| |
Der Fischerssohn, der Rappe und der Schimmel
In
einem großen Walde lag ein großer See, daran wohnte ein Fischer mit
seiner Frau. Gott hatte ihnen fünf Söhne geschenkt, einer
schöner als der andere. Jeden Tag, sobald der Morgen anbrach, zog der
Fischer zu dem See und warf seine Netze aus und Abends zog er sie ein und stets
hatte er sie voll guter, schöner Fische. Es war als ob ein besonderer
Segen auf seiner Arbeit ruhe; der schien von einem kleinen grauen Männchen
herzukommen, welches sich jeden Tag an dem See sehen ließ und in dem
Kahne und an den Netzen herumsprang, als ob es den Fischen locke.
Als die Söhne größer wurden, mußten sie mit auf den
Fischfang ausziehen und das ging der Reihe nach, jeden Tag ein andrer; die
übrigen vier trugen derweil die Fische in die Stadt und verkauften sie um
ein schön Stück Geld. Der Jüngste, welcher eben zwanzig Jahre
alt war, zog auch eines Tages wieder mit zum See, aber das graue Männchen
ließ sich an dem Morgen nicht blicken und Abends war kein Fisch im Netz.
Schon wollten die Beiden heimgehn, da kam es daher gesprungen und frug: 'Nun
ihr Leutchen, ihr Leutchen, wie geht es heut?' 'Schlecht, sehr schlecht,'
sprach der Fischer, 'wir haben nicht einen Fisch gefangen.' 'Fischer, willst du
mir dort deinen jüngsten Sohn verkaufen?' 'Um keinen Preis verkaufe ich
mein eigen Fleisch und Blut' rief der Mann. 'Ich fülle dir deinen Nachen
mit purem gelbem Gold, so daß du ein reicher Mann bist auf ewige Zeit'
sprach das Männchen, 'thust du es aber nicht, dann hast du keinen Vorsput
mehr und hast gestern deinen letzten Fisch gefangen.' Da fing der Fischer doch
an sich die Sache zu überlegen und sprach: 'Ja wenn ich wüßte,
wo er bleibt und wie es ihm geht.' 'Es geschieht ihm gar nichts zu Leide, er
hat mir nur zu folgen und zwei Pferde zu füttern, einen Schimmel und einen
Rappen. Uebrigens mag er spazieren gehn oder reiten und kann thun was er will,
darf dich auch alle drei Monate besuchen.' 'Dann bin ich es zufrieden' sprach
der Fischer, 'wenn nur mein Sohn will.' Der war aber ein herzensguter Mensch
und sagte: 'Vater, da ich euch glücklich machen kann, so gehe ich mit dem
grauen Männchen.' Der Fischer nahm Abschied von ihm und dem Männchen;
als er wieder zu seinem Nachen kam, da glänzten ihm helle Haufen Gold
entgegen, so daß er ein steinreicher Mann war.
Der Jüngling folgte dem Männchen, welches ihn immer weiter im Walde
führte bis in ein schönes Schloß. Dort zeigte es ihm alle
Zimmer und die waren so prächtig, daß es nicht zu sagen ist. In
einem derselben stand eine Menge von Büchern: 'die darfst du alle lesen,'
sprach das Männchen, 'nur das eine dort in der Ecke nicht, es wäre
dein Unglück.' Zuletzt führte es ihn in den Stall, da standen zwei
Pferde, ein Schimmel und ein Rappe: 'Diese hast du zu füttern,' sprach das
Männchen, 'und das ist deine einzige Arbeit. Den Schimmel darfst du nie
reiten; du mußt ihm alle Tage zwei Maas Wein geben, viel gutes Brod, ihn
hart striegeln und sauber putzen, denn ich halte große Stücke auf
ihn. Der Rappe bekommt Hafer und Heu und Wasser; auf ihm darfst du nach Hause
und in den Wald reiten, so viel du willst. Alle Arbeit muß aber bei Tage
gethan sein und du darfst nie mit Licht in den Stall gehn. Thust du das treu
und fleißig und befolgst nie die Rathschläge deiner Mutter, dann
hast du es gut und dein Glück ist gemacht.'
Der Jüngling versprach es und hielt auch sein Wort. Wenn er mit seiner
Arbeit fertig war, las er in den Büchern und lernte viele Dinge, die nicht
grade jeder weiß. Aber es hatte doch eine eigene Bewandtniß mit dem
Schloß und es ging dort nicht mit rechten Dingen zu. Gewöhnlich sah
er nur das Männchen, welches jeden Tag kam und ihn oft wegen seines
Fleißes lobte und ermunterte nur so fort zu fahren, es werde sein
Glück sein. Wenn er aber oft Abends im Garten saß und so über
allerhand nachdachte, dann sah er zwei Gestalten herumwebern, von denen er
nicht recht zu sagen wußte, was sie eigentlich waren. Die eine schien
groß und wie ein Riese und war doch keiner, die andre schien kleiner und
wie ein Weib, aber sie war doch keins. Die fuhren da herum, erschienen und
verschwanden und er konnte weiter nichts bemerken, als daß die zweite
immer betrübt und zu weinen schien. Er zerbrach sich oft den Kopf
über sie, wurde aber darum kein Haarbreit klüger als er gewesen war.
Nachdem ein Vierteljahr herum war, bat der Jüngling das Männchen um
Urlaub, er wolle einmal seine Aeltern wiedersehn. Das Männchen bewilligte
es ihm gern, nur rieth es ihm abermals, den Rathschlägen seiner Mutter
kein Gehör zu geben. Der Jüngling ritt auf seinem Rappen weg und
stand ehe er sich's versah am See. Als er aber nach seines Vaters Haus suchte,
war davon nichts mehr zu sehn und an seiner Stelle stand ein prächtiges
Schloß. Man kann sich denken mit welcher Freude seine Aeltern ihn
empfingen. Seine Brüder waren alle verheirathet und reiche Kaufleute in
großen Städten. Das hielt ihm seine Mutter vor und sprach: 'Diese
sind versorgt, du weißt aber noch nicht, was du hast; du mußt jetzt
bald an deine Zukunft denken.' Nachdem er ihr aber erst erzählt hatte, wie
Alles im Schlosse war und zuging, da ließ sie ihm keine Ruhe mehr und
sagte: 'Sei kein Thor und überzeuge dich von Allem. Das graue
Männchen mißgönnt dir dein Glück. Ich an deiner Stelle
müßte vor Allem wissen, was in dem Buche steht, eher könnte ich
die Nacht kein Auge zuthun und schmeckte mir weder Essen noch Trinken. Das
graue Männchen erfährt ja nichts davon, du mußt es nur recht
heimlich thun.' Also redete sie ihm so viel und so lange zu, bis er ihr
versprach, er wolle das Buch lesen und ihr, wenn er wiederkomme sagen, was
darin stehe.
Nach einigen Tagen nahm er Abschied von seinen Aeltern und ritt wieder nach dem
Schloß zurück. Dort besiegte er wohl Anfangs die Versuchung nach dem
Buche zu greifen; nach und nach aber, als sie immer wiederkehrte meinte er, es
sei ihm ja nur verboten, darin zu lesen, sehen könne er es immer. Als er
es eine Zeitlang gesehen und immer wieder gesehen hatte, meinte er, ein wenig
könne er immerhin darin lesen, aber als er einmal am Lesen war, da ruhte
er nicht, bis er es ganz ausgelesen hatte. Jetzt wußte er wohl, daß
der Schimmel eine verwünschte Prinzessin und der Riese ihr Vater sei,
daß das Schloß ihr gehöre und sie jede Nacht Menschengestalt
annähmen, auch wußte er, wie sie erlöst werden konnten, aber im
selben Augenblick stand auch das graue Männchen vor ihm und fragte zornig:
'Was hast du gemacht?' Läugnen half da nicht, das Männchen
faßte ihn beim Kragen und warf ihn vor die Thür des Schlosses, indem
es sprach: 'Hättest du nur ein Jahr lang meinen Rathschlägen gefolgt,
dann wärst du glücklich auf Lebenszeit, jetzt magst du die Säue
hüten. Das hast du davon' und da flog das Thor hinter ihm zu.
Da stand er nun im wilden Walde und ganz mutterseelenallein. Er faßte
aber bald Muth, dachte, es sei ja nicht Alles verloren und er wisse doch, wie
er die Prinzessin erlösen könne, schnitt sich einen Stock und
arbeitete sich durch das Gebüsch. Viele Tage ging er also weiter und
nährte sich von Wurzeln und Kräutern. Endlich wurde es lichter und er
kam an ein Dorf. Da frug er die Bauern, ob es keinen Dienst für ihn gebe?
'Ja wohl,' sprach einer von ihnen, 'wenn du wir die Säue hüten
willst, dann kannst du bei mir ankommen.' Das war allerdings hart und besonders
jetzt, nachdem er es lange Zeit so gut gehabt hatte, aber was wollte er machen?
Er wurde mit dem Bauern um einen geringen Lohn einig, bekam ein Eckchen neben
dem Schweinestall als Schlafstelle und trieb am folgenden Morgen mit seinen
Schweinen aus. Wie er nun so auf dem Felde saß und über sein
Schicksal nachdachte, rauschte es gewaltig über ihm in der Luft und da
flog der Vogel Greif daher und ließ sich in der Ferne auf einen Berg
nieder. Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte so recht froh in
sich hinein, denn von dem Vogel Greif hatte er in dem Buche gelesen. Als der
Vogel am folgenden Tage wieder kam und desselben Weges flog, erzählte er
Abends dem Bauern davon. 'Ich kenne ihn nur allzuwohl,' sprach der Bauer, 'er
hat mir mehr als ein Schwein gefressen, darum nimm dich nur in Acht, daß
du dem Berge nicht zu nahe kommst.' 'Ei was, mir holt er kein Schwein' rief der
Jüngling 'und jetzt treibe ich geraden Wegs nach dem Berge hin.' 'Das
magst du thun,' sprach der Bauer, 'fehlt aber am Abend ein Schwein, dann
bekommst du Prügel und ich jage dich weg.'
'Frisch gewagt ist halb gewonnen' sprach der Jüngling, als er am folgenden
Morgen die Heerde austrieb und fuhr auf den Berg zu, denn auch von dem Berge,
stand in dem Buche geschrieben. Gegen Mittag kam der Vogel Greif herangeflogen
wie eine große dunkle Wolke. AIs er nahe bei dem Berge die Schweineheerde
erblickte, schoß er nieder und packte eins mit seinen großen
grausigen Klauen, aber der Jüngling hatte nicht vergessen, was er weiter
in dem Buch gelesen hatte; er riß ihm schnell drei Federn aus, steckte
zwei hinter die Ohren und nahm eine in den Mund: da war er so stark und konnte
fliegen trotz dem Vogel Greif. Jetzt riß er ihm das Schwein weg, griff
ihn am Halse und drückte ihm die Kehle, bis der mächtige Vogel todt
dahin sank. Alsdann schnitt er ihm mit seinem Messer den Leib auf und holte ein
großes weißes Ei daraus: damit konnte er die Prinzessin
erlösen. Heisa, jetzt war er wieder oben und hätte mit keinem
König und Kaiser getauscht. Jubelnd und singend trieb er seine Heerde
heim. Der Bauer erstaunte, daß er schon so frühe zurückkam,
aber ehe er noch fragen konnte, was die Ursache davon sei, erhob sich der
Jüngling durch die Kraft der Greifenfedern in die Luft und der Bauer hatte
das Nachgucken.
Er flog aber hoch, hoch empor und schaute sich um bis er das Schloß
erblickte; in der Nähe desselben ließ er sich auf einem Baume nieder
und wartete den Abend ab. Dann flog er auf einen hohen Lindenbaum, welcher in
dem Garten stand, und worunter er die beiden Gestalten jeden Abend hatte sitzen
sehen. In den Aesten verborgen hielt er sich ganz still. Als er eine Weile da
gesessen hatte, öffnete sich die Stallthür: zuerst schlupfte das
graue Männchen heraus, dann kam die weinende Frauengestalt und zuletzt die
Riesengestalt. Das Männchen lief ins Schloß, die beiden andern aber
kamen auf den Lindenbaum zu und setzten sich unter ihm nieder. Ach wie klopfte
ihm jetzt das Herz! Er griff leise in den Sack, faßte das Ei, zielte gut
und patsch! flog es gegen des Riesen Stirn. Zugleich aber that es einen
Donnerschlag, als breche das ganze Schloß zusammen, so daß der
Jüngling sich an den Aesten der Linde halten mußte und die Augen
zudrückte. Als er wieder aufschaute, waren die beiden Gestalten
verschwunden und stand da ein König mit goldner Krone auf dem Haupte und
eine Prinzessin so wunderschön, daß es ihres Gleichen nicht mehr
gibt. Aus dem Schloß kamen die Hofherrn und Diener gerannt, alle
begrüßten und küßten sich und war da eine Freude sonder
Gleichen. Der König wandte sich aber um und rief dem Jüngling, er
möge niedersteigen und als er das gethan, legte er des Jünglings Hand
und die der Prinzessin zusammen und sprach: 'Du hast es um uns verdient,
daß du mein Sohn wirst; wahre dir dein gutes Herz, dann wird das
Glück dich auch bewahren.' Also wurde der Fischerssohn zu einem
königlichen Prinzen; wer weiß, was aus dir noch Alles werden kann'!
- Wo ist denn das graue Männchen geblieben? Das hatte der alte
Taglöhner Hans vergessen, als er mir's erzählte, kommst du nach
Jugenheim, so frage ihn, es wird ihm wieder eingefallen sein.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
|
|