Maerchen.com  
Impressum
 

Gebrüder Grimm: Jorinde und Joringel
 Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe. Band 1 ( 1850 )

Jorinde und Joringel

Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbei locken, und dann schlachtete sies, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreiß kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann in einen Korb ein, und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.
Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde: sie war schöner als alle andere Mädchen. Die, und dann ein gar schöner Jüngling, Namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, giengen sie in den Wald spazieren. 'Hüte dich,' sagte Joringel, 'daß du nicht so nahe ans Schloß kommst.' Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.
Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte; Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen: sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrack und wurde todtbang. Jorinde sang

      'mein Vöglein mit dem Ringlein roth
      singt Leide, Leide, Leide:
      es singt dem Täubelein seinen Tod,
      singt Leide, Lei - zucküth, zicküth, zicküth.'

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang ' zicküth, zicküth.' Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal 'schu, hu, hu, hu.' Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rothe Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fieng die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme 'grüß dich, Zachiel, wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund.' Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat sie möchte ihm seine Jorinde wieder geben, aber sie sagte er sollte sie nie wieder haben, und gieng fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. 'Uu, was soll mir geschehen?' Joringel gieng fort und kam endlich in ein fremdes Dorf: da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft gieng er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts er fand eine blutrothe Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, gieng damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei: auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fieng er an durch Berg und Thal zu suchen ob er eine solche Blume fände: er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrothe Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Thautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward er nicht fest, sondern gieng fort bis ans Thor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er gieng hinein, durch den Hof, horchte wo er die vielen Vögel vernähme: endlich hörte ers. Er gieng und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den sieben tausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und gieng, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Thüre gieng. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib: nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da gieng er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.


  Jacob Grimm 1785 - 1863 u. Wilhelm Grimm 1786 - 1859



zurück

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Katze und Maus in Gesellschaft

Marienkind

Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Der treue Johannes

Der gute Handel

Der wunderliche Spielmann

Die zwölf Brüder

Das Lumpengesindel

Brüderchen und Schwesterchen

Rapunzel

Die drei Männlein im Walde

Die drei Spinnerinnen

Hänsel und Gretel

Die drei Schlangenblätter

Die weiße Schlange

Strohhalm, Kohle und Bohne

Von dem Fischer un syner Fru

Das tapfere Schneiderlein

Aschenputtel

Das Rätsel

Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

Frau Holle

Die sieben Raben

Rotkäppchen

Die Bremer Stadtmusikanten

Der singende Knochen

Der Teufel mit den drei goldnen Haaren

Läuschen und Flöhchen

Das Mädchen ohne Hände

Der gescheite Hans

Die drei Sprachen

Die kluge Else

Der Schneider im Himmel

Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack

Daumesdick

Die Hochzeit der Frau Füchsin

Die Wichtelmänner

Der Räuberbräutigam

Herr Korbes

Der Herr Gevatter

Frau Trude

Der Gevatter Tod

Daumerlings Wanderschaft

Fitchers Vogel

Von dem Machandelboom

Der alte Sultan

Die sechs Schwäne

Dornröschen

Fundevogel

König Drosselbart

Schneewittchen

Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein

Rumpelstilzchen

Der liebste Roland

Der goldene Vogel

Der Hund und der Sperling

Der Frieder und das Catherlieschen

Die zwei Brüder

Das Bürle

Die Bienenkönigin

Die drei Federn

Die goldene Gans

Allerleirauh

Häsichenbraut

Die zwölf Jäger

De Gaudeif un sien Meester

Jorinde und Joringel

Die drei Glückskinder

Sechse kommen durch die ganze Welt

Der Wolf und der Mensch

Der Wolf und der Fuchs

Der Fuchs und die Frau Gevatterin

Der Fuchs und die Katze

Die Nelke

Das kluge Gretel

Der alte Großvater und der Enkel

Die Wassernixe

Von dem Tode des Hühnchens

Bruder Lustig

De Spielhansl

Hans im Glück

Hans heiratet

Die Goldkinder

Der Fuchs und die Gänse









Maerchen.com
copyright © 2007-2012, camo & pfeiffer



Maerchen.com - Jorinde und Joringel
Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe. Band 1 ( 1850 ), Gebrüder Grimm