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Das Kind vom Grabe
In
der Türkei lebte ein Kaufmann, der war sehr reich und hatte Alles, was er
sich nur wünschte, nur hatte er keine Kinder und das war doch sein
höchster Wunsch. Nach einigen Jahren starb seine Frau und da war er denn
recht unglücklich; er fühlte sich so einsam und verlassen in der
Welt, daß er des Lebens fast müde war und sein einziger Trost blieb,
daß er jeden Abend an das Grab seiner Frau ging, wo er bis gegen
Mitternacht blieb und betete.
Zu derselben Zeit regierte ein Sultan in der Türkei, der hatte von allen
seinen Frauen nicht ein Kind bekommen. Als aber nach langem Harren die Sultanin
eines Tages ihm verkündete, sie werde ihm bald ein Kindlein schenken, da
wurde er krank und starb. Die Sultanin übernahm nun die Regierung und
führte sie so gut, daß alle Leute im Lande glücklich und
zufrieden waren. Sie hatte aber einen Minister, das war ein ehrgeiziger Mann
und der hätte gern seinen Sohn auf den Thron gesetzt. Wenn die Sultanin
keine Kinder bekommen hätte, dann wäre das nach ihrem Ableben schon
zu machen gewesen, nun aber rückte der Augenblick immer näher heran,
wo sie eines Kindes genesen sollte und war das ein Knäblein, dann
mußte der Minister all seine Hoffnungen aufgeben. Darum sann und
grübelte er Tag und Nacht, was da wohl zu machen wäre. Da horte er
plötzlich eines Morgens, der Storch habe der Sultanin ein schönes
Knäblein gebracht. Er eilte alsobald in das Schloß, gab der Hebamme
und einem Kindermädchen viel, viel Geld und bekam also das Kind in seine
Hände; dann ließ er es in ein seidnes Tuch gewickelt in ein
Kästchen legen und befahl dem Mädchen, das Kästchen in die See
zu tragen. Das Mädchen hatte aber Mitleid mit dem schönen
Knäblein, trug es gegen Abend auf den Kirchhof und legte es auf das letzte
frische Grab, worin die Frau des Kaufmannes lag. Der Sultanin wurde gesagt, das
Kind sei todt auf die Welt gekommen und sofort begraben worden.
Es dauerte nicht lange, da kam der Kaufmann, um nach seiner Gewohnheit an dem
Grabe zu beten. Als er das Kästchen sah, öffnete er es neugierig, da
lachte ihm das Knäblein holdseelig entgegen. Ach, sprach er, meine Frau
schenkt mir im Grabe noch ein Kind, damit ich nicht allein sei, und er
küßte das Kind wie sein eignes und trug es voller Freude mit sich
nach Haus. Dort nahm er dem Kinde eine Amme und als es größer wurde,
ließ er es in allem Möglichen unterrichten. Also wurde das Kind zum
Knaben und der Knabe zum Jüngling und der Kaufmann hatte ihn so lieb,
daß er keinen Augenblick ohne ihn sein konnte.
Eines Tages wollte der Kaufmann eine große Reise machen, worauf ihn der
Jüngling begleiten sollte. Er ließ ein Schiff ausrüsten und
fuhr eines Morgens mit günstigem Wind ab. Es dauerte aber nicht lange, da
erhob sich ein schrecklicher Sturm, so daß die Wellen haushoch gingen und
das Schiff so lang herumwarfen, bis es an einen Felsen fuhr und
zertrümmerte. Die ganze Mannschaft und all die kostbaren Güter, womit
es beladen war, gingen zu Grunde. Der Kaufmann und der Jüngling retteten
sich mit vieler Noth und Mühe an einem Balken, welcher eine Zeitlang auf
der See umhertrieb und dann an einer Insel ans Land geworfen wurde. Da standen
sie nun arm und einsam auf der Insel und hatten nichts, als ihr Leben und ein
paar Kräuter, welche da wuchsen. Sie hatten aber einen Schatz mit sich
gerettet, der war sehr groß und das war ihr Vertrauen auf Gott, das hielt
sie aufrecht, daß sie nicht verzagten. Sie bauten sich aus dürrem
Holz eine Hütte, darin wohnten sie. Dann höhlten sie einen Baumstamm
zum Kahne aus und machten sich ein Netz und jeden Tag fuhr der Jüngling
auf das Meer hinaus und fing Fische, davon lebten sie.
Eines Tages hatte der Jüngling sich weiter, als sonst in die See gewagt,
da sah er von ferne ein schönes goldnes Schifflein berankommen, darin
saßen drei Jungfrauen, welche spielten und sangen. Die eine trug eine
Krone auf dem Haupt und war über die Maßen schön, die beiden
andern waren ihre Dienerinnen. Der Fährmann kannte aber die See an der
Stelle schlecht, denn da war ein verborgener Felsen. Das Schifflein fuhr mit
vollen Segeln gegen den Stein an und brach, so daß alle ins Meer
stürzten. Der Jüngling sprang sogleich aus seinem Boot und rettete
zuerst die Königstochter, dann die beiden Dienerinnen, der Fährmann
war unter den Wellen begraben worden. Die schöne Jungfrau war lauter Dank
und wollte ihren Retter mit Gold überhäufen lassen, wenn er nur mit
ihr in ihr Schloß ging, er nahm aber nichts an, als nur eine goldne
Blume, welche sie in der Hand hielt. Da sprach sie: 'Willst du weiter nichts,
so gewähre mir noch eins und bringe uns jeden Tag Fische in das
Schloß.' Das sagte sie aber, weil sie den schönen Jüngling gern
öfter gesehen hätte. Er willigte sogleich in ihre Bitte, denn sie
gefiel auch ihm gar zu gut und er hätte sie nicht gern zum Letztenmal
gesehen. Als sie an das Land kamen und an dem Garten des Schlosses anlangten,
erkannte der Jüngling daß es das Schloß der Stadt war, wo er
mit dem Kaufmann gewohnt hatte. Er sagte es seinem Pflegevater und frug ihn, ob
er nicht nach Hause zurückkehren wolle, doch der sprach: 'Da wir mit
unserm Schiffe Alles verloren haben, so sind wir zu Hause arm, hier aber auf
unserer Insel reich; laß uns hier bleiben.' Dem Jüngling war das
ganz recht, denn nun konnte er ungestört jeden Tag die schöne
Königstochter sehen. Es verhielt sich aber also mit ihr. Als die Sultanin
ihres Kindes so schmählich beraubt worden war, verlor sie alle Lust am
Regieren und übergab das Land dem Bruder ihres Mannes, welcher eine
schöne Tochter hatte. Diese erzog sie und lehrte sie alle schönen
Künste, Tanz und Musik und Gesang; das war aber die Jungfrau, welche der
Jüngling gerettet hatte.
Jeden Tag zog er nun auf den Fischfang aus und brachte die schönsten
Fische in den Schloßgarten, wo die Dienerinnen der Prinzessin sie ihm
abnahmen. Während sie dieselben ins Schloß trugen, saß er bei
der Königstochter. Sie erzählten sich Anfangs nur ihre Geschichte,
bald aber erzählte ihr der Jüngling auch, wie er sie vom ersten
Augenblick, wo er sie gesehen, in sein Herz geschlossen habe und so liebe,
daß er ohne sie nicht leben könne. Da gestand sie ihm, daß
auch sie ihn über Alles liebe und also waren sie ein Herz und eine Seele.
Die Dienerinnen merkten wohl, was vorging, doch sie verriethen es nicht, weil
sie die Prinzessin und den schönen Jüngling zu lieb hatten, als
daß sie Beide hätten unglücklich machen sotten. Da kam aber
eines Morgens die Sultanin daher gegangen, um zu sehen, wo die Prinzessin sei
und da die Beiden so in ihr Gespräch vertieft waren, daß sie nichts
hörten und sahen, so konnte sie ungestört Alles abhorchen.
Plötzlich stand sie vor ihnen, so daß der arme, Jüngling nicht
mehr entfliehen konnte. Sie hielt ihn fest, und winkte den Schildwachen, welche
auf den Mauern standen; diese stürzten hinzu und führten ihn mit der
Prinzessin in ein Gefängnis, jedes in seine eigne Zelle.
Am dritten Tage nachher war das Verhör. Zuerst wurde der Jüngling vor
das Gericht geführt und die Sultanin saß selber dabei. Er solle vor
Allem sagen, wer er sei, da fing er an, seine Geschichte zu erzählen, wie
er in einem schönen Kästchen auf dem Grabe der Frau des Kaufmannes
gefunden worden sei. Das Tuch worein er gewickelt gewesen war trug er seit
seiner ersten Jugend stets auf der Brust bei sich; das zog er nun heraus und
sprach: 'Dieses Tuch war meine Windel und das ist neben der goldnen Blume der
Prinzessin mein kostbarstes Gut.' Als er aber in seiner Erzählung
fortfahren wollte, schrie die Sultanin plötzlich: Schweige und laß
mich einmal das Tuch sehen.' Da gab er ihr dasselbe und kaum hatte sie es
näher betrachtet, da erkannte sie ihrer eignen Hände Arbeit,
stürzte auf den Jüngling zu und rief: 'Ach mein liebster Sohn, du
bist ja mein liebster Sohn!' Der Jüngling wußte nicht, was er dazu
sagen sollte, da befahl sie den Richtern nach Hause zu gehn und nahm den
Jüngling mit sich in ihren Pallast. Sogleich mußte die Hebamme
herbei; als die Sultanin sie bedrohte, bekannte sie, daß sie das Kind dem
Mädchen gegeben habe. Da wurde auch das Mädchen geholt und bedroht,
und es bekannte, daß es das Kind ins Wasser hätte werfen sollen,
aber statt dessen es in ein feines Tuch gewickelt in ein Kästchen gelegt
und auf ein frisches Grab gestellt hätte. Statt des Jünglings wurde
nun der böse Minister in das Gefängnis geworfen, die Jungfrau aber
aus demselben erlöst und noch am selben Morgen die Verlobung gehalten.
Dann kehrte der Jüngling in einem großen und prächtigen Schiffe
zu der Insel zurück und holte seinen Pflegevater ab, welcher sofort die
Stelle des ersten Ministers erhielt, der alte Minister aber wurde enthauptet.
Der Bruder des verstorbenen Sultans entsagte nun freiwillig der Regierung und
statt seiner bestieg der Jüngling den Thron.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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