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Die dankbaren Thiere
Es
reiste einst ein Pilger über Land, der kam auf seinem Wege durch den Wald
an eine Wolfsgrube, und nahm wahr, daß etwas Lebendiges darin sei. Und
wie er hinunter blickte, so sah er darin einen Menschen, der war ein
Goldschmied, und bei ihm war ein Affe, eine Schlange und eine Ringelnatter; die
waren alle drei unversehens in die Grube gefallen. Da gedachte der Pilger bei
sich: Uebe Barmherzigkeit mit den Elenden, und hilf den Menschen von seinen
Feinden. Da warf er ein Seil in die Grube, und hielt das eine Ende fest in der
Hand, Willens, den Goldschmied heraufzuziehen, schnell sprang aber der Affe zu,
kletterte herauf und sprang aus der Grube. Zum andern Mal warf der Waller das
Seil hinab, da ringelte sich die Natter daran empor. Und zum dritten Mal
erfaßte die Schlange das Seil, und kam auch zu Tage. Diese drei Thiere
dankten dem Waller für seine Güte, und sprachen zu ihm: "Was Du
uns Gutes gethan, das wollen wir Dir wieder zu vergelten suchen, und wann Dich
dein Weg in unsre Nähe trägt, so magst Du auf uns rechnen, daß
wir nach Kräften Dir zu Diensten sind; sei aber treulich gewarnt vor dem
Menschen da drunten, denn nichts was da lebt, ist so undankbar, wie er. Dieses
haben wir erfahren und sagen es Dir an, daß Du wissest, Dich zu
verhalten!"
Damit schieden die drei Thiere von dem Pilger, dieser aber gedachte an seine
Pflicht, daß dem Menschen zieme dem Menschen zu helfen, und warf das Seil
wiederum in die Grube, und zog den Goldschmied heraus. Dieser bedankte sich mit
vielen Worten für die Gnade und Barmherzigkeit, die der Pilger an ihm
gethan, und bat, ihn ja in der Königsresidenz, wo er wohne, zu besuchen,
und verließ ihn.
Auf seinem Weiterwege kam der Waller in die Nähe der Residenz und an den
Ort, wo der Affe, die Natter und die Schlange wohnten. Die freuten sich, und
der Affe brachte dem Waller, der sehr ermattet war, Obst und süße
Feigen, die Natter zeigte ihm eine kühle, angenehme Grotte, wo er ruhen
und rasten konnte, und legte sich davor, und bewachte seinen Schlaf, denn
Niemand wagte sich dorthin, wo die große Natter lag. Die Schlange aber
schlüpfte in die Königsburg und stahl dort einige güldne
Kleinode, die gab sie dem Waller zur Verehrung, sagte ihm aber nicht, woher sie
dieselben hatte. Als dieser von den Thieren aufbrach, ging er in die
Königsstadt und suchte den Goldschmied auf; dem zeigte er die Kleinode und
bot sie ihm zum Kauf an. Der Goldschmied sahs, daß sie des Königs
Eigenthum waren, schwieg still, ging zum König und zeigte an, daß er
den Dieb dieser Kleinode in seinem Hause gefangen habe. Dafür empfing er
eine stattliche Belohnung, und der König sandte seine Häscher, die
fingen den Waller, schlugen ihn, führten ihn durch die Straßen und
hinaus zum Galgen, um ihn zu henken. Da gedachte der Mann auf dem Wege an die
Warnung der Thiere und seufzte laut: "O hätte ich euern Rath befolgt,
ihr getreuen Thiere, so wäre diese Trübsal mir nicht beschieden
worden!"
Nun hatte die Schlange just ihre Wohnung an dem Weg, der zum Hochgericht
führte, und hörte die Klagerede des unschuldigen Mannes, an dessen
Unglück sie mit Schuld war, und betrübte sich und dachte darauf, wie
sie ihm helfe. Da nun der Königssohn, ein junger Knabe auch des Wegs
geführt ward, damit er des Diebes Strafe zusehe, kroch sie hin und
biß ihn in das Bein, daß es alsbald aufschwoll. Da blieb alles Volk
erschrocken stehen, und man sandte eiligst nach Aerzten und nach Astrologen, wo
möglich zu helfen. Die Aerzte brachten Theriak herbei, eine Arznei, die
gepriesen war gegen den Schlangenbiß, er half jedoch nichts. Die
Astrologen aber lasen in den Sternen, daß der zum Tode geführte
Waller unschuldig war, und der Königsknabe rief selbst mit heller Stimme:
"Bringt mir den Pilger her, daß dieser seine Hand auf meine Wunde
und meine Geschwulst lege, so werde ich heil sein ! "
Da wurde der Pilger vor dem König geführt, der fragte nach seinen
Schicksalen, und der Pilger erzählte dem König alles treulich, von
den guten dankbaren Thieren und des Goldschmieds, den er vom Tod errettet,
schändlichem Undank. Und dann hob er Hände und Augen zum Himmel und
flehte: "O allmächtiger Gott, so wahr es ist, daß ich
unschuldig bin an dem Diebstahl, so wahr wird Deine Hand diese Menschen
heilen!" - Und da wurde von Stund an der Königssohn gesund. Als das
der König sah, ward sein Herz froh und freudevoll, und er ehrte den Pilger
mit köstlichen Gaben, ließ ihm auch alle Kleinode, um derentwillen
der Pilger Todesangst ausgestanden hatte, und ließ zur Stelle den
Goldschmied henken, zur Strafe seines großen und schwarzen Undanks.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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