Maerchen.com  
Impressum
 

Gebrüder Grimm: Das Eselein
 Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe. Band 2 ( 1857 )

Das Eselein

      Es lebte einmal ein König und eine Königin, die waren reich und hatten alles, was sie sich wünschten, nur keine Kinder. Darüber klagte sie Tag und Nacht und sprach 'ich bin wie ein Acker, auf dem nichts wächst.' Endlich erfüllte Gott ihre Wünsche: als das Kind aber zur Welt kam, sahs nicht aus wie ein Menschenkind, sondern war ein junges Eselein. Wie die Mutter das erblickte, fieng ihr Jammer und Geschrei erst recht an, sie hätte lieber gar kein Kind gehabt als einen Esel und sagte man sollt ihn ins Wasser werfen, damit ihn die Fische fräßen. Der König aber sprach 'nein, hat Gott ihn gegeben, soll er auch mein Sohn und Erbe sein, nach meinem Tod auf dem königlichen Thron sitzen und die königliche Krone tragen.' Also ward das Eselein aufgezogen, nahm zu, und die Ohren wuchsen ihm auch fein hoch und gerad hinauf. Es war aber sonst fröhlicher Art, sprang herum, spielte und hatte besonders seine Lust an der Musik, so daß es zu einem berühmten Spielmann gieng und sprach 'lehre mich deine Kunst, daß ich so gut die Laute schlagen kann als du.' 'Ach, liebes Herrlein,' antwortete der Spielmann, 'das sollt euch schwer fallen, eure Finger sind nicht allerdings dazu gemacht und gar zu groß; ich sorge die Saiten haltens nicht aus.' Es half keine Ausrede, das Eselein wollte und mußte die Laute schlagen, war beharrlich und fleißig, und lernte es am Ende so gut als sein Meister selber. Einmal gieng das junge Herrlein nachdenksam spazieren und kam an einen Brunnen, da schaute es hinein und sah im spiegelhellen Wasser seine Eseleinsgestalt. Darüber war es so betrübt, daß es in die weite Welt gieng und nur einen treuen Gesellen mitnahm. Sie zogen auf und ab, zuletzt kamen sie in ein Reich, wo ein alter König herrschte, der nur eine einzige aber wunderschöne Tochter hatte. Das Eselein sagte 'hier wollen wir weilen,' klopfte ans Thor und ries 'es ist ein Gast haußen, macht auf, damit er eingehen kann.' Als aber nicht aufgethan ward, setzte er sich hin, nahm seine Laute und schlug sie mit seinen zwei Vorderfüßen aufs lieblichste. Da sperrte der Thürhüter gewaltig die Augen auf, lief zum König und sprach 'da draußen sitzt ein junges Eselein vor dem Thor, das schlägt die Laute so gut als ein gelernter Meister.' 'So laß mir den Musikant hereinkommen' sprach der König. Wie aber ein Eselein hereintrat, fieng alles an über den Lautenschläger zu lachen. Nun sollte das Eselein unten zu den Knechten gesetzt und gespeist werden, es ward aber unwillig und sprach 'ich bin kein gemeines Stalleselein, ich bin ein vornehmes.' Da sagten sie 'wenn du das bist, so setze dich zu dem Kriegsvolk.' 'Nein,' sprach es, 'ich will beim König sitzen.' Der König lachte und sprach in gutem Muth 'ja, es soll so sein, wie du verlangst, Eselein, komm her zu mir.' Danach fragte er 'Eselein, wie gefällt dir meine Tochter?' Das Eselein drehte den Kopf nach ihr, schaute sie an, nickte und sprach 'aus der Maßen wohl, sie ist so schön wie ich noch keine gesehen habe.' 'Nun, so sollst du auch neben ihr sitzen' sagte der König. 'Das ist mir eben recht' sprach das Eselein und setzte sich an ihre Seite aß und trank und wußte sich fein und säuberlich zu betragen. Als das edle Thierlein eine gute Zeit an des Königs Hof geblieben war, dachte es 'was hilft das alles, du mußt wieder heim,' ließ den Kopf traurig hängen, trat vor den König und verlangte seinen Abschied. Der König hatte es aber lieb gewonnen und sprach 'Eselein, was ist dir? du schaust ja sauer, wie ein Essigkrug: bleib bei mir, ich will dir geben, was du verlangst. Willst du Gold?' 'Nein' sagte das Eselein und schüttelte mit dem Kopf. 'Willst du Kostbarkeiten und Schmuck?' 'Nein.' 'Willst du mein halbes Reich?' 'Ach nein.' Da sprach der König 'wenn ich nur wüßte was dich vergnügt machen könnte: willst du meine schöne Tochter zur Frau?' 'Ach ja,' sagte das Eselein, 'die möchte ich wohl haben,' war auf einmal ganz lustig und guter Dinge, denn das wars gerade, was es sich gewünscht hatte. Also ward eine große und prächtige Hochzeit gehalten. Abends, wie Braut und Bräutigam in ihr Schlafkämmerlein geführt wurden, wollte der König wissen ob sich das Eselein auch fein artig und manierlich betrüge, und hieß einem Diener sich dort verstecken. Wie sie nun beide drinnen waren, schob der Bräutigam den Riegel vor die Thüre, blickte sich um, und wie er glaubte daß sie ganz allein wären, da warf er auf einmal seine Eselshaut ab und stand da als ein schöner königlicher Jüngling. 'Nun siehst du,' sprach er, 'wer ich bin, und siehst auch daß ich deiner nicht unwerth war.' Da ward die Braut froh, küßte ihn und hatte ihn von Herzen lieb. Als aber der Morgen herankam, sprang er auf, zog seine Thierhaut wieder über, und hätte kein Mensch gedacht was für einer dahinter steckte. Bald kam auch der alte König gegangen, 'ei,' rief er, 'ist das Eselein schon munter! Du bist wohl recht traurig,' sagte er zu seiner Tochter, 'daß du keinen ordentlichen Menschen zum Mann bekommen hast?' 'Ach nein, lieber Vater, ich habe ihn so lieb, als wenn er der allerschönste wäre, und will ihn mein Lebtag behalten.' Der König wunderte sich, aber der Diener, der sich versteckt hatte, kam und offenbarte ihm alles. Der König sprach 'das ist nimmermehr wahr.' 'So wacht selber die folgende Nacht, ihr werdets mit eigenen Augen sehen, und wißt ihr was, Herr König, nehmt ihm die Haut weg und werft sie ins Feuer, so muß er sich wohl in seiner rechten Gestalt zeigen.' 'Dein Rath ist gut' sprach der König, und Abends als sie schliefen, schlich er sich hinein, und wie er zum Bett kam, sah er im Mondschein einen stolzen Jüngling da ruhen, und die Haut lag abgestreift auf der Erde. Da nahm er sie weg und ließ draußen ein gewaltiges Feuer anmachen und die Haut hineinwerfen, und blieb selber dabei, bis sie ganz zu Asche verbrannt war. Weil er aber sehen wollte wie sich der Beraubte anstellen würde, blieb er die Nacht über wach und lauschte. Als der Jüngling ausgeschlafen hatte, beim ersten Morgenschein, stand er auf und wollte die Eselshaut anziehen, aber sie war nicht zu finden. Da erschrack er und sprach voll Trauer und Angst 'nun muß ich sehen daß ich entfliehe.' Wie er hinaustrat, stand aber der König da und sprach 'mein Sohn, wohin so eilig, was hast du im Sinn? Bleib hier, du bist ein so schöner Mann, du sollst nicht wieder von mir. Ich gebe dir jetzt mein Reich halb, und nach meinem Tod bekommst du es ganz.' 'So wünsch ich daß der gute Anfang auch ein gutes Ende nehme' sprach der Jüngling, 'ich bleibe bei euch.' Da gab ihm der Alte das halbe Reich, und als er nach einem Jahr starb, hatte er das ganze, und nach dem Tod seines Vaters noch eins dazu, und lebte in aller Herrlichkeit.


  Jacob Grimm 1785 - 1863 u. Wilhelm Grimm 1786 - 1859



zurück

Der Arme und der Reiche

Das singende springende Löweneckerchen

Die Gänsemagd

Der junge Riese

Dat Erdmänneken

Der König vom goldenen Berg

Die Rabe

Die kluge Bauerntochter

Der alte Hildebrand

De drei Vügelkens

Das Wasser des Lebens

Doctor Allwissend

Der Geist im Glas

Des Teufels rußiger Bruder

Der Bärenhäuter

Der Zaunkönig und der Bär

Der süße Brei

Die klugen Leute

Märchen von der Unke

Der arme Müllerbursch und das Kätzchen

Die beiden Wanderer

Hans mein Igel

Das Todtenhemdchen

Der Jude im Dorn

Der gelernte Jäger

Der Dreschflegel vom Himmel

De beiden Künigeskinner

Vom klugen Schneiderlein

Die klare Sonne bringts an den Tag

Das blaue Licht

Das eigensinnige Kind

Die drei Feldscherer

Die sieben Schwaben

Die drei Handwerksburschen

Der Königssohn der sich vor nichts fürchtet

Der Krautesel

Die Alte im Wald

Die drei Brüder

Der Teufel und seine Großmutter

Ferenand getrü und Ferenand ungetrü

Der Eisenofen

Die faule Spinnerin

Die vier kunstreichen Brüder

Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein

Die schöne Katrinelje und Pif Paf Poltrie

Der Fuchs und das Pferd

Die zertanzten Schuhe

Die sechs Diener

Die weiße und die schwarze Braut

Der Eisenhans

De drei schwatten Princessinnen

Knoist un sine dre Sühne

Dat Mäken von Brakel

Das Hausgesinde

Das Lämmchen und Fischchen

Simeliberg

Up Reisen gohn

Das Eselein

Der undankbare Sohn

Die Rübe

Das junggeglühte Männlein

Des Herrn und des Teufels Gethier

Der Hahnenbalken

Die alte Bettelfrau

Die drei Faulen

Die zwölf saulen Knechte

Das Hirtenbüblein

Die Sternthaler

Der gestohlene Heller

Die Brautschau

Die Schlickerlinge

Der Sperling und seine vier Kinder

Das Märchen vom Schlauraffenland

Das Dietmarsische Lügenmärchen

Räthselmärchen

Schneeweißchen und Rosenroth

Der kluge Knecht

Der gläserne Sarg

Der faule Heinz

Der Vogel Greif

Der starke Hans

Das Bürle im Himmel

Die hagere Liese

Das Waldhaus

Lieb und Leid theilen

Der Zaunkönig

Die Scholle

Rohrdommel und Wiedehopf

Die Eule

Der Mond

Die Lebenszeit

Die Boten des Todes

Meister Pfriem

Die Gänsehirtin am Brunnen

Die ungleichen Kinder Evas

Die Nixe im Teich

Die Geschenke des kleinen Volkes

Der Riese und der Schneider

Der Nagel

Der arme Junge im Grab

Die wahre Braut

Der Hase und der Igel

Spindel, Weberschiffchen und Nadel

Der Bauer und der Teufel

Die Brosamen auf dem Tisch

Das Meerhäschen

Der Meisterdieb

Der Trommler

Die Kornähre

Der Grabhügel

Oll Rinkrank

Die Krystallkugel

Jungfrau Maleen

Der Stiefel von Büffelleder

Der goldene Schlüssel

Der heilige Joseph im Walde

Die zwölf Apostel

Die Rose

Armuth und Demuth führen zum Himmel

Yottes Speise

Die drei grünen Zweige

Muttergottesgläschen

Das alte Mütterchen

Die himmlische Hochzeit

Die Haselruthe









Maerchen.com
copyright © 2007-2012, camo & pfeiffer



Maerchen.com - Das Eselein
Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe. Band 2 ( 1857 ), Gebrüder Grimm