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Der Vogel Phönix
Es
war einmal ein König und der war krank und alle Aerzte kamen darin
überein, daß er nicht zu retten sei, als wenn er den Vogel
Phönix singen hörte. Der König hatte aber drei Söhne, die
rief er vor sich und sprach zu ihnen: 'Wer von euch mir den Vogel Phönix
bringt, dem schenke ich das ganze Königreich.' Da zogen sie alle drei aus
und blieben zusammen, bis sie an einen Baum kamen, der an einem Kreuzwege
stand. In den Baum schnitten sie alle drei ihre Namen hinein und verabredeten
sich, wer zuerst zurückkehre, der solle an dem Baum warten, bis die andern
kämen und sie alle zusammen zu ihrem Vater heim ziehen könnten. Dann
ging jeder seines Wegs.
Als der erste ein Stück gegangen war, begegnete ihm ein Bär, der frug
ihn: 'Wohin geht die Reise?' - 'Was geht das dich an, sprach der Prinz und zog
seines Wegs weiter, aber der Bär brummte und ließ ihn gehn.
Der zweite war noch nicht weit, als ihm derselbe Bär begegnete und ihn
frug: 'Wohin geht die Reise ?' - 'Kümmere dich um dich,' sagte der Prinz,
ließ den Bären stehn und ging seines Wegs weiter. Der Bär
brummte etwas in den Bart und ließ ihn laufen.
Dem dritten, welcher der Jüngste war, begegnete der Bär ebenfalls und
frug auch ihn: 'Wohin geht die Reise?' Da antwortete der Jüngling: 'Mein
Vater ist krank und kann nicht gesund werden, wenn er nicht den Vogel
Phönix singen hört. Ich bin mit meinen Brüdern ausgezogen, ihn
zu holen.' 'Laß die andern gehn,' sprach der Bär, 'und verlaß
dich auf mich und setze dich auf meinen Rücken.' Das that er und der
Bär fing an zu laufen, daß dem Jüngling fast Hören und
Sehen verging; so lief er zwölf ganzer Stunden und kam gegen die Mitte der
Nacht in einer schönen Stadt an. Da blieb der Bär stehn und sprach:
'In dieser Stadt wohnt der König, der den Vogel Phönix hat. Geh nun
in das Schloß hinein, such dir einen Dienst und sieh, daß du in das
Vogelhaus dringest; da steht der Vogel Phönix in einem hölzernen
Käfig und darin mußt du ihn wegtragen. Setze ihn nur ja nicht in
einen andern, sonst bekommt es dir schlecht.' Der Prinz that, wie der Bär
gesagt hatte. Er suchte sich am folgenden Morgen Dienst im Schloß und das
Glück wollte ihm wohl und er wurde zum untersten Käfigputzer in dem
Vogelhaus ernannt. Weil er aber seinen Dienst sehr gut versah, so rückte
er schnell vorwärts und bekam immer höhere Stellen, bis er endlich
nach dem Tode des obersten Vogelraths zum ersten Vogelrath ernannt wurde. Da
dachte er, es sei nun Zeit, den Vogel Phönix zu rauben und als der
König einmal auf der Jagd war, da ging er in das Vogelhaus, um sein
Vorhaben auszuführen. Als er aber den schönen Vogel schon in der Hand
hatte, da meinte er, der hölzerne Bauer sei doch zu schlecht, ein so
kostbares Thier müsse auch in einem kostbaren Käfig wohnen und er
nahm einen der prächtigsten goldnen Käfige, setzte den Vogel hinein
und floh mit ihm. Kaum war er aber vor dem Thor, als der Vogel Phönix
anfing, aus Leibeskräften zu schreien, als sei ihm einer mit einem Messer
am Halse. Da liefen die Schloßdiener alle zusammen - der Prinz Ferdinand
wurde gefaßt und in's Gefängnis geworfen. Da hatte er Zeit,
über seinen tollen Streich nachzusinnen! Er bereute ihn aus Herzensgrund
und rief ein über das anderemal: 'Ach lieber Bär, hätte ich dir
doch gefolgt!' Da stand plötzlich der Bär vor ihm und machte ihm
Vorwürfe über seinen Ungehorsam. Ferdinand bat ihn, er möge es
doch verzeihen und ihm noch einmal helfen, er wolle es ja nicht wieder thun und
ihm in allen Stücken folgen. 'Wir wollen sehn,' sprach der Bär. '
Wenn du morgen vor den König geführt wirst, dann sage ihm aufrichtig,
daß du deinem kranken Vater den Vogel Phönix hättest bringen
wollen und wenn er dir ihn gebe, dann würdest du ihm die Schönste
unter der Sonne holen.' Das that Ferdinand, der König war's zufrieden und
der Prinz wurde losgelassen.
Als er vor das Thor des Schlosses kam, stand der Bär schon da, Ferdinand
setzte sich auf seinen Rücken und fort ging's, wie der Sturmwind so
schnell und wieder zwölf Stunden lang ohne Aufhören weiter. Da
standen sie vor einer andern Stadt, die war noch größer und
schöner als die erste. Es war aber halbe Nacht, als sie ankamen. Da stieg
Ferdinand von des Bären Rücken und der sprach: 'In dieser Stadt wohnt
ein König, der hat drei Töchter und die Jüngste davon ist die
Schönste unter der Sonne. Suche nun in das Zimmer zu dringen, wo die
Prinzessinnen schlafen; du erkennst die rechte daran, daß sie die
schlechtesten Kleider an hat. In diesen Kleidern sollst du sie forttragen, aber
ja ihr keine schönen anziehn, denn sonst ist es um dich geschehn.' Der
Prinz ging in das Schloß, verdingte sich als Knecht und stieg von Stelle
zu Stelle, bis er Kammerherr der Prinzessinnen wurde. Da dachte er, jetzt sei
es Zeit, die Schönste unter der Sonne zu rauben, drang Nachts in ihr
Zimmer, nahm sie auf seinen Arm und wollte mit ihr weggehen. Da fiel das Licht
der Nachtlampe auf ihr holdseliges Gesicht und es that dem Prinzen leid,
daß das schöne Mädchen so schlecht angezogen sei. Er ging hin
und nahm sich prächtige goldne und silberne Kleider, die in Menge an der
Wand hingen, zog die der Prinzessin an und wollte fliehn. Indem erwachte aber
die Schönste unter der Sonne, und als sie sich in den Armen des
Kammerherrn fand, schrie sie laut auf. Alsbald kamen ihre Schwestern und der
König und die Königin, die in dem Zimmer daneben schliefen - der
Prinz wurde wieder gefangen und in einen tiefen Thurm geworfen. Nun wo das Kind
ertrunken war, hätte er gerne den Brunnen zugedeckt, aber das war zu
spät. 'Ach lieber Bär!' rief er, 'wer dir doch gefolgt hätte!' -
'Ja, das sagst du schon wieder und du folgst doch nie!' rief der Bär, der
im selben Augenblicke vor ihm stand. 'Jetzt helf ich dir noch einmal und dann
ist's am Ende. Wenn du morgen vor den König kommst, dann erzähle ihm
Alles aufrichtig und sage ihm, wenn er dir die Schönste unter der Sonne
gäbe, dann wolltest du ihm das schnellste Pferd verschaffen.' Der Prinz
that, wie gesagt, und der König sprach, das solle ein Wort sein und gab
ihn frei. Vor dem Thor des Schlosses stand der Bär schon wieder und der
Prinz setzte sich auf seinen Rücken und fort ging's, schneller als eine
Kugel fliegen kann.
Als sie zwölf Stunden älter waren, standen sie gegen Mitternacht vor
einer Stadt, die war zweimal so groß als die vorige. Da sprach der
Bär: ' Geh in die Stadt und in das Schloß, da wohnt der König,
der das schnellste Pferd hat, das steht im Stall bei den andern und du kannst
es daran erkennen, daß es einen hölzernen Sattel auf dem Rücken
hat, da die andern goldene und silberne Sättel haben. Laß ihm aber
den hölzernen Sattel auf und mache keine dummen Streiche mit den andern
schönen Sätteln, sonst wirst du sehn, was es gibt und dann helf ich
dir nicht mehr.' Ferdinand versprach Alles, was der Bär haben wollte, ging
in die Stadt und suchte am folgenden Morgen Dienst bei dem König. Der
hatte aber gerade einen Stalljungen nöthig und der Prinz ließ sich
den Dienst schon gefallen. Er war auch so fleißig und fegte den Stall so
schön rein, daß ihn der König bald darauf zum Stallmeister
machte und da war er weit genug. Eines Abends, wo der König gerade ein
großes Gastmahl hielt, ging er in den Stall und band das schnellste Pferd
los. Als er aber den hölzernen Sattel auf dem schönen Thiere sah,
dachte er wieder, das sei doch Jammer und Schande, der König habe noch
goldene Sättel genug und zudem könne das Pferd ja nicht sprechen; und
er band den hölzernen Sattel ab und schnallte einen goldnen auf. Kaum war
er aber mit dem Pferde vor der Thür, da machte es mannshohe Sprünge
und schrie: 'Diebe! Diebe! Der Stallmeister will mich stehlen!' Und da lief
gleich das ganze Schloß zusammen - der Prinz wurde gepackt und in den
Thurm gesperrt. Das hatte er nun davon. Er fing aber sein altes Spiel wieder an
und weinte und rief: 'Ach lieber Bär, hätte ich doch gefolgt!' aber
der Bär hatte sich Baumwolle in die Ohren gestopft und wollte nichts
hören. AIs Ferdinand nun die ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch
lamentirt hatte, da stand der Bär wieder vor ihm und sagte unwirsch: 'Habe
ich dir's nicht gesagt? Aber wer nicht hören will, der muß
fühlen, und wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen; morgen
kannst du Hochzeit halten mit des Seilers Tochter!' Da fiel Ferdinand dem
Bären um den Hals und sprach: 'Ach du goldiger Bär, ich bitte dich, '
sei mir wieder gut und verzeih mir nur dießmal noch, ich will ja gern
Alles thun, was du haben willst.' 'Das plaudere du den Gänsen vor, aber
mir nicht,' sprach der Bär und wollte gehn, aber der Prinz weinte so
jämmerlich, daß es der gute Bär nicht übers Herz bringen
konnte und sagte: 'Nun, ich will's denn noch einmal versuchen, aber ich sage
dir, es ist das allerletztemal. Wenn du vor Gericht kommst, dann sage dem
König, wenn er dir das schnellste Pferd gebe, dann wolltest du ihm den
kostbarsten Stein bringen.' Da ward Ferdinand wieder froh und dankte dem guten
Bären aus Herzensgrund. Als er am folgenden Tag vor Gericht kam, that er,
wie der Bär ihn geheißen und es ging gut, denn der König
hätte schon lange gern den kostbarsten Stein gehabt und ließ ihn
darum gerne los. Vorm Schloß aber erwartete der Bär ihn, der Prinz
setzte sich auf seinen Rücken und weg war er.
Nachdem sie sich zwölf Stunden lang Bewegung gemacht hatten, hielt der
Bär vor einem hohen Berge an und sprach: 'Der Berg wird sich gleich
öffnen und eine Stunde lang offen bleiben. Geh dann hinein und habe keine
Furcht, wie viel Löwen und Tiger auch auf dich zustürzen mögen,
denn sie können dir nichts anhaben. Am Ende der Höhle, in die du
kommst, findest du den kostbarsten Stein auf einem kleinen hölzernen
Stühlchen ; nimm ihn schnell, komme gleich wieder und halte dich nur ja
nicht bei den Haufen anderer Edelsteine auf, denn sonst ist es um dich
geschehen und ich kann dir nicht mehr helfen, wenn du auch nur eine halbe
Minute länger, als eine Stunde ausbleibst.' Ferdinand gelobte, dem
Bären in allen Stücken zu folgen, einige Augenblicke später aber
öffnete sich die Höhle und er ging hinein. Da kam zuerst ein
Löwe auf ihn zugestürzt, aber er ließ sich das nicht anfechten
und der Löwe lief an ihm vorbei. Dann kamen Tiger, Wölfe, Bären
und allerlei Ungeheuer, aber er ging seines Wegs weiter bis an das
hölzerne Stühlchen, da nahm er den kostbarsten Stein und steckte ihn
schnell in die Tasche. Jetzt wollte er eilends wieder zurück, aber da
lagen überall auf seinem Wege so viele Edelsteine, daß er der
Versuchung nicht widerstehn konnte und sich immer wieder bückte und alle
Taschen vollstopfte. So war er bis fast an den Eingang der Höhle gekommen
und da lag noch ein großer Haufen der schönsten Edelsteine. Als er
sich aber hinzu bückte, bekam er von unsichtbarer Hand eine so gewaltige
Ohrfeige, daß er bis fünfzig Schritt vor die Höhle flog und
ohnmächtig liegen blieb. Als er erwachte, saß der Bär neben ihm
und sprach: 'Nun bedanke dich bei mir für die Ohrfeige, denn wenn ich dir
die nicht gegeben hätte, dann säßest du in der Höhle, die
sich noch in derselben Minute geschlossen hat. Theile nun die Edelsteine und
gib dem König den kostbarsten und von jeder Sorte die Hälfte, dann
bekommst du das schnellste Pferd.
Das that der Prinz und der Bär trug ihn zurück bis an das
Schloß. Da ging Ferdinand hinein und gab dem Könige die Edelsteine,
der König übergab ihm dafür das Pferd und der Prinz flog darauf
wie ein Pfeil durch die Luft und zu dem König, unter dessen Töchtern
die Schönste unter der Sonne war. Als er vor dem Königsschloß
ankam, ließ er sein Pferd draußen stehn, trat hinein und sprach:
'Herr König, ich habe das schnellste Pferd mitgebracht; kommt mit euren
Töchtern heraus und seht es; ich will euch eine Probe von seiner
Schnelligkeit geben.' Da freute sich der König und kam mit seiner ganzen
Familie heraus, aber die Töchter standen zu seiner Seite auf dem
Schloßhof. Ferdinand sprang auf das schnellste Pferd und ritt mit ihm an
dem König vorbei und zu den Prinzessinnen, die es streichelten und
liebkosten. Als aber die Schönste unter der Sonne das auch thun wollte und
ganz nahe bei dem Pferde stand, da faßte Ferdinand sie schnell, hob sie
zu sich auf das Roß - fort waren sie und der König hatte das
Nachsehn. Anfangs sträubte sich die Prinzessin gegen Ferdinand, als er ihr
aber sagte, wie lieb er sie habe, gab sie sich zufrieden und sagte, sie wollte
keinen andern Mann, als ihn.
So kamen sie zu dem König, der den Vogel Phönix hatte und waren schon
miteinander eins, wie sie es machen wollten, um zusammen zu bleiben. Sie ritten
vor des Königs Schloß und als der sie kaum sah, eilte er gleich
heraus und begrüßte sie freundlich. Da übergab ihm Ferdinand
die Schönste unter der Sonne und bekam den Vogel Phönix dafür.
Kaum hatte er ihn aber, da sprang die Schönste unter der Sonne herauf zu
ihm auf das schnellste Pferd; er aber sprach: 'Wohl bekomm's Herr König!'
und weg waren sie.
Als sie ein Stück Wegs weiter waren, begegnete ihnen der Bär und der
sprach: 'Das hättest du gut gemacht, aber eile dich, daß du nach
Hause kommst und halte dich unterwegs nicht auf, es mag kommen, was will, sonst
bist du verloren.' Ferdinand versprach's, bedankte sich bei dem Bären und
ritt weiter in Lust und Vergnügen; er hatte ja auch Alles, was er nur
wünschen konnte: die Schönste unter der Sonne, Edelsteine von
unermeßlichem Werth, das schnellste Pferd und den Vogel Phönix,
wodurch er das ganze Königreich seines Vaters erhielt.
So gelangte er an den Baum und sah an den Namen, daß noch keiner seiner
Brüder zurückgekehrt sei. Weil es aber ein so sehr heißer Tag
war, übermannte ihn die Müdigkeit und er wollte sich schlafen legen.
'Thu das nicht,' sprach die Schönste unter der Sonne. 'Du weißt ja,
was der Bär gesagt hat!' 'Ei, was kann das ausmachen, ob ich ein wenig
schlafe, oder nicht,' sagte er, und legte sich hin.
Als er aber so da lag, kamen seine Brüder zurück, die hatten gar
nichts mit zurückgebracht und waren bettelarm. Als sie ihn sahen und den
Vogel Phönix bei ihm und das schöne Pferd und die Schönste unter
der Sonne neben ihm, da fraß der Neid in ihr Herz und sie nahmen ihm
Alles und banden ihn und warfen ihn in eine Löwengrube; dann theilten sie
die Dinge unter sich und zogen heim und brachten ihrem Vater den Vogel
Phönix.
Unterdessen lag Ferdinand in der Löwengrube und wußte jetzt, was das
Schlafengehen auf sich hatte. Keine Rippe war ihm mehr ganz am Leibe. 'Ach,
lieber Bär, hätte ich dir nur dießmal noch gefolgt!' rief er,
und da stand der Bär im selben Augenblick oben an der Löwengrube und
sprach heimlich mit den heimkehrenden Löwen, sie sollten dem Prinzen
nichts thun. Dann rief er hinab: 'Nun, was hab ich dir gesagt? Jetzt bist du
Löwenfutter. Gesegnete Mahlzeit, ihr Herren Löwen!' Da wurde es
Ferdinand kalt und heiß und er rief: 'Ach, liebster, bester Bär, ich
war ja so müd! Ach verzeih mir's noch einmal! Du hast ja ein so gutes
Herz! Ach denk nur, die Schönste unter der Sonne stirbt vor Leidwesen und
du wirst doch nicht dulden können, daß ein so großes Unrecht
geschehe und meine Brüder triumphiren!' 'Ach was, das ist gerechte
Strafe,' sagte der Bär und that, als ob er fortgehn wollte, aber er that
es doch nicht, und als Ferdinand wieder recht bat, ließ er sich
erweichen, brachte ihm Speise und Trank und verpflegte ihn, so daß er in
Zeit von vier Wochen wieder gesund wurde. Dann setzte sich Ferdinand auf seinen
Rücken und der Bär eilte fort mit ihm bis an das Schloß, wo
Ferdinands Vater wohnte. Da setzte er ihn ab und sprach: 'Nun geh hinein und
sieh, wie du fertig wirst; ich rathe dir nicht mehr.' Da ging Ferdinand hinein
und frug, ob kein Dienst frei sei? 'Doch wohl,' sagte der Schloßmeister;
'ich habe gestern meinen Stallknecht fortgeschickt und dessen Stelle kannst du
haben.' 'Gut,' sprach Ferdinand, und ging mit ihm in den Stall und da stand das
schnellste Pferd und ließ den Kopf hängen und war ganz mager und
hager, denn es hatte noch gar nichts fressen wollen. Als Ferdinand es sah, ging
er zu ihm, streichelte es und sprach mit ihm. Aber kaum hörte das Thier
seine Stimme, als es lustig sprang und fraß und ganz munter wurde. Das
wunderte den Schloßmeister und er ging zum König, der noch immer
krank war, und erzählte es ihm. 'Den Menschen muß ich sehn!' sprach
der König. Da führte der Schloßmeister den Prinzen zu ihm. Der
König erkannte ihn nicht, weil Ferdinand so sehr bleich und abgezehrt
aussah; aber er sprach zu ihm: 'Da du das Pferd so schnell geheilt hast, kannst
du auch den Vogel Phönix heilen, der dort im Bauer sitzt und nicht singen
will, und die Schönste unter der Sonne, die am Fenster sitzt und nicht
sprechen will. Wenn du das fertig bringst, dann bekommst du tausend Gulden.' Da
ging Ferdinand zu dem Vogel Phönix und sagte: 'Hänschen, sing mir ein
Stückchen!' Und da fing der Vogel an so wunderschön zu singen,
daß der König aus dem Bett sprang und ganz gesund war. Dann ging der
Prinz auch zur Schönsten unter der Sonne und sprach: ' Erzähle du dem
König, wer ich bin und wer du bist.' Da fing die Schönste unter der
Sonne an und erzählte Alles und als der König hörte, daß
der Stallknecht sein jüngster Sohn sei, fiel er ihm um den Hals und da war
seiner Freude kein Ende. - 'Jetzt sage mir auch, was mit deinen Brüdern
geschehn soll?' sprach der König. 'Sie sollen aus dem Lande,' sprach
Ferdinand. Da wurden sie alsbald des Landes verwiesen, aber Ferdinand hielt
Hochzeit mit der Schönsten unter der Sonne und bekam das ganze
Königreich.
Nach einiger Zeit schenkte ihm seine Frau ein sehr schönes Söhnchen
und da fehlte ihm nichts mehr zu seinem Glück. Als er nun eines Tages mit
ihr und dem Kinde am Fenster stand, da sahen sie in der Ferne den Bären
kommen. Ferdinand hatte darüber große Freude, ging ihm bis in den
Schloßhof entgegen und führte ihn herauf und ließ eine
köstliche Mahlzeit anrichten. Der Bär aber sprach: ' Das Alles mundet
mir nicht.' ' Sag nur, was du haben willst und es wird gleich da sein,' sprach
Ferdinand. 'Willst du mir gewiß geben, was ich verlange?' frug der
Bär, und das wurde ihm fest versprochen. ' Gut,' sprach der Bär, '
dann gib mir dein Kind, aber hau es mit deinem Schwert in zwei Theile, damit
ich es besser verschlingen kann.' Da meinte Ferdinand und seine Frau, die Erde
thäte sich vor ihnen auf; sie fielen dem Bären zu Füßen
und baten ihn, doch etwas anderes zu wünschen, aber der Bär blieb bei
seinem Begehren. 'Wenn du nicht anders willst, dann müssen wir wohl,'
sprach Ferdinand, 'denn wir sind dir zu viel Dank schuldig,' und seine Frau
stimmte unter Thränen ein. Da holte er das Kind und legte es auf den
Tisch, wandte die Augen ab und hob das Schwert; aber im selben Augenblick fiel
dem Bären die Haut ab und er stand als ein schöner Prinz da. 'Jetzt
bin ich erlöst,' sprach er, und da hatten sie Alle erst rechte Freude, und
um so mehr, je größer ihr Herzeleid gewesen war. Der Prinz blieb
noch einige Tage bei ihnen, dann ging er nach Haus, verkaufte sein
Königreich, kam bald wieder und baute sich ein großes Schloß
neben dem von Ferdinand, und da lebten sie in Frieden und Einigkeit und da kam
eine Maus und das Mährlein ist aus.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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