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Der Jüngling im Feuer und die drei goldnen
Federn
Zwei
blutarme Leute hatten ein Kind, das war ein Knäbchen und war gar
schön und gut, so daß sie ihre größte Freude an ihm
erlebten. Das dauerte aber nicht lange, da starb der Mann und der armen Frau
ging es herzlich schlecht und sie kam in bittere Noth. Darüber grämte
sie sich so sehr, daß sie sich hinlegte und ihrem Manne nachstarb. Also
stand das arme Kind ganz mutterseelenallein in der Welt und hatte Niemanden,
der sich seiner annahm. Es bettelte sein Brod an den Thüren und kam so
jeden Tag in des Königs Schloß, da gab ihm der Koch die Reste,
welche auf den Tellern übrig geblieben waren, die aß es im
Schloßgarten unter einem Baume. Nun hatte der König ein
Töchterchen, das war an demselben Tage geboren, wie das Knäbchen, und
lief jeden Mittag nach Tische in den Garten, um zu spielen. Da sah es denn
jedesmal, wie das arme Kind die geringen Bissen so gierig verschlang und das
that ihm sehr leid, denn es hatte ein gutes Herz. Es holte ihm Brod und Geld
und gab ihm seine abgetragenen Kleidchen, brachte auch Spielsachen mit und die
beiden Kinder spielten ganze Tage miteinander. So wuchsen sie auf und wurden
größer, da nahm das Knäbchen im Schlosse Dienst und wurde als
Hirte über das Federvieh gesetzt. Sie sahen sich jeden Tag vor wie nach
und je länger es dauerte, um so mehr erkannten sie, daß sie eins
ohne das andre nicht leben könnten.
Ein paar Jahre später kam ein mächtiger Königssohn zum Besuch an
den Hof des Königs, dem gefiel die Prinzessin so gut, daß er
sogleich um ihre Hand anhielt. Der König, welcher seine Tochter sehr
liebte, sprach: 'Ich gebe gern mein Jawort, wenn es ihr recht ist.' Als der
Königssohn aber der Prinzessin von seiner Liebe sprechen wollte, wies sie
ihn ab und sprach: 'Spart euch die Mühe, mein Herz gehört dem
Gänsehirten an unserm Hofe und keinem andern; wenn ich den nicht bekomme,
will ich nie heirathen.' Darüber war der Prinz höchlich
entrüstet, ging zum König und sagte es ihm wieder. Der König
erzürnte sehr, als er das hörte und sprach: 'Dem wollen wir bald
abhelfen;' ließ sofort den Hirten rufen und sagte: 'Bereite dich zum
Tode, morgen wirst du lebendig verbrannt, weil du dich vermessen hast, die
Prinzessin zu lieben.'
Das war an einem Morgen, gerade als der Hirte sein Federvieh austreiben wollte.
Er nahm seinen Hirtenstab und ging so recht von Herzen betrübt hinter
seinen Gänsen, Enten und Hinkeln daher der Weide zu; da setzte er sich hin
und weinte bitterlich, daß er die Prinzessin und sein junges Leben so
bald verlieren sollte. Da stand plötzlich ein Greis neben ihm der fragte
ihn, was ihm fehle. Als der Jüngling ihm sein Leid geklagt hatte, sprach
der Greis: 'Gehe getrost in das Feuer, es wird dir nichts anhaben können,
denn Gott kennt deine Unschuld und schützet dich.' Da ging dem armen
Jüngling das Herz auf, er faßte frischen Muth und zog Abends heitern
Sinnes dem Schlosse zu. Da stand der Scheiterhaufen schon aufgerichtet und
mittendrin der Pfahl, an welchen er gebunden werden sollte; die Prinzessin
stand aber am Fenster und schaute mit weinenden Augen auf das Holz hin. Da rief
ihr der Jüngling hinauf und schwenkte seine Mütze: 'Laß deinen
Kummer fahren und vertraue auf Gott, der wird uns helfen.' Als sie sah, wie er
so fröhlich war und gar keine Sterbensfurcht hatte, da kam auch über
sie eine große Ruhe, warum das wußte sie nicht, aber sie konnte gar
keine Angst mehr haben.
Am folgenden Morgen kamen die Henkersknechte zu dem Jüngling, um ihn zu
binden, da sprach er: 'Nehmt eure Stricke wieder mit, ich gehe gern in das
Feuer' und er kletterte auf den Scheiterhaufen hinauf und stellte sich an den
Pfahl. Da schlugen die Flammen bald hoch empor und die Leute, welche
umherstanden, hatten rechtes Mitleid mit dem Jüngling und sprachen: 'Ach
was muß dieß für ein harter Tod sein'.' Er stand aber mitten
in den Flammen und sang mit heller Stimme und das Feuer versengte ihm nicht ein
Haar. Als sich die Flammen nach und nach legten und nur die rothen Kohlen noch
glühten, da staunte das ganze Volk, als es den Jüngling mit seinen
frischen rothen Backen lachenden Mundes in der Gluth stehen sah, wie er seine
Mütze gegen das Schloß zu schwenkte. Da stand die Prinzessin
nämlich, die winkte ihm mit ihrem Tuch und jetzt hatten sich die Beiden
noch viel lieber als zuvor. Da frohlockten die Leute und sprachen: 'Das hat der
liebe Gott um ihrer großen Treue willen gethan.' Der König
frohlockte aber nicht, sondern befahl, den Jüngling als einen Zauberer in
das Gefängnis zu werfen und alsbald ein ungeheures Haus von Stein zu bauen
mit einem eisernen Thor; das ließ er mit Buchenreisig und Eichenholz
füllen. Darin sollte der Jüngling verbrannt werden.
Als die Henkersknechte kamen, ihn zu binden, sprach er: 'Laßt mich frei
gehn, ich entlaufe euch nicht.' Er ging frohen Muthes in das Haus, dessen
eiserne Thür alsbald verschlossen wurde, nachdem das Holz angezündet
war. Das Volk hatte jetzt erst rechtes Mitleiden mit dem Jüngling und
murrte laut gegen den grausamen König, als die Flammen ihre rothen Zungen
aus dem Hause streckten. Es dauerte einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, ehe
das Holz all verbrannt war und an dem Tage und in der Nacht wurde viel geweint
und blieb nicht manches Auge trocken. Die Hitze war so groß, daß
das eiserne Thor an dem Hause schmolz und am Schlosse des Königs alle
Fenster zersprangen. Als aber die Flammen kleiner und kleiner wurden und das
Prasseln und Knistern aufhörte, da klang mitten in der Feuersgluth die
Stimme des Jünglings hell und klar, wie vordem in dem Scheiterhaufen.
Jetzt jauchzte das Volk lautauf, so daß der König nicht hätte
wagen dürfen, dem Jüngling ferner Leid anzuthun. Als die Gluth fast
ganz erloschen war, ging er aus dem Feuerhaus hervor und war schöner als
je, so daß die Leute ordentlich Furcht vor ihm hatten und sprachen: ' Man
meint, einen Engel aus dem Himmel zu sehn.' Er winkte der Prinzessin mit seinem
Hut und sie winkte ihm mit ihrem Tuch und jetzt hätte nichts in der Welt
die Beiden von einander trennen können. Man sollte meinen, ein so
großes Wunder hätte den König rühren müssen, aber er
hatte ein Herz, wie von Stein und sann nur auf einen neuen Anschlag, den
Jüngling zu verderben. Er ließ ihn zu sich rufen und sprach: 'Ich
will euch Beide in Gottesnamen zusammengeben, zuvor mußt du mir aber drei
goldne Federn vom Vogel Greif holen.' Der Jüngling sprach: 'Hat mich der
liebe Gott zweimal aus dem Feuer gerettet, so werde ich auch dieß noch
erfüllen können; soll ich aber umkommen dabei: ei nun, ich bin Gott
nur einen Tod schuldig und will ihn gern erleiden wo er will.' 'Geh du nur, du
kommst nicht wieder,' dachte der König, denn der Vogel Greif ist ein
Menschenfresser, dem man nicht so mir nichts dir nichts drei Federn ausrupfen
kann.
Das Haus des Vogels Greif lag aber hinter drei Königreichen und einem
großen Wasser. Als der Jüngling nun fortreiste und an das erste
Königreich kam, war da große Trauer bei Hofe, denn des Königs
Lieblingsbaum trug keine Früchte mehr. Der König hörte nicht
sobald, daß der Jüngling zum Vogel Greif reise, als er ihn zu sich
kommen ließ und ihn bat, von dem Vogel zu erforschen, warum der Baum so
krank sei; er wolle es ihm gut lohnen. 'Das will ich gern, so ich es kann,'
sprach der Jüngling. Im zweiten Königreich, wodurch er kam, war
große Geldnoth, denn der König hatte den Schlüssel zu seiner
Schatzkammer verloren. Als der König von dem Jüngling hörte, der
zum Vogel Greif reise, ließ er ihn kommen und bat ihn, den Vogel Greif zu
fragen, wohin der Schlüssel gekommen sei, er werde es ihm reichlich
lohnen. 'Das will ich gern, wenn ich es kann' sprach der Jüngling. In dem
dritten Königreiche war große Wassernoth, denn der Brunnen vor des
Königs Schlosse wollte kein Wasser mehr geben. Als der König
hörte, daß ein Jüngling da sei, der zum Vogel Greif reise,
ließ er ihn kommen und bat ihn, den Vogel Greif zu fragen, warum der
Brunnen nicht mehr laufe. 'Wenn ich kann, thue ich es gern' sprach der
Jüngling. Also kam er zu dem großen Wasser. Da stand ein Riese,
welcher die Leute hinübertrug. Als er den Jüngling am andern Ufer
absetzte, sprach er: ' Zum Lohne für meine Mühe frage den Vogel
Greif, wie ich hier erlöst werden kann.' 'Von Herzen gern,' sprach der
Jüngling.
Als er am Schlosse des Vogels Greif ankam, war dessen Frau allein zu Hause.
'Ach daß du dich hierher verirrt hast! Eile, daß du wegkommst, denn
mein Mann ist ein Menschenfresser,' sprach sie. Der Jüngling erwiederte: '
Das wußte ich wohl, aber ich vertraue auf Gott und ich mußte Alles
wagen, da ich sonst meine liebste Braut verloren hätte.' Das freute des
Greifen Frau, daß er seine Braut so sehr liebte, und sie versprach, ihm
gegen ihren Mann beizustehn. Er erzählte ihr jetzt Alles und sie sprach: '
Verstecke dich unter dem Bette und gib genau Acht, was er sagt; morgen gebe ich
dir die drei Federn.' Während sie so sprach, erhob sich vor dem
Schloß ein Brausen gleich dem eines Sturmes und es wurde ganz finster in
dem Zimmer. 'Eile dich, da kommt mein Mann!' rief die Frau Greifin und der
Jüngling kroch unter das Bett. Bald darauf kam der Vogel Greif herein und
zugleich ging ein großer Glanz durch das Zimmer, denn seine Federn waren
aus purem Gold. 'Wen hast du heim? Ich rieche Menschenfleisch,' sprach der
Vogel Greif, und die Frau antwortete: 'Ja du hast recht, es war ein armer
Handwerksbursche hier, der hat auf dem Stuhl da gesessen, ist aber bald wieder
weggegangen.' Da sah der Greif sie einmal scharf an mit seinen durchdringenden
Augen, aber sie ließ sich nicht irre machen und fragte: 'Willst du zu
Nacht essen?' 'Ja wohl und zwar schnell, ich bin müde und will zu Bette,'
sprach der Greif. Da trug sie die Speisen auf und sie aßen zusammen, dann
legten sie sich schlafen. Gegen elf Uhr riß die Frau dem Greif eine
seiner goldnen Federn aus. 'O weh!' schrie er, 'was machst du denn?' 'Mir
träumte ein König habe einen Baum, der immer schöne Früchte
getragen habe und jetzt keine mehr trage, darüber traure der ganze Hof,'
sprach die Frau. Der Greif sagte: 'Das ist Wahrheit und kein Traum, der Baum
würde schon tragen, wenn kein ermordetes Kind unter ihm begraben
läge.' Nach einiger Zeit, als es gegen zwölf Uhr ging, riß die
Frau ihm abermals eine Feder aus. 'O weh!' schrie der Greif, 'was hindern dich
meine Federn?' Die Frau sprach: 'Ich hatte einen Traum, in einem
Königreiche herrsche Geldnoth, weil der König den Schlüssel zu
seiner Schatzkammer verloren habe.' 'Das ist Wahrheit und kein Traum,'
erwiederte der Greif. 'Der Schlüssel liegt unter der Thürschwelle,
denn der König hat ihn fallen lassen und an der Schwelle ist ein Spalt im
Fußboden. Jetzt laß mich in Ruhe.' Gegen ein Uhr nahm die Frau ihm
die dritte Feder. ' Au, was fällt dir denn ein, daß du mir meine
Federn ausreistest?' schrie der Greif. 'Ich griff im Traum hinein' sprach die
Frau. 'Was träumte dir denn wieder?' 'Mir träumte, ein
Königreich sei in Wassernoth, weil der Brunnen vor des Königs
Schloß nicht mehr springe.' 'Das ist Wahrheit und kein Traum,' sagte der
Greif. 'Eine Schildkröte sitzt im Rohr, die muß mit einer Kanone
herausgeschossen werden. Wenn du mich aber ferner quälst, geht es dir
schlecht.' ' Es ist ja meine Schuld nicht, wenn ich schwer träume,' sprach
die Frau. Als der Greif Morgens erwachte, brummte er: 'Das war eine schöne
Nacht. Daß du dich nur nicht unterstehst, noch einmal so zu
träumen.' 'Ich kann doch nicht dafür, wenn ich bis zum Morgen
ängstlich träume, das ist keine Freude für mich,' erwiederte die
Frau. 'Bis zum Morgen? Was hat dir denn noch geträumt?' fragte der Greif.
'Ich sah einen Riesen, welcher Leute über ein großes Wasser tragen
mußte und nicht erlöst werden konnte.' 'Das ist Wahrheit und kein
Traum', sprach der Greif. 'Er wäre aber erlöst, wenn er einen, den er
herübertragen soll, mitten im Wasser absetzte.' Jetzt aß der Greif
sein Morgenbrod und dann flog er aus. Der Jüngling kam unter dem Bett
hervor, da gab die Frau ihm die drei Federn und das war ein Glanz! 'Du hast
Alles wohl verstanden, was mein Mann gesagt hat,' sprach sie und er dankte ihr
von Herzen für all ihre Güte, die er ihr nie vergessen werde.
Als der Riese ihn über das Wasser getragen hatte, sagte der Jüngling
ihm, wie er erlöst werden könne. 'Hättest du mir das doch
drüben gesagt!' murrte der Riese in seinem Undank, aber das war nun zu
spät. Von da reiste der Jüngling weiter zu den drei Königen und
gab jedem seinen Rath, wie er ihn von dem Vogel Greif gehört hatte. Der
Erste ließ die Schildkröte aus dem Rohr des Brunnens
herausschießen, da sprang das Wasser so reichlich, daß alle
Straßen überschwemmt wurden. Der zweite König fand den
Schlüssel zur Schatzkammer richtig in der Spalte an der Thürschwelle.
Der dritte König ließ das ermordete Kind an dem Baume herausgraben
und sogleich trieb der Baum Blätter und Blüthen. Der Jüngling
aber erhielt von jedem der Könige einen Sack Gold, so schwer als ein Pferd
tragen konnte und von dem letzten auch noch ein Reitpferd für sich. Also
ritt er mit seinen drei Rossen der Hauptstadt zu, wo seine Liebste wohnte. Als
er in die Nähe der Stadt kam, zog er seine drei goldnen Federn heraus und
steckte jedem der Pferde eine an den Kopf und das leuchtete und glänzte,
wie lauter Diamanten, wenn die Sonne darauf schien; etwas Prächtigeres
kann man sich gar nicht denken. Aber noch weniger kann man sich die Freude
denken, welche die Prinzessin hatte, als sie den Jüngling so stolz
heranreiten sah. Sie hatte ja auch so manchen Monat und so manchen Tag mit
ihren sehnlichen Blicken die Straße herunter geschaut und immer vergebens
geschaut. Jetzt war auf einmal Alles erfüllt, was sie so lange gehofft
hatte und außer sich vor großer Wonne flog sie die Treppen hinab
und ihrem lieben Bräutigam entgegen. Als der König dazu kam und der
Jüngling ihm die drei goldnen Federn überreichte, da wurde sein Herz
weich und er gab die Beiden zusammen. Der Jüngling baute von seinem Gelde
nun ein großes Schloß, darin wohnte er in Lust und Freude mit
seiner Gemahlin. Nach des Königs Tode setzte er sich die Krone auf das
Haupt und regierte, wie ein frommer König soll in der Furcht des Herrn.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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