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Die eisernen Stiefel
Ein
König hatte ein großes Schloß, darin wohnte er mit seiner
Frau. Sie waren aber gar nicht glücklich darin, denn sie hatten wohl
Reichthümer genug, Dienerschaft die Menge und große Ställe voll
Pferde, aber das Beste und Schönste fehlte ihnen, sie hatten keine Kinder.
Das machte ihnen ihr Leben recht bitter und das Herz oft so schwer, daß
sie weinen mußten. Aber es schien ihnen noch viel mehr Trübsal und
Leid bestimmt, denn eines Tages brach ein großes Feuer aus, welches das
ganze Schloß verzehrte. Der König und die Königin kamen zwar
mit dem Leben davon, aber von all ihren Schätzen und all ihrer Habe
retteten sie nur eine eiserne Kiste voll Gold. Damit bauten sie das schöne
Schloß wieder auf, aber die Freude währte nicht lange. Ein zweiter
Brand verschlang das neue Schloß und es wurde nichts gerettet, als die
eiserne Kiste, die aber war leer. So war der König plötzlich so arm
geworden, wie der ärmste Mann in seinem Lande, und noch ärmer, denn
ein armer Mann kann wenigstens arbeiten und sich sein Brod verdienen, das aber
konnte der König nicht. Seine Diener und Hofherren waren im Nu wie
fortgeblasen, denn in's Königs Haus geht nicht viel Treue ein und aus und
ein König kann noch viel eher sagen als unser eins: der Freunde in der
Noth gehn hundert auf ein Loth. Da nahm er seine Frau an der Hand und die
Beiden gingen tief betrübt in den Wald. Da stand ein verlassenes
Hirtenhäuschen, dies bezogen sie und wirthschafteten darin, wie geringe
Leute. Der König trug selbst sein Brennholz nach Hause und die
Königin machte selber Feuer an und kochte Suppe und Kartoffeln. Das war
sehr ungewohnte Arbeit für sie, darum wurde es ihnen Anfangs recht sauer,
aber nach und nach gings immer besser und sie hatten sich mit jedem Tage
lieber, viel lieber als da, wo sie noch auf dem Throne saßen und Alles
vollauf hatten.
Eines Tages, als der König im Walde Holz fällte, trat ein fremder
unbekannter Mann zu ihm, der frug ihn, wie es ihm gehe? 'Nicht allzugut' sprach
der König. 'Es will immer noch nicht so recht vorwärts mit der
Arbeit.' Sprach der Fremde: 'Ihr habt nicht nöthig zu arbeiten, ihr
könnt es besser haben, das liegt nur an euch.' 'Wie meint ihr das?' 'Wenn
ihr mir schriftlich versprecht, was ihr nicht wißt, dann fülle ich
euch eure eiserne Kiste mit Gold.' Der König dachte: Was ich nicht
weiß, macht mir nicht heiß und gab dem Fremden das Versprechen auf
ein Stück Papier. Der aber lachte boshaft und sprach: 'Dann lasset Beil
und Holz nur hier liegen und geht nach Hause.'
Als der König nach Hause kam, sprang seine Frau ihm schon von weitem
entgegen und rief: 'Ein Glück kommt selten allein, denke dir, die eiserne
Kiste ist voll Gold und was wir uns seit Jahren schon gewünscht haben,
unser größtes Glück das sollen wir auch bekommen.' Wie war der
König da so froh! Er ließ alsbald alle möglichen Handwerker
kommen, Maurer und Zimmermann, Schlosser und Schreiner und es dauerte nicht
lange, da stand an der Stelle des Hüttchens das schönste Schloß
von der Welt im Walde. Noch wohnte er keine drei Wochen darin, da erfüllte
sich auch das andere Glück, denn die Königin genas eines schönen
Söhnchens; so daß dem Könige nichts zu wünschen übrig
blieb.
Am folgenden Tage ließ sich ein fremder Mann bei dem König melden.
Als derselbe hereintrat, begrüßte ihn der König mit vieler
Freude und wollte ihm von seinem Glück erzählen, aber der Fremde
sprach: 'Ich weiß schon Alles, dein Sohn ist ja das, was du mir
versprochen hast, ohne es zu wissen. Sobald er fünfzehn Jahre alt ist,
muß er in den Wald kommen, da wo ich dich gefunden habe, da will ich ihn
holen und mit mir nehmen.' Mit den Worten war der Fremde verschwunden, der
König stand aber da, wie vom Donner gerührt. Da lagen nun alle seine
Hoffnungen und viel lieber wäre er wieder im Waldhäuschen gewesen,
als in seinem großen und prächtigen Schloß, denn um den Preis
hatte er ja seinen Sohn verkauft. In der ersten Zeit sagte er der Königin
nichts davon, als sie es aber später erfuhr, da weinte sie Tag und Nacht
und wollte sich nicht trösten lassen. Der König suchte sie zu
beruhigen und sagte: 'Wer weiß, ob es nicht besser geht, als wir glauben.
Es wird sich wohl ein Mittel finden, unser Kind zu retten. Warum sollen wir uns
jetzt schon darüber quälen und uns alle Freude verbittern; Gott wird
schon helfen, wenn wir das Unsrige thun.' Eine Zeit lang schlugen diese Reden
wenig an, später aber wurde die Königin immer ruhiger und endlich
ganz heiter, denn sie hatte Gott Alles anheim gestellt.
Als das Kind größer wurde, gaben es die Aeltern einem frommen
Priester zur Erziehung, daß er es in Allem unterrichte, was ein Prinz
wissen muß. Sie verschwiegen ihm zwar, was es mit dem Knaben für
eine gefährliche Bewandtnis hatte, denn der König schämte sich
zu sagen, daß er sich mit dem Teufel eingelassen habe und sich von ihm
betrügen lassen, doch der Priester merkte es dem Kinde alsbald an,
daß es dem Bösen verschrieben und verkauft war. Darum erzog er den
Knaben vor Allem in der Gottesfurcht, ließ es aber dabei an andern
Künsten und gelehrten Dingen nicht fehlen. Als der Knabe das vierzehnte
Jahr erreicht hatte, sprach er zu ihm: 'Gehe zu deinen Aeltern und frage sie,
an welchem Tage du in dem Walde sein mußt, da wo dein Vater stand, als
ihm der fremde Mann zuerst erschienen ist, und bringe mir Antwort um jeden
Preis.' Der Knabe ging in das Schloß und frug zuerst seine Mutter, dann
seinen Vater, doch Beide wollten es ihm nicht sagen, bis er sie bedrohte; da
gestand der König Alles, wie es war, und daß er an feinem
fünfzehnten Geburtstage auf der Waldwiese sein müsse. Getrost kehrte
der Prinz zurück, denn er fürchtete sich vor nichts; er blieb nun bei
seinem Lehrer, dem er Alles wieder erzählte, und während des ganzen
Jahres war nicht einmal die Rede von dem Abenteuer, welches ihm bevorstand.
Am Morgen seines fünfzehnten Geburtstages trat der Prinz zu dem Priester
und sprach: 'Ich komme, um Abschied von euch zu nehmen und euch für Alles
zu danken, was ich hier gelernt habe. Mit Gottes Hülfe werde ich wol des
Teufels Meister werden.' 'Das geht nicht so leicht,' sagte der Priester; 'wenn
du mir aber folgen willst, kann es dir nicht fehlen.' Er gab ihm einen Stab und
unterrichtete ihn in Allem, was er zu thun hatte, begleitete ihn noch bis zum
Rande des Waldes und schied von ihm mit seinem Segen und vielen guten
Wünschen.
Der Prinz schritt wacker zu und kam bald an den Platz, wo er des Bösen
warten sollte. Er schaute sich nach allen Seiten um, aber da war nichts zu
hören noch zu sehn. Der Wald lag todtenstill da, kein Vogel sang darin,
nur manchmal raschelte ein Eichhörnchen durch die Zweige oder ein Reh lief
scheu vorüber. Da fing ihm wohl das Herz an zu pochen, doch faßte er
all seinen Muth zusammen und sang ein frisches frommes Lied. Da schollen
plötzlich helle Töne, wie von vieler Musik aus der Luft, Trommeln und
Pfeifen, Hörner und Geigen. Er schaute empor, da fuhr ein Schiff durch die
Luft daher und auf ihn zu, darin saß eine Menge von Teufeln, die
musizirten und sangen und schrieen dazwischen:
'Die Zeit und Stunde die ist aus,
Ferdinand, Ferdinand komm herauf!'
Dabei streckten sie die Klauen nach ihm aus, um ihn zu greifen, aber er nicht
faul schlug ihnen mit dem Stabe drauf, da heulten sie ganz erbärmlich und
fuhren weiter, als ob ein Gewitter hinter ihnen drein gewesen wäre.
Der Prinz athmete frisch auf, doch nicht lange, denn da kam ein zweites Schiff
gefahren, darin saßen noch viel ärgere und größere Teufel
als in dem ersten; sie machten eine so durchdringende Musik, daß er sich
fast die Ohren zuhalten mußte und schrieen:
' Die Zeit und Stunde die ist aus,
Ferdinand, Ferdinand komm herauf!'
griffen auch mit ihren Klauen und Krallen nach ihm. Er theilte ihnen aber so
gründliche Schläge aus, daß sie heulend zurückfuhren und
das Schiff schoß weiter, wie ein Pfeil vom Bogen.
Jetzt war des Prinzen Muth gewachsen, denn da er die zwei Schiffe voll Teufel
bestanden hatte, meinte er auch das dritte noch bestehen zu können, wenn
ja ein solches noch kommen sollte. Nun kam zwar kein Schiff weiter, doch sein
Muth litt eine noch härtere Probe. Es fuhr nämlich ein goldner Wagen
heran, der mit feurigen Pferden bespannt war, daraus erscholl eine so
sinnverwirrende Musik, daß Ferdinand seiner Besinnung nur schwer Meister
blieb. Wie in den Schiffen, so saßen auch in dem Wagen Teufel die Menge,
zu oberst aber der Altteufel, der lehnte sich weit aus dem Wagen heraus und
rief mit gräulicher Stimme:
'Die Zeit und Stunde die ist aus,
Ferdinand, Ferdinand komm herauf!'
Dabei hielt er dem Prinzen das Papier vor, welches der König
unterschrieben hatte. Ferdinand nahm aber all feine Kraft zusammen und schlug
den Altteufel, als derselbe nach ihm greifen wollte, mit dem Stabe tüchtig
auf seine Pfote. Da ließ er die Handschrift fallen und schrie,' daß
der ganze Wald widerhallte; die Pferde schnaubten Feuer und der Wagen zischte
durch die Luft dahin schneller wie der Blitz.
Nun stand Ferdinand allein im Walde da, aber sein Herz war leicht und
fröhlich und auch der Wald wurde jetzt lebendig; wie nach einem schweren
Gewitter, so kamen die Vöglein aller Orten hervor und sangen und
jubilirten, die Hirsche und Rehe sprangen munter daher, als hätten sie gar
keine Scheu vor ihm und das Bächlein hüpfte frisch über die
weißen Kiesel. Der Prinz eilte zu seinem Lehrer zurück, welcher ihn
mit banger Spannung erwartete und sich gar sehr freute, ihn wiederzusehn. 'Du
bist zu großen und schönen Dingen berufen,' sprach der Priester da,
'darum kannst du nicht länger bei mir bleiben und mußt nun fort in
die Welt.' Der Prinz erwiederte: 'Nun ich mit dem Teufel fertig geworden bin,
habe ich eine wahre Sehnsucht in mir nach dem Himmelreich, darum bitte ich
euch, daß ihr mir ferner helfet Und saget, wie ich dahin gelangen kann.'
'Davon kann ich dir wenig sagen,' sprach der Priester. ' Gehe aber im Walde
fort, bis du an das große Wasser kommst, welches jenseits desselben
liegt; da wohnt ein Einsiedel, der kann dir mehr davon sagen, wie ich.'
Da nahm Ferdinand Abschied von dem Priester und wanderte in den Wald hinein. Er
hatte schon manchen Schritt und Tritt gethan, da wurde es eines Tages lichter
und immer lichter, der Wald öffnete sich vor ihm und er kam an ein
großes Wasser, dessen Ende er gar nicht absehen konnte. Am Ufer lag ein
Hauschen von Holz und Moos mit einem Kreuzchen drauf, da klopfte er an. Die
Thür ging auf und der Einsiedel mit seinem langen grauen Bart und der
braunen Kutte trat heraus. Der Prinz grüßte ihn bescheidentlich und
fragte ihn: 'Könnt ihr mir sagen, wie ich den Weg zum Himmelreich finde?'
Der Einsiedel antwortete: 'Ich kann dir das nicht sagen, ich wohne schon
dreihundert Jahre hier und sah in all der Zeit keinen Menschen; aber mein
Bruder weiß es wohl, der wohnt dreihundert Meilen von hier, jenseits des
Wassers, wenn du ihn fragen willst, wird er es dir sagen.' 'Wie soll ich aber
über das Wasser kommen?' fragte der Prinz weiter und der Einsiedel ging
mit ihm zum Ufer, wo ein Kahn lag und sprach: 'Setze dich hinein und du wirst
den Weg bald gemacht haben.' Ferdinand dankte dem frommen Manne, setzte sich in
den Kahn und sogleich begann die Reise. Der Kahn schoß leicht und schnell
über die Wellen daher, als ob sechs Rudrer gerudert hätten und der
Wind in volle Segel geblasen hätte. Ehe er sichs versah, war der Prinz am
andern Ufer und sprang aus dem Kahn ans Land. Er schritt heitern Gemüthes
weiter, bis er abermals an ein großes Wasser kam. Da stand am Ufer
wiederum ein Häuschen von Holz und Moos mit einem Kreuzchen drauf und
drinnen saß der Einsiedel mit weißem Bart und brauner Kutte und las
in einem großen Buch; vor ihm stand ein Todtenkopf und sein
Wasserkrüglein. Ferdinand grüßte ihn und fragte: 'Könnt
ihr mir nicht sagen, wie ich den Weg in's Himmelreich finde?' Der Einsiedel
antwortete: 'Ich kann es dir nicht sagen, ich wohne schon dreihundert Jahre
hier und habe in der Zeit keinen Menschen gesehn, aber mein Bruder, der
jenseits des Wassers wohnt, ist älter und klüger als ich, der kann es
dir wohl sagen, wenn du ihn fragen willst.' ' Wie soll ich aber über das
Wasser kommen?' frug der Prinz. 'Dazu will ich dir verhelfen,' sprach der
Einsiedel und ging mit ihm zum Ufer, wo ein Kahn lag: 'Setze dich nur in diesen
Kahn und du wirst bald dort sein.' Ferdinand dankte ihm, stieg in den Kahn und
fort gings, wie der Wind. Bald landete der Kahn und er sprang ans Land. In der
Ferne sah er schon das Haus des dritten Einsiedels, es war aber viel höher
und größer, wie das der beiden andern. Der Prinz trat zu der
Thür und klopfte, da kam der Einsiedel heraus. Ferdinand grüßte
ihn bescheidentlich und fragte: 'Könnt ihr mir nicht sagen, wie ich den
Weg zum Himmelreich finde?' Der Einsiedel sprach: 'Ich wohne bereits seit
dreihundert Jahren hier, aber noch hat mich keiner nach dem Himmelreich
gefragt; ich kann es dir nicht sagen, aber droben im andern Stock des Hauses
wohnen allerlei Vögel, die können es dir jedenfalls sagen.' Der Prinz
dankte dem Einsiedel für seinen Rath, stieg in den obern Stock, wo die
Vögel waren und frug sie: 'Wisset ihr nicht, wie ich den Weg ins
Himmelreich finde?' Da schrieen alle die Vögel durcheinander: 'Wir wissen
es nicht, wir wissen es nicht, aber wir sind nicht alle beisammen. Der Vogel
Greif ist ausgeflogen, wenn der wiederkommt, kann er es dir sagen, er ist eben
im himmlischen Paradies.' Es dauerte dem Prinzen gar lange, bis der Vogel Greif
kam, auch war da ein Lärm und Geschrei von den Vögeln, daß er
sich die Ohren zuhalten mußte. Endlich schrieen sie: 'Da kommt er! da
kommt er!' Der Prinz trat ans Fenster und sah, wie von fernher eine große
Wolke heranflog, als sie näher kam, wurde sie immer größer und
dabei rauchte es, wie ein starker Wind. Das war der Vogel Greif, er flog auf
das Haus zu und ließ sich vor demselben nieder. Ferdinand trat zu ihm und
frug: ' Kannst du mir sagen, wie ich in das Himmelreich komme?' 'Sagen kann ich
es dir wohl,' sprach der Greif, 'aber das Sagen allein hilft dir nichts, denn
du kannst weder zu Wasser noch zu Lande hinein. Ich will dir aber helfen und
dich hineintragen.' Ferdinand wollte ihm danken, aber ehe er noch sprechen
konnte, faßte der Greif ihn schon mit seinen ungeheuren Klauen und flog
mit ihm auf, immer höher und höher, bis er ihn im Himmelreich
niedersetzte.
Der Prinz schaute sich erfreut um. Er stand in einem herrlichen Garten voll der
prächtigsten Blumen und Bäume; in der Mitte erhob sich ein hohes
stolzes Schloß, das leuchtete in der Sonne wie von purem Gold. Vor dem
Schlosse lag ein großer, großer Teich und in dem Teich eine
große furchtbare Schlange. Die hätte manchen Andern in Furcht und
Schrecken versetzt, der Prinz aber hatte längst verlernt, was es
heiße Furcht haben. Er ging keck auf den Teich los und betrachtete sie,
da hob sie ihr Haupt aus dem Wasser empor, sah ihn mit klugen Augen an und
sprach: 'Ferdinand, ich habe schon lange auf dich gehofft und geharrt, denn du
sollst mich erlösen und kein Anderer kann es, als du allein.' Der Prinz
fragte: 'Wie soll ich dieß denn anfangen?' Die Schlange antwortete: 'Du
mußt drei Nächte im Schlosse schlafen. Da wird dir allerhand
begegnen, aber du darfst dich nichts anfechten lassen, was auch komme. Bestehst
du diese Zeit, dann bin ich erlöst und wir sind Beide glücklich, du
und ich.' Der Prinz versprach ihr gerne das Beste, denn er dachte, wenn er so
viel ausgehalten habe, dann könne er auch noch die drei Nächte
aushalten. Da gab ihm die Schlange noch allerlei Rathschläge, wie er sich
zu verhalten habe, dann tauchte sie ihr Haupt nieder unter das Wasser und war
verschwunden.
Ferdinand ging in dem Garten umher, die wunderbaren Bäume und Blumen zu
beschauen und betrat zuletzt auch das Schloß. Da stand ein reich
gedeckter Tisch im schönsten Saale, den man mit Augen sehen kann. Er
setzte sich hinzu und ließ es sich wohlschmecken, und je mehr er aß
und trank, um so mehr neue und köstlichere Speisen wurden von unsichtbaren
Händen herbeigetragen. Gegen Abend legte er sich zu Bette, aber er konnte
nicht schlafen, denn er war allzuneugierig, was wohl in der Nacht vorgehen
werde.
Gegen zwölf Uhr fuhr die Thür auf und eine große Gesellschaft
von prächtig gekleideten Herren und Frauen kam herein. Viele Diener mit
Kerzen gingen ihnen zur Seite und hinterher kam eine zahlreiche Bande von
Musikanten, welche lustige Tänze spielten. Hei, war das ein Leben!
Ferdinand sah ihnen verwundert zu, wie sie tanzten und sprangen, aber er
hütete sich wohl mit ihnen herum zu springen. Da kamen sie alle nach der
Reihe an sein Bett und luden ihn ein, mit zu tanzen und sich mit ihnen zu
freuen, aber er that, als höre und sehe er nichts und blieb unbeweglich da
liegen, wie ein Stock. Das dauerte so fort, bis die Glocke Eins schlug, da
verschwand der ganze Spuk. Zugleich ringelte sich die große Schlange
herein und sprach: ' Ferdinand , mein Erlöser, eine Nacht hast du
ausgehalten und zwei stehen dir noch bevor; fürchte dich aber nicht, es
geschieht dir nichts und Niemand kann dir am Leben schaden.'
In der zweiten Nacht hatte es wiederum kaum Zwölf geschlagen, als dieselbe
Gesellschaft mit Dienern und Musikanten in das Zimmer trat und ihre Tänze
begann. Sie kamen an sein Bett und riefen, er solle heraus kommen und mit ihnen
tanzen, doch er blieb liegen und hörte nicht auf sie. Da drohten sie ihm
und als er auch da noch liegen blieb, zerrten sie ihn heraus, schlugen ihn und
traten ihn mit Füßen, doch er ließ es sich ruhig gefallen und
das wurde ihm nicht schwer, denn er fühlte nichts davon. Also ging es
fort, bis es Eins schlug, da verschwand die ganze Sippschaft. Die Schlange kam
wieder herein und sprach: 'Ferdinand, mein Erlöser, zwei Nächte hast
du glücklich ausgehalten und eine steht dir noch bevor; das ist die
härteste von allen. Fürchte dich aber nicht, es geschieht dir nichts
und Niemand kann dir am Leben schaden.'
Der Prinz erwartete muthig in der dritten Nacht die zwölfte Stunde. Als es
schlug erschien auch das gespenstische Volk wieder und begann seine alten
Streiche. Zuerst tanzte es allein, dann wollte es ihn verlocken mit zu tanzen.
Als er standhaft blieb und sich nicht rührte, da rissen sie ihn aus dem
Bette heraus und schlugen ihn und als auch das nicht helfen wollte, da
schnitten sie ihn in Stücke und tanzten darauf im Zimmer herum, bis es
Eins schlug. Da verstoben sie wie ein Rauch. Zugleich öffnete sich aber
die Thür und herein kam - nicht die Schlange, sondern die
allerschönste Königstochter. Die ging im Zimmer umher, las die
Stücke zusammen und fügte sie aneinander. Als das letzte
Stückchen dabei war, da sprang der Prinz auf und war so frisch und gesund
wie vorher und schaute die Königstochter mit erstaunten Augen an. Da
sprach sie: 'Ferdinand, mein Erlöser, jetzt hast du dein Werk vollbracht
und ich bin dein auf ewig; wir bleiben nun beisammen und du hast Alles, was
dein Herz begehrt.' Da umarmte sie der Prinz und küßte sie und Beide
waren froh und glückseelig. Sie führte ihn in dem ganzen Schloß
umher und da wimmelte es von Bedienten und Hofherren, überall war ein
neues Leben eingekehrt. Nachdem sie ihm das Schloß gezeigt hatte,
führte sie ihn auch in den wunderherrlichen Garten, wo jetzt Alles noch
viel schöner als vorher stand; nur an einem kleinen Gartenhäuschen
ging sie vorüber und schloß es nicht auf. Da frug der Prinz, was in
dem Häuschen sei, aber sie sprach: 'Da frage nicht und schließe es
auch nie auf, wenn du mich lieb hast, denn wenn du dies thust, ist es dein
Unglück.' Da drang er nicht weiter in sie und versprach ihr, er wolle nie
hinein schauen.
Eine Zeitlang lebte der Prinz mit der schönen Königstochter in
Glück und Freude; nach und nach aber mußte er stets, wenn er in dem
Garten war, auf das Gatenhäuschen schauen und er wurde mit jedem Tage
neugieriger zu wissen, was wohl darin sein möge. Er sagte der
Königstochter nichts davon, denn er schämte sich, ihr wieder davon
anzufangen, nachdem er ihr doch das Versprechen gegeben hatte, nicht
hineinschauen zu wollen. Wenn er allein im Garten war, ging er um das
Häuschen herum, ob er eine Ritze fände, durch die er hineingucken
könnte, aber die Fenster und die Thüre waren ganz dicht. Zuletzt aber
konnte er seine Neugier nicht mehr bändigen, trat hinzu und schloß
kurz und gut die Thüre auf. Da sah er tief, tief hinab und unter sich die
Welt, auf der Welt aber seines Vaters Schloß. Alsbald überfiel ihn
ein schmerzliches Heimweh und er mußte immer denken: 'Ach wäre ich
doch nur Einmal wieder zu Hause, sähe ich meine Aeltern doch nur Einmal
wieder.' Anfangs ließ er sich nichts davon merken, denn er schämte
sich, sein Versprechen gebrochen zu haben, aber er wurde von Tag zu Tage
stiller und betrübter. Da bat ihn seine Frau eines Morgens, er solle ihr
doch sagen, was ihm fehle und sofort wolle sie es ihm gewähren. 'Ich
möchte meine lieben Aeltern einmal wiedersehn, ich habe sie so lange nicht
gesehn,' sprach er. Da seufzte sie tief auf und sagte: 'So hast du dein
Versprechen nicht gehalten. Da es nun aber nicht anders sein kann, so fahre hin
und besuche sie, nur merke dir das Eine: Wenn du in Noth gerathen solltest,
dann rufe mich bei meinem Namen Katharina Magdalena, so bin ich alsbald bei
dir. Hüte dich jedoch, es ohne Noth zu thun, denn dann würdest du
mein und dein Unglück vollenden und uns Beide in bitteres Leiden bringen.'
Der Prinz versprach ihr in seiner Freude Alles, was sie wollte und wie bald er
wieder zurückkehren werde. Dann nahm er Abschied von ihr, setzte sich in
einen prächtigen Wagen mit sechs Schimmeln bespannt und fuhr hinab zur
Erde und geraden Wegs nach seines Vaters Schloß.
Ach da fand er unterdessen gar vieles verändert. Seine liebe Mutter war
gestorben und sein Vater hatte eine andere Frau genommen, welche noch sehr jung
und dabei überaus schön war. Der alte König war über alle
Maaßen glücklich, als er seinen Sohn nach so langer Zeit wiedersah
und veranstaltete ein Fest über das andere zur Feier seiner Rückkehr.
Als nun alle Gäste bei Tische saßen und die junge Königin gar
so schön in ihrem Schmuck glänzte, da sprach der König: 'Du bist
nun viel in der Welt herumgekommen und hast manche schöne Frau gesehn, gib
aber einmal der Wahrheit die Ehre und sage mir, ob du je ein so schönes
Weib gesehen hast, wie meine Gemahlin ist.' Der Prinz sprach: 'Deren gibt es
wohl wenige, aber ich weiß doch eine welche noch tausendmal schöner
ist.' 'Das ist nicht möglich!' rief der König, 'und das glaubt dir
kein Mensch, bevor er sie sieht. Ich möchte aber wissen, wo sie denn zu
finden wäre.' 'Das will ich dir sagen,' sprach der Prinz, 'es ist meine
Frau, und die hat ihres Gleichen nicht und neben ihr kann keine andere
aufkommen.' Das ärgerte den König und er bestand darauf, es sei
unmöglich und wenn es wahr wäre, dann hätte Ferdinand sie wohl
mitgebracht. Also stritten sie und erhitzten sich immer mehr, bis der Prinz
rief: 'Nun so muß sie herbei und mag es gehn wie es will. Katharina
Magdalena!' Da trat die wunderschöne Frau herein, und Alle verstummten,
weil sie so überschön war, daß ihr nichts verglichen werden
konnte; aber sie sah gar blaß und traurig aus. Sie kam schweigend an den
Tisch und schrieb mit ihrem feinen schneeweißen Finger darauf; das gab
goldene Buchstaben und lautete also:
'Es ist dir unmöglich, ein Paar eiserne Stiefel zu zerreißen. Und
ebenso unmöglich, wieder ins himmlische Paradies zu reisen. Und als sie
das geschrieben hatte seufzte sie tief auf und verschwand. Der Prinz war schon
erschrocken, als sie so blaß und traurig hereintrat und seine Schuld lag
ihm schon in dem Augenblick schwer auf dem Herzen. Jetzt aber, wo er sah
daß er durch seinen Leichtsinn sein ganzes Glück verscherzt und
seine liebe Frau verloren hatte, war er ganz trostlos. Er faßte sich aber
bald einen Muth und sprach zu sich selber: Was ich verbrochen habe, dafür
will ich auch Buße thun, und ging aus dem Saal, ohne einem der Gäste
Lebewohl zu sagen. Diese waren Alle so sehr von der Erscheinung getroffen,
daß ihnen die Lust zum Essen und Trinken ganz vergangen war und einer
nach dem andern sich leise fortschlich.
Ferdinand ging aber zu einem Schmied, der mußte ihm ein Paar eiserne
Stiefel an die Füße schmieden, damit wanderte er in die weite Welt
hinaus. Jahr aus, Jahr ein zog er also herum, von Land zu Land, von Stadt zu
Stadt und gönnte sich kaum die allernöthigste Ruhe. Da war ihm kein
Sommer zu heiß und kein Winter zu kalt, kein Berg zu steil und kein Weg
zu schlecht, er wanderte immer und immer zu und war da kein Halten an ihm.
Als nun einmal nach einem gar harten und kalten Winter, worin er viel
Mühsal ausgestanden hatte, der liebe Gott die große warme Stube
wieder aufschloß, schaute er eines Morgens nach seiner Gewohnheit nach
den Stiefeln, ob er sie nicht bald zu Schanden gelaufen habe. Da sah er,
daß die Sohlen so dünn waren, daß sie keine acht Tage mehr
halten konnten. Das war die erste frohe Stunde, welche er seit vielen Jahren
wieder hatte und er dankte Gott auf seinen Knieen dafür. Sein erster Weg
war nach dem Walde zu, an dessen Ende der Einsiedel am großen Wasser
wohnte. Er bat ihn, daß er ihm nur einmal noch den Kahn gebe, der ihn
über das große Wasser trüge und der gute Einsiedel führte
ihn zum Ufer und hieß ihn einsteigen. Ebenso schnell wie das erstemal war
er am andern Ufer. Der zweite Einsiedel half ihm dort in den andern Kahn, also
kam er zu dem dritten Einsiedel, welcher ihn zu den Vögeln schickte. Es
dauerte nicht lange, da flog der Vogel Greif wieder heran und Ferdinand bat ihn
flehentlich, er möge ihn noch einmal in das Himmelreich tragen. Da
faßte der Greif ihn mit seinen starken Klauen und erhob sich in die Luft
und flog immer höher und höher, bis er den Prinzen in dem
wunderschönen Paradiesgarten niedersetzte. Unterwegs frug Ferdinand, wie
es der schönen Prinzessin ergehe? ' Da sprach der Greif: 'Seitdem du fort
warst, ist sie sehr traurig gewesen, nun aber feiert sie ihre Hochzeit mit
ihrem neuen Gemahl.' Das schnitt dem armen Prinzen durch das Herz, und er bat
den Greif, doch nur schnell zu fliegen, bevor die Prinzessin mit ihrem neuen
Gemahl in ihre Kammer gehe.
Als der Prinz an das Schloß kam, da erscholl ihm herrliche Musik entgegen
und Alles war Freude und Lust. Leise schlich er durch das Thor und die Treppen
hinan zu der Kammerthür seiner lieben Frau. Da zog er seine jetzt ganz
zerrissenen Stiefel aus und stellte sie hin; an die Thüre schrieb er:
'Es ist möglich, ein Paar eiserner Stiefel zu zerreißen. Und ist
auch möglich ins himmlische Paradies zu reisen.'
Er selber aber stellte sich nebenan in eine dunkle Ecke.
Abends als die Königstochter mit ihrem neuen Gemahl in ihre Kammer eingehn
wollte, stieß sie an die eisernen Stiefel. Da erschrak sie freudig, aber
noch mehr, als sie das Haupt erhob und auf der Thür las, was der Prinz
geschrieben hatte. Sie erkannte daraus, daß ihr geliebter Ferdinand
wieder zurückgekehrt sei, hieß ihren neuen Gemahl auf den andern
Abend warten und ging allein in ihre Kammer. Wie war der Prinz so
glücklich, als er sie in ihrer ganzen Schönheit wiedersah und nun
wußte, daß sie ihn doch lieber habe, als ihren neuen Gemahl. Er
regte sich aber nicht in seiner Ecke, bis sie in ihrem Zimmer war, dann ging er
und offenbarte sich den Bedienten, befahl ihnen jedoch, keinem Menschen etwas
von seiner Rückkehr zu sagen. Er wurde nun in seine prächtige Kammer
geführt, wo er die Nacht blieb, er schlief aber nicht vor lauter Freude.
Am folgenden Tage wurde auf Befehl der Prinzessin ein herrliches Mahl bereitet
und alle Hochzeitsgäste dazu geladen. Als nun die Speisen aufgetragen
waren, erhob sich die Prinzessin und sprach: 'Ich habe eine eiserne Kiste,
worin ich meine Perlen und Edelsteine verschlossen halte. Durch
Unvorsichtigkeit verlor ich den Schlüssel dazu. Ich suchte lange vergebens
darnach, als ich ihn nicht finden konnte, ließ ich den Schlosser kommen
und bestellte einen neuen Schlüssel. Nun habe ich glücklicherweise
den alten Schlüssel wieder gefunden und möchte euren Rath hören,
welchen der Beiden ich nehmen soll, den alten oder den neuen? ' 'Natürlich
den alten!' riefen alle Gäste einstimmig. Da öffnete sich die
Thüre und der Prinz trat in den Saal und alle Gäste eilten ihm
entgegen, ihn willkommen zu heißen, nur der neue Bräutigam nicht.
Der schlich sich leise fort und Niemand hörte noch sah niemals wieder
etwas von ihm. Zuerst vor allen aber flog die Prinzessin ihrem geliebten Gemahl
an die Brust und ein glücklicheres Paar mag wohl nie gewesen sein, als die
Beiden waren.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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