer Thron aufgeschlagen, worauf der Prinz saß,
denn es war Sitte im Lande, daß Niemand hingerichtet werden durfte, als
in Gegenwart des Königs oder eines Prinzen. Als er seine Frau sah, da
brach er in Thränen aus, denn er glaubte immer noch sie müsse
unschuldig sein und hielt sich beide Hände vors Gesicht, damit das Volk
nicht sähe, wie bitterlich er weinte. Sie bat aber, man möge ihr nur
eine Gnade schenken, bevor sie sterbe. Das wurde ihr zugesagt und sie sprach: '
Dann lasset mich einen Augenblick mit dem frommen Pilger, der dort steht, in
dem Kapellchen allein beten und mich zum Tod vorbereiten.' Da schloß man
ihr dies Kapellchen auf und sie trat mit dem Pilger hinein. Der hatte aber ihre
Harfe unter seinem Mantel verborgen und auch die Kleider, in welchen sie vor
dem Sultan gespielt und die beiden Prinzen erlöst hatte. Diese zog sie in
der Sacristei rasch an, färbte ihr Gesicht und nahm die Harfe in die Hand.
Also trat sie heraus und vor den Prinzen; der sah sie aber nicht, weil er so
sehr weinte. Sie sang:
' Kennst du den Harfner nicht,
Der dich ja hat erlöst?
Erlöset hat er dich
Aus Kerker und aus Banden
Und hat dich heimgebracht
Wol in dein Vaterland.
Ich falle nieder hier
Auf meine beiden Knie,
Ach du mein liebster Herr,
Verzeihe dieses mir,
Ich wollte dich ja nur
Für mich allein erziehn.'
Als der Prinz die Stimme hörte und die Harfentöne dazu, hob er
erstaunt sein Haupt, da erkannte er den Harfner und sprang von seinem Thron, um
ihn zu umarmen und willkommen zu heißen. In demselben Augenblick aber
warf der Harfner die falschen Kleider ab, da stand die Prinzessin da in ihrer
ganzen Schönheit. Was das für Freude und Glückseligkeit war, das
könnten tausend Schreiber in hundert Jahren nicht ausschreiben. Der Prinz
erzählte vor allem Volke, daß er sein Leben einzig und allein seiner
lieben Frau verdanke und da ging erst der Jubel recht los. Beide wurden im
Triumph durch die Straßen der Stadt geführt und die Festlichkeiten
wollten gar kein Ende nehmen.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
|
|