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Die Wassernixe
Ein
Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so
spielten, plumpten sie beide hinein. Da war unten eine Wassernixe, die sprach
'jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten,' und führte sie
mit sich fort. Dem Mädchen gab sie verwirrten garstigen Flachs zu spinnen,
und es mußte Wasser in ein hohles Faß schleppen, der Junge aber
sollte einen Baum mit einer stumpfen Axt hauen; und nichts zu essen bekamen sie
als steinharte Klöße. Da wurden zuletzt die Kinder so ungeduldig,
daß sie warteten, bis eines Sonntags die Nixe in der Kirche war, da
entflohen sie. Und als die Kirche vorbei war, sah die Nixe daß die
Vögel ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen
nach. Die Kinder erblickten sie aber von weitem, und das Mädchen warf eine
Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg, mit
tausend und tausend Stacheln, über den die Nixe mit großer Müh
klettern mußte; endlich aber kam sie doch hinüber. Wie das die
Kinder sahen, warf der Knabe einen Kamm hinter sich, das gab einen großen
Kammberg mit tausendmal tausend Zinken, aber die Nixe wußte sich daran
fest zu halten und kam zuletzt doch drüber. Da warf das Mädchen einen
Spiegel hinterwärts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so
glatt, daß sie unmöglich drüber konnte. Da dachte sie 'ich will
geschwind nach Haus gehen und meine Axt holen und den Spiegelberg entzwei
hauen.' Bis sie aber wieder kam, und das Glas aufgehauen hatte, waren die
Kinder längst weit entflohen, und die Wassernixe mußte sich wieder
in ihren Brunnen trollen.
Jacob Grimm 1785 - 1863 u. Wilhelm Grimm 1786 - 1859
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