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Des Teufels Pathe
Nicht
weit von einem Städtchen wohnte ein armer, aber redlicher Fischer in einer
elenden Hütte, der sich und die Seinen, eine Frau mit neun Kindern,
kümmerlich nährte. Es war der erste Mai, ein schöner heiterer
Tag, als der Fischer auf die helle See hinausfuhr: kein Wölkchen
trübte die lichte Bläue des Himmels, an dem Seegestade sangen die
Nachtigall und noch andere kleine Vögelein, die sich des Frühlings
freuten, in den schöngesproßten Weiden - und Erlenhecken. Ruhig
fischte der Mann, bis der Abend herzu ging und die glühende Sonne hinter
die den See umgebenden Berge sank; dann ruderte er heimwärts und trat eben
aus dem Kahn, als der Abendstern an dem blauen Gewölbe des Himmels empor
stieg. Als er nun in die niedrige Hütte eintrat, fand er seine Frau mit
dem zehnten Kinde, welches ein Sohn war, niedergekommen. Der Fischer hatte eine
ungemein große Freude darüber und nur eine kleine Besorgniß
trübte seine heitere Seele. Er sprach: "Liebe Frau, sage mir doch,
wen wollen wir zu Gevatter bitten? Unsere Freundschaft ist klein; schwer war
es, für die neun früheren Kinder Pathen zu finden und wie wird es nun
mit dem zehnten werden? Wer wird Pathenstelle an einem so armen Fischerkinde
vertreten wollen?" Als er hin und her gesonnen hatte, sagte er: "Ich
will morgen früh bald auf die große Landstraße gehen und die
erste männliche Person, die mir begegnen wird, will ich bitten, Gevatter
zu stehn."
Mit diesem Entschlusse legte er sich ruhig nieder, und sobald der Tag graute,
lief er hinaus auf die Landstraße, die vor, seiner Hütte
vorbeiführte, und wanderte auf derselben munter dahin. Er war aber noch
nicht weit gegangen, als ein reichgeschmückter Reiter auf einem schwarzen
Pferde daher und ihm entgegentrabte; diesem getraute er aber doch nicht seinen
Antrag zu machen, daher lief er immer neben dem Reiter her und sah ihn bittend
an. Da sprach endlich der Reiter: "Lieber Mann, ich sehe es ihm an, Er mag
gern mit mir sprechen: was will Er? Rede Er doch frei von der Leier weg."
Da sprach der Fischer: "Wenn Ihr es doch befehlt, so will ich es Euch
sagen: meine Frau ist gestern mit einem Sohne niedergekommen und ich
entschloß mich zuletzt, da ich nicht wußte, wem ich die
Gevatterschaft antragen sollte, den ersten, welcher mir auf der
Landstraße begegnen würde, als Pathen für mein Söhnlein
anzusprechen; nun sah ich Euch, mein lieber Herr, getraute mir aber nicht, es
zu sagen." Als der Mann ausgeredet hatte, sprach der Herr: "Da soll
Er gleich meine Antwort hören. Nothwendiger Geschäfte halber kann ich
zwar nicht selbst kommen und euern Sohn aus der Taufe heben; bestellt aber
einen Stellvertreter, dann wird es eben so gut sein als hatte ich es selbst
gethan und das Kind wird mein Pathe sein und bleiben. Am Abend des Tauftags
aber werde ich bei Ihm einsprechen. Doch wann wird es getauft?" Der
Fischer antwortete: "Morgen! Aber erlaubt, ich bin ein armer Fischer und
werde nicht die Bewirthung geben können, die Euch gebührt." -
"Habe Er nur gar keine Sorge," antwortete der Reiter: "ich werde
alles besorgen und die ganze Mahlzeit ausrichten." Da sich nun der Fischer
sehr vielmal bedankt hatte, so kehrte er fröhlich nach Hause: er war aber
noch nicht weit gegangen, so kam der Reiter wieder auf ihn zugejagt und rief:
"Noch habe ich was vergessen, das Kind soll in der Taufe den Namen Hans
bekommen!" Nun kehrte er linksum und ritt im flüchtigen Galopp davon.
Der Fischer freute sich unaussprechlich, stand noch eine Weile da und blickte
ihm noch so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor und nur die Staubwolke
noch sah, welche die flüchtigen Hufe des Rosses erregten. Als er nun nach
Hause kam, erzählte er den Vorfall seiner Frau: diese aber schüttelte
den Kopf und sprach ängstlich: "Ach Mann, was für albernes Zeug
wirst Du gemacht haben! Du kennst doch wohl den Förster, der drüben
im Holze wohnt, dem hat dieser Herr auch einen Sohn aus der Taufe gehoben;
nachher ist dem Förster aber das Licht aufgegangen und er hat
wahrgenommen, daß es der Teufel gewesen ist; und dem Sohn hat er den
Namen Hans geben lassen." Der Mann aber tröstete sie und sprach:
" Sei nur nicht so banglich und erwarte die Zeit, es kann dieser ja auch
ein anderer Herr sein."
Das Kind wurde nun am andern Tage getauft und alles so gethan, wie der fremde
Herr befohlen hatte. Als nun der Abend kam, an dem sich dieser einstellen
wollte, war es den Aeltern doch nicht wohl zu Muthe. Auf einmal aber
öffnete sich die Thüre und der nämliche Herr, der dem Fischer
begegnet war, trat herein, begleitet von zwei Dienern, die die kostbarsten
Speisen auftrugen ohne daß man sah, wo sie solche hernahmen. Doch als sie
später auch in blitzenden Bechern den edelsten Wein herbei brachten, da
wurden die Aeltern endlich doch fröhlich, die Mutter aber nur zum Schein.
Sie hatte nach den Füßen des Herrn gesehen und hatte wahrgenommen,
daß unter seinem langen Beinkleid zuweilen ein Pferdefuß hervorkam,
und da war ihr alle Freude und Hoffnung verschwunden. Als nun die Glocke in dem
nahen Städtchen elf schlug und die dumpfen Schläge durch die
rabenschwarze Nacht hallten, da sprach der Herr: "Bald, lieben Leute,
muß ich von euch scheiden; erzieht also euern Sohn, wie es guten Aeltern
zukommt und behaltet ihn bis ins vierzehnte Jahr, dann werde ich kommen, um ihn
zu mir zu nehmen, werde ihn etwas, worauf er sich gut nähren kann, lernen
lassen und ferner für ihn sorgen." Kaum schlug es zwölfe, so
rief der Fremde dem ehrlichen Fischer noch ein Lebewohl zu, schwang sich auf
seinen Rappen und jagte im sausenden Galopp davon und die heulenden Sturmwinde
brausten neben ihm her. Dem Fischer aber und seiner Frau standen die Haare
Berge und die Frau rief weinend: "Ach, wenn uns doch nur Gott
beschützte! Unser geliebtes Kind ist in Teufels Klauen: wenn es klein ist,
haben wir nur Mühe und Plage von ihm; wenn es dann groß ist,
daß wir Freude an ihm haben sollten, dann holt es der Teufel und wir
sehen es vielleicht in unserm Leben nicht wieder." Sie lebten nun ferner
so miteinander wie vorher, der Vater trieb sein Fischerhandwerk und die Mutter
verrichtete ihre häuslichen Geschäfte. Indessen wuchs der Sohn heran
zur Freude und zum Wohlgefallen der Aeltern. Diese schickten ihn in die Schule,
wo er sehr fleißig lernte und einen großen Verstand zeigte. Als er
aber nun das dreizehnte Jahr zurückgelegt hatte, sagte er eines Tages zu
seinem Vater (es war eben der Tag, wo er aus der Schule entlassen worden war):
"Vater, ich bin nun groß genug und will nun auch etwas lernen,
worauf ich mein ferneres ehrliches Fortkommen gründen kann." -
"Wozu hast Du denn eigentlich Lust?" fragte da der Vater. "Wenn
ich die Wahrheit sagen soll," erwiederte der Sohn, "zu einem
Jäger." Der Vater bewilligte es durch seine Zustimmung und brachte
ihn zu jenem Förster, der nicht weit von seiner Hütte in einem Walde
wohnte. Bei diesem wurde er denn ein so geschickter Schütze, daß ihm
kein Wild, weder Hirsch noch Hase, entrinnen konnte. Bald hatte er das
vierzehnte Jahr zurückgelegt. Da besuchte er einstmals seine Aeltern, und
diese entdeckten ihm nun Alles, was am Tage seiner Geburt und Taufe vorgefallen
war und was sie ihm zeither aus gewissen Ursachen verheimlicht hatten. Der Sohn
aber erschrak nicht darüber und auf seinem Gesichte glänzte Muth,
daher sprach er: "Wenn es weiter nichts ist, liebe Aeltern, so will ich
die Sache schon abmachen! Wenn mein Geburtstag herbeikommt, wo mich der Teufel
holen will, da komme ich zu Dir, Vater, fahre dann mit Dir hinaus auf den See
und da werde ich ihn erwarten."
Als nun der erste Mai kam, ging der junge Jäger früh, ehe der Morgen
graute, zu seinem Vater und fuhr mit ihm auf den See. Es war noch dunkel, bald
aber strahlte die Sonne im hellen Glanze hervor und röthete die
Gewässer. Dieser Tag war wieder gerade ein so schöner Tag wie der, an
welchem der Fischer den ganzen Tag gefischt und am Abend in der Hütte den
neugebornen Sohn angetroffen hatte. Nichts hatte sich um den See herum
geändert, die Vögel sangen wieder so anmuthig wie damals und die
Weidenhecken standen wieder wie damals mit neuem Leben um den See herum. Nur in
dem Gemüthe des Fischers war eine große Veränderung
vorgegangen, denn vor vierzehn Jahren war er heiter und unbesorgt gewesen,
jetzt aber war er schwermüthig und besorgt um das Leben seines Sohnes. Als
sie nun eine Weile auf dem See hin und her gefahren waren, ließ sich der
Herr mit dem schwarzen Pferde am Ufer sehen und winkte dem Fischer mir der
Hand. Schnell entriß da der Jäger seinem Vater die Ruderstange und
ruderte, so sehr sich auch dieser weigerte, auf den Herrn zu. Als er nun fast
das Ufer erreicht hatte, hielt er seinen Kahn an. Da sprach der Herr: "Wie
geht es Dir denn, mein Sohn? " Der Jäger aber antwortete:
"Darnach hast Du nichts zu fragen!" Darauf sprach der Herr wieder:
"Hast Du denn auch was gelernt?" Der Jäger erwiederte: "Ich
bin ein Jäger! Aber warum fragst Du?" Der Herr sprach: "Komm mit
mir, ich will Dir ein besseres Waidwerk lehren!" - "Ich gehe nicht
mit Dir!" sprach der Jäger. Darauf sprach der Herr: "Warum
duzest Du mich? Ich bin ja Dein Pathe, komm doch einmal näher!" Nun
ruderte der Jäger auf ihn zu und als er beinahe das Ufer erreicht hatte,
hieb er mit seiner Ruderstange den Teufel so auf den Kopf, daß dieser
augenblicklich betäubt ins Wasser fiel und darin herumschwamm. Der
Jäger lenkte nun den Kahn mitten auf den See, der Teufel aber, der einsah,
daß er besiegt war, zerrte sich an dem Ufer empor, schwang sich auf
seinen Rappen und galoppirte davon: er dachte aber darüber nach, wie er
den losen Buben bestrafen wollte und bald fiel es ihm ein. Als der Jäger
dem Teufel noch nachsah, erfaßte ihn auf einmal ein so starker
Wirbelwind, daß er sich nicht mehr im Kahn erhalten konnte, sondern in
die Höhe getrieben und so lange fort gejagt wurde, bis er endlich, wohl
nach einer Stunde, auf einem Berge nieder fiel.
Er ging nun hin und her, um den Ort zu untersuchen, und wurde gewahr, daß
der Berg ganz steil wie ein Fels war. Wie komme ich hier hinab, dachte er: doch
ehe er noch auf ein Rettungsmittel sinnen konnte, erfaßte ihn der Wind
von neuem und trieb ihn wieder weit fort, bis er endlich, über eine hohe
Mauer geworfen, in einen sehr schönen Garten niederfiel. Da lag er nun,
durch die schnellen Luftreisen müde gemacht, und fiel in einen tiefen
Schlaf. Als er erquickt und völlig gestärkt von diesem erwachte, ging
er in dem Garten umher, um sich umzusehen. Das war aber ein herrlicher Garten.
Er ging durch die zierlichsten Laubengänge, Blumenbeete und Gebüsche,
um ihn und über ihm sangen wunderschöne Vögel, wie er noch keine
gesehen und gehört hatte, und alle waren so kirre, daß sie ihm fast
auf die Hände flogen. Blumen von unvergleichlicher Schönheit und dem
süßesten Gerüche standen umher, die Luft würzend, und
glashelle Brünnlein und Bächlein rieselten kühl durch den
Garten: kurz der Jüngling glaubte im Paradiese zu sein. Unaufhörlich
wandelte er darin umher, bis er endlich in eine große, schöne,
blühende Laube kam; darin fand er ein Tischchen, mit den
wohlschmeckendsten Speisen und Getränken reichlich besetzt, und weil er
Hunger hatte, so setzte er sich daran und aß sich satt. Als es Abend
geworden war, legte er sich auf die in der Laube befindliche Ruhebank von Rasen
und sank in einen tiefen Schlummer. Früh, als die Sonne kaum aufging,
weckten ihn schon der Vögel wunderbare Lieder, er stand auf und wandelte
wieder durch den Garten. Da hörte er auf einmal ein furchtbar Gerassel und
bald sah er, was es zu bedeuten hatte. Die dicke hohe Mauer schob sich
auseinander und eine prächtige Kutsche, mit vier Apfelschimmeln bespannt,
rollte herein und im Nu stand ein herrliches Schloß da; die Mauer schob
sich wieder zu, und ein Herr und ein schönes Frauenzimmer stiegen vor dem
Schlosse aus jener Kutsche. Der Jäger wollte nicht bemerkt sein und sich
geschwind hinter einen Busch verkriechen, aber der Herr hatte ihn schon
bemerkt. "Wie bist Du in meinen Garten gekommen?" fragte er ihn; und
der Jäger erzählte umständlich seine Geschichte. Darauf sprach
der Herr: "Nun, wenn Du ein Jäger bist, so sollst Du bei mir bleiben!
Außerhalb dieses Gartens ist ein Berg, der mir gehört, da wird sich
sehr zahlreiches Wild finden und da sollst Du mir täglich meinen Braten
schießen," der Jäger blieb nun bei ihm und mußte mit dem
Herrn an einem Tisch essen.
Täglich ging er mit ihm in den Garten; der Herr trat dann jedesmal vor die
Mauer und sogleich schob sie sich auseinander und sie gingen hindurch; doch
jedesmal begleitete ihn der Herr und half ihm durch Auseinanderschiebung der
Mauer auch wieder herein. Der Jäger hatte aber besondere Fähigkeiten,
gleichsam als wären sie vom Teufel eingegeben worden; denn als ihn der
Herr auf die Probe stellen wollte, machte dieser einen schwarzen Punkt an einen
Baum, der Jäger schoß und traf den Punkt glücklich. Dann lief
ein Hase vorbei; der Herr sprach: "Scheuß diesen Hasen!" Er
aber sprach: "Wir wollen ihn noch ein wenig laufen lassen!" Als der
Hase nun so weit war, daß man ihn kaum noch sehen konnte, schoß der
Jäger zu und der Hase wälzte sich in seinem Blute, oder vielmehr
Schweiße, wie die Waidmänner sagen. Da sprach der Herr: "Solch
ein Bursche fehlte mir schon lange, Du bist mir eben recht!" So verlebte
denn der Jäger hier die besten Tage und seine ganze Arbeit bestand darin,
daß er täglich seinem Herrn einige Hasen oder sonstiges Wild
verschaffte. Bald wurde ihm dieser Aufenthalt noch angenehmer, denn die
schöne Tochter seines Herrn gefiel ihm über alle Maaßen und
auch sie hatte ihr heimlich Wohlgefallen an dem jungen Jäger. So kam es
denn endlich zwischen beiden zum Geständniß und zum treuen Angeloben
ihrer Liebe. Eines Tages lustwandelten sie beide im Garten, da erlaubte ihm
sogar die Prinzessin, daß er zu ihrem Vater gehe und um sie werben
dürfe. Der Mittag war dazu bestimmt, und als die Mahlzeit vorüber
war, brachte der Jäger sein Wort vor. Da sprach der Herr: "Mein
lieber Sohn, ich liebe Dich von ganzem Herzen und diese Liebe wird Dir auch
meine einzige Tochter nicht versagen und absprechen." Der Jäger war
außer Fassung vor Freude über diese Zusage. Die Hochzeit wurde auf
die nächsten Tage festgesetzt, nur bat der Jäger noch um die
Erlaubniß, zuvor mit seiner Braut zu seinen Aeltern fahren zu
dürfen, um sie mit seinem Glücke zu überraschen. Der Herr
erlaubte ihm dieses. Schon den nächsten Tag fuhr der freudige Jäger
mit seiner schönen Braut in einem glänzenden Wagen, mit vier
Apfelschimmeln bespannt, durch die Mauer, die sich bei der Annäherung
sogleich öffnete und hinter dem Wagen sogleich wieder schloß.
Unterwegs gab die Braut dem entzückten Bräutigam einen Ring und
sprach: "So oft Du diesen Ring an Deinem Finger drehst, öffnet sich
Dir die Mauer von selbst." Sie fuhren nun lange auf das Gerathewohl durch
die Länder; doch endlich kamen sie, wie von unsichtbaren Machten geleitet,
auf den Weg, der zu seiner Heimath führte. Bald gelangten sie in das
kleine Dörfchen, das nur Fischer und arme Leute bewohnten. Doch wie
erstaunte die Braut, als er vor einer ärmlichen Hütte Halt! rief. Er
stieg aus. Sie aber sprach: "Also soll ich die Gattin eines ganz armen
Menschen werden? Ich fahre nach dem Wirthshaus." Er jedoch trat
ungestört in die Hütte seiner Aeltern und die Freude des Wiedersehens
war groß. Als er aber die Geschichte seines Glückes ihnen
erzählt hatte, begab er sich nach dem Wirthshause, um mit der geliebten
Braut, die ihn zwar durch ihren Stolz gekränkt hatte, wieder zurück
an den Ort seines Glücks zu fahren. Doch wie erstaunte er, als er
hörte, die schöne Prinzessin sei gar nicht ausgestiegen, sie hatte
sich nur durch einen kühlenden Trunk erquickt und ist dann in aller Eile
fortgefahren. Da stand er wie niedergedonnert. Traurig schlich er fort, ohne zu
wissen wohin, bis er endlich den Berg vor sich liegen sah, wo ihn der
Wirbelwind des Teufels schon einmal hinversetzt hatte. Da regte sich die
Hoffnung in dem verzagten Herzen wieder. "Vielleicht wird Dir Dein Pathe
Teufel auch diesmal helfen!" dachte er und stieg freudigen Schrittes den
Berg hinan. Bald war er auf der kahlen Stelle, wo ihn ehedem der Wirbelwind so
unsanft niedergesetzt hatte, aber noch fand seine Hoffnung keine Hülfe.
Unter ihm brauste ein fürchterlicher Tannenwald. "Dort wird sich
Rettung finden!" rief er und ging muthigen Schrittes hinein. Da sah er
unter einer großen Tanne drei wilde Männer stehen, die ihm
Räuber zu scheinen schienen, denn sie zankten und stritten heftig
miteinander und schon sollte zugeschlagen werden, als er unter sie trat und
sprach: "Sagt mir, weswegen ihr euch streitet? Vielleicht kann ich euch
Rath ertheilen oder wohl gar den Streit schlichten!" Die Räuber
antworteten: "Wir haben einen Zauberer beraubt und diesem einen Mantel
abgenommen, der die Eigenschaft hat, unsichtbar zu machen, wenn man ihn umthut;
dann einen Wünschhut; wenn man diesen auf den Kopf setzt, wie er sitzen
muß, und dazu spricht, ich wünsche, daß ich da oder dort
wäre und einen Ort nennt, welcher es auch sein mag, so ist man sogleich
dahin versetzt, dreht man aber dann den Hut herum und setzt ihn verkehrt auf,
indem man sich an den vorigen Ort zurückwünscht, so ist man sogleich
auch wieder dort; und endlich haben wir noch genommen ein Schwert, wenn man
damit nur Jemandem den Kopf berührt, so liegt dieser sogleich zu den
Füßen, richtet man aber das Schwert mit der Spitze gegen den Himmel
und steckt es dann in die Scheide, so steht der Kopf wieder an seinem alten
Ort. Ueber die Theilung dieser kostbaren Sachen sind wir nun streitig. Jeder
will den Hut, den Mantel, das Schwert, und es ist doch nicht zulässig,
daß Einer diese drei Stücke erhält und die Andern nichts."
So sprachen die Räuber, forderten von ihm einen Ausspruch über die
Theilung, dem sie sich willig unterwerfen wollten, und übergaben ihm
sogar, unverständig genug, diese drei Sachen zur Probe. Er that den Mantel
um, und keiner der Räuber sah ihn mehr, dann nahm er das Schwert und
schlug allen Dreien die Häupter ab und endlich setzte er den Hut auf, wie
es sein mußte, und sprach: "Ich wünsche wieder in dem Schlosse
zu sein, wo ich ehemals war!" Und im Augenblick, ohne daß er
wußte wie es zuging, war er vor der Schloßmauer. Er that seinen
Mantel ab, drehte den Fingerring und im Augenblick schob sich die Mauer
auseinander und er ging ins Schloß. Er erstaunte, da er dort alles aufs
herrlichste geschmückt fand; aus der Küche kam ihm der Geruch von
köstlichen Speisen entgegen und darinnen herrschte rege Beweglichkeit und
geschäftiges Getümmel, Da ging er hinein und fragte, was dies alles
zu bedeuten habe? Darauf erhielt er zur Antwort, daß der holdseligen
Prinzessin Hochzeit gefeiert werde, denn sie hätte sich von ihrer Reise
einen schönen jungen Grafen, ihren Bräutigam, mitgebracht und sich
geäußert, sie werde nie sich dem Sohne eines armen Fischers
vermälen. Schrecklich erstaunt über all das Gehörte warf des
Teufels Pathe seinen Mantel über und um sich und machte sich unsichtbar.
Dann ging er in die Stube, wo die Hochzeitgäste versammelt waren, und sah
den neuen Bräutigam bei seiner Braut sitzen. Voller Aerger setzte er sich
zwischen beide, aber sie sahen ihn nicht. Sie hatten so eben einen Teller voll
Suppe vor sich stehen; den ergriff er und schüttete ihn aus. Ganz erstaunt
sahen sich die Verlobten an und wußten nicht, durch welche unsichtbare
Macht sich der Teller hob und die Speisen abwarf. Nun ergriff der
Bräutigam ein Stück Fleisch und wollte es zum Munde führen, aber
schwapp! da lag es unterm Tische. Nun versuchte es die Braut, aber sammt der
Gabel flog der Bissen in eine Ecke. Alle Hochzeitgäste waren erstaunt und
es wandelte sie Grausen und heimliche Furcht an, so daß allen die Haare
zu Berge standen. Da warf der Jäger seinen Mantel ab und wie erstaunte die
Braut, als sie ihn zwischen sich und dem Bräutigam sitzen sah. Er sprang
auf und sprach zu dem Bräutigam: "Wer giebt Dir die Erlaubniß,
mir die Braut zu entführen?" und im Augenblick lag sein Kopf zu
Boden. Die Braut aber fiel dem Jäger um den Hals, herzte und
küßte ihn. "Ach, bester Schatz," sprach sie, "wie
sehr habe ich Dich beleidigt, da ich Deine reine Liebe aufgab gegen Hoheit und
Würde! Noch ist der Bräutigam nicht durch Priesterhand mit mir
verbunden; ach, vergieb mir meinen Fehltritt, ich liebe Dich noch so innig als
zuvor, und nimm mich wieder als Deine Braut an!" Darauf antwortete er:
"Ich vergebe Dir und will sogleich die Feier dieses Tages zu unserer
Vermählung benutzen; Dein zweiter Bräutigam aber, der mir weder als
ein böser noch als ein guter Mensch bekannt ist, wird so gut sein und
zurücktreten!" Sogleich ergriff er sein Schwert, richtete es mit der
Spitze gegen den Himmel und steckte es in die Scheide, da stand im Nu der Kopf
des Grafen wieder auf dem Halse. Alles erstaunte. Der Graf aber sank ihm
gerührt zu Füßen und dankte ihm, daß er ihn wieder ins
Leben zurückgerufen habe. Er erklärte, daß er freiwillig
zurücktreten wolle und der Jäger möge nur immer die früher
verlobte Braut behalten, nur solle er die Kopfabschlagung nicht wieder mit ihm
vornehmen. Dann reiste der Graf ab. Es wurde nun ein Geistlicher herbei geholt,
der das fröhliche Paar zur heiligen Ehe einsegnen sollte. Als dies
geschehen war, dachte der Jäger an die drei Räuber, die Lenker seines
Glücks, und es dünkte ihm unrecht, sie dem Tode auf ewig zu
überlassen. Denn noch lagen die Köpfe zu ihren Füßen und
er beschloß, sie wieder an den alten Ort zu stellen. Da richtete er das
Schwert gegen den Himmel und stieß es in die Scheide, und war dadurch
fest überzeugt, daß die Räuber wieder belebt waren, aber auch,
daß sie sich nun nicht mehr über die Theilung zu streiten brauchten.
Der Jäger aber lebte im ungestörten Glücke mit seiner Gattin bis
an sein Ende.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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