Maerchen.com  
Impressum
 

Ludwig Bechstein: Die Knaben mit den goldnen Sternlein
 Deutsches Märchenbuch ( 1847 )

Die Knaben mit den goldnen Sternlein

Es war einmal ein junger Graf, der kannte, so schön er auch war, doch die Liebe noch nicht und hatte daher den Vorstellungen seiner Mutter und seiner Freunde, sich zu verehelichen, noch nicht Raum gegeben. Er fand aber Vergnügen daran, bei Nacht im Dorfe umher zu schleichen und die jungen Bursche und Mädchen zu belauschen, was sie in ihren Spinnstuben trieben, sangen und sagten. Einst nun hörte er ein Gespräch, von dem er selbst der Gegenstand war. "O wenn sich unser guter Graf ein Weib nähme," sagte das Eine der Mädchen, "so wollt ich, wenn ichs würde, ihm die leckersten Speisen kochen." - "Und ich," fiel eine Zweite ein, "wollte ihn und seine Kinder recht gut warten und pflegen." - "Ich aber," sprach die Dritte, "wollte ihm zwei Knäblein bringen, wenn er mich zum Weib nähme, die sollten goldne Sternlein auf der Brust tragen." Die Andern lachten, der Graf aber hatte allerlei Gedanken und ging auf sein Schloß.
Am andern Tag ließ er die drei Mädchen rufen und sie mußten ihm Alles noch einmal sagen, was sie gestern mit einander über ihn gesprochen, wenn er ein Weib nähme. Die Letzte weigerte sich lange, denn sie schämte sich; als sie aber endlich ihren kühnen Wunsch bekannt, nahm sie der Graf freundlich bei der Hand und sprach: "Du sollst mein Weib sein, wenn Du mir zwei Knäblein gebierst, so wie Du gesagt hast; wo aber nicht, so will ich Dich mit Schmach aus meinem Schlosse jagen." Das Mädchen willigte ein, denn sie war freudigen Muthes und trug verborgene Liebe zu dem Grafen in ihrem Herzen. Die Hochzeit ward demnach begangen, obgleich die alte Gräfin sehr sauer dazu sah. Als nun einige Monde vergangen waren und die junge Gräfin sich guter Hoffnung fühlte, begab sich's, daß der Graf in ferne Lande ziehen mußte, und er bat seine Mutter, die gegen ihre Schnur alle Freundlichkeit erheuchelte, ihm alsbald zu schreiben, wenn seine Gemahlin geboren haben würde.
Die schwere Zeit rückte heran und die junge Frau genas zweier holder Knäblein, die trugen goldne Sternlein auf der Brust, sie war aber so erschöpft, daß sie lange Zeit in Ohnmacht lag; als sie nun erwachte und nach den Kindlein fragte, sagte man ihr, sie habe zwei ungestalte Katzen geboren, die man ersäuft habe. Darüber jammerte sie sehr, mehr als über das Unglück, das nun folgte. Schmachvoll ward sie aus dem Hause gewiesen, wie eine Bettlerin und Niemand erbarmte sich ihrer, als ein Diener, der vertraute ihr heimlich, daß sie zwei schöne Knäblein, mit goldnen Sternlein auf der Brust geboren habe; sie seien ihm in einem Korb mit dem Befehl übergeben worden, sie ins Wasser zu werfen, da es Katzen seien; er habe aber den Korb geöffnet, und da ihn die unschuldigen Würmlein gedauert, habe er sie einer Muhme zur Erziehung übergeben. Darüber freute sich die Verstoßene in ihrem Schmerze sehr, dankte dem mitleidigen Menschen viel tausendmal, eilte zu ihren Kindern und lebte mehre Jahre in verborgener Einsamkeit mit ihnen.
Die Knäblein wuchsen heran und wurden immer schöner, die arme Frau dachte wieder an ihren Gemahl, wenn er die Knäblein sähe, würde er Alles gut machen, was seine böse Mutter an ihr verschuldet. Da träumte ihr, sie solle unter einen großen Lindenbaum am Kreuzweg gehen, dort werde sie einen Haufen Leinknotten finden, mit denen solle sie sich die Taschen füllen, aber ja nicht mehr nehmen und dann nach Portugal gehen, wo ihr Gemahl in den Liebesnetzen einer Zauberin oder Fee verstrickt sei. Die Frau ging an den Baum, fand die Leinknotten und füllte sich die Taschen damit an. In einem Walde wurde sie von Räubern überfallen und ganz ausgeplündert, so daß sie keinen Pfennig behielt; sie mußte sich durch Betteln weiter helfen, ihre Füße waren blutig gerissen und noch war ihres Wegs kein Ende. Da tröstete sie abermals ein Traum in ihrem Elend und verhieß ihr endliches Gelingen. Einst bettelte sie an der Pforte eines schönen Schlosses; die Edelfrau sah ihre Knaben und war von ihrer Schönheit aufs höchste überrascht. Sie bat die arme Frau um einen ihrer Knaben und versprach ihr dafür jede Bitte zu erfüllen. Der Armen ging es schwer an, eines ihrer Kinder zu missen, aber sie willigte endlich doch ein und bat dagegen um das goldne Spinnrädchen, das die Edelfrau eben vor sich stehen hatte. Diese wunderte sich über das Verlangen, gab jedoch das Rädchen bin und einer der beiden Knaben blieb bei ihr zurück. Die arme Frau war weiter und weiter gegangen und mußte sich endlich auch noch von ihrem zweiten Knaben trennen, für den sie ein goldnes Weiflein erhielt. Diese beiden Kleinodien verwahrte sie sehr sorgfältig und setzte ihre beschwerliche Wanderschaft fort.
Nach unendlichen Mühseligkeiten kam sie denn doch in Portugal an und kam an das Schloß, wo ihr Gemahl wohnte. Die Diener erzählten ihr, ihr Herr sei verheirathet, aber noch Niemand habe das Antlitz seiner Gemahlin gesehen, da sie nur des Nachts im Schlosse sei und des Tags wisse Niemand, wohin sie gekommen. Als nun die Sonne untergegangen war, schlich sie sich in den Schloßgarten, setzte sich unter das Fenster der Gräfin und drehte ihr Spinnrädlein, daß es wie ein Stern durch die Nacht leuchtete. Dies sah aber die Zauberin, welche die Gemahlin des Grafen war, und trat zu der Frau und fragte sie nach dem seltsamen Spielzeug. Die Frau bot es ihr zum Geschenk an, wenn sie ihr dafür eine Bitte gewähre, sie bitte nämlich, eine Nacht bei ihrem Gemahl bleiben zu dürfen. Die Frau wunderte sich darüber sehr, willigte jedoch ein; heimlich aber gab sie dem Grafen einen Schlaftrunk, so daß er die ganze Nacht nicht erwachte und die verzweifelte Frau an seiner Seite den Morgen heranbrechen sah, wo die Zauberin sie abholte. Den nächsten Abend aber saß sie wieder vor dem Schloß und drehte ihr goldnes Weiflein; die Zauberin kam wieder und mußte ihr dieselbe Bitte gewähren. Diesmal hatte sie's versehen und ihrem Manne den Schlaftrunk nicht stark genug gemischt; ehe der Morgen anbrach, erwachte er daher, wunderte sich, die abgemagerte, verkümmerte Frau neben sich zu finden, die nun vor ihm ihr ganzes Herz ausschüttete. Da ergriff den Grafen eine namenlose Sehnsucht nach seinen Kindern und er versprach ihr, sie wieder als seine Gattin anzuerkennen. Dann stellte er sich schlafend, als die Fee kam und die Frau von dannen führte. Der Fee aber erzählte er, er habe einen sonderbaren Traum gehabt. Ein Mann habe irrthümlich seine Gattin verstoßen und eine andere gefreit; die erste aber habe ihn aufgesucht mit Aufopferung ihres Leibes und ihrer Schönheit. Was der Gatte nun thun solle, wenn sie ihn gefunden? "Dann muß er sich von der zweiten scheiden und zu der Treuen zurückkehren!" sprach die Fee. - "Du hast Dein Urtheil gesprochen," antwortete der Graf und erzählte ihr Alles , was geschehen war. Da trennte die Fee sich schmerzlich von ihm. Der Graf aber kehrte mit der treuen Gattin in die Heimath zurück, nachdem er seine Knäblein ausgelöst. Die böse Mutter durfte ihm nicht wieder vor's Antlitz kommen; die Gattin dagegen hielt er lieb und werth; den mitleidigen Bedienten belohnte er reich. Die Knaben mit den goldnen Sternlein wuchsen heran zu der Eltern Freude und wurden später wackere Kriegshelden, die viele Schlachten schlugen und gewannen.


  Ludwig Bechstein 1801 - 1860



zurück

Des Märchens Geburt

Vom tapfern Schneiderlein

Das Märchen von den sieben Schwaben

Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen

Die Probestücke des Meister-Diebes

Die verzauberte Prinzessin

Die Rosenkönigin

Der Teufel ist los

Der Schmied von Jüterbogk

Vom Zornbraten

Hansel und Grethel

Das Rebhuhn

Die Goldmaria und die Pechmaria

Hirsedieb

Des Teufels Pathe

Die Jagd des Lebens

Der goldne Rehbock

Das Nußzweiglein

Der alte Zauberer und seine Kinder

Gevatter Tod

Staar und Badewännelein

Die beiden kugelrunden Müller

Der Richter und der Teufel

Hans im Glücke

Die sieben Raben

Die drei Federn

Das Thränenkrüglein

Vom Hänschen und Grethchen, die in die rothen Beeren gingen

Die schöne junge Braut

Die Kornähren

Vom Hühnchen und Hähnchen

Die drei Hochzeitgäste

Das Märchen vom Mann im Mond

Die Königskinder

Der beherzte Flötenspieler

Gott Ueberall

Der Hase und der Fuchs

Der Hasenhüter

Der kleine Däumling

Der König im Bade

Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack

Mann und Frau im Essigkrug

Der Zauber-Wettkampf

Die drei Gaben

Des kleinen Hirten Glückstraum

Goldener

Der Schäfer und die Schlange

Die drei Musikanten

Die drei Nüsse

Der Müller und die Nixe

Fippchen Fäppchen

Das Kätzchen und die Stricknadeln

Der Fuchs und der Krebs

Des Königs Münster

Des Hundes Noth

Die sieben Gaislein

Das Märchen vom Schlauraffenland

Das Märchen vom wahren Lügner

Die Perlen-Königin

Schneeweißchen

Der Mönch und das Vögelein

Die sieben Schwanen

Das Dornröschen

Vom Knäblein, vom Mägdlein, und von der bösen Stiefmutter

Schwan, kleb an

Der Garten im Brunnen

Die drei Hunde

Zitterinchen

Besenstielchen

Aschenbrödel

Das Mäuslein Sambar, oder die treue Freundschaft der Thiere

Der Mann und die Schlange

Der Hahn und der Fuchs

Die Lebensgeschichte der Maus Sambar

Bruder Sparer und Bruder Verthuer

Die Knaben mit den goldnen Sternlein

Helene

Goldhähnchen

Das Märchen vom Ritter Blaubart

Die Nonne, der Bergmann und der Schmied

Die drei dummen Teufel

Die dankbaren Thiere

Die drei Bräute

Die hoffährtige Braut

Die vier klugen Gesellen

Vogel Holgott und Vogel Mosam

Von zwei Affen

Von dem Wolf und den Maushunden

Die Katze und die Maus

Das goldene Ei









Maerchen.com
copyright © 2007, camo & pfeiffer



Maerchen.com - Die Knaben mit den goldnen Sternlein
Deutsches Märchenbuch ( 1847 ), Ludwig Bechstein