Maerchen.com  
Impressum
 

Ludwig Bechstein: Der Richter und der Teufel
 Deutsches Märchenbuch ( 1847 )

Der Richter und der Teufel

In einer Stadt saß ein Mann, der hatte alle Kisten voll Geld und Gut, er selbst aber war voll aller Laster, so schlimm war er, daß es die Leute schier Wunders dünkte, daß ihn die Erde nicht verschlang. Dieser Mann war noch dazu ein Richter, das heißt, ein Richter, der aller Ungerechtigkeit voll war. An einem Markttage ritt er des Morgens aus, seinen schönen Weingarten zu sehen, da trat der Teufel auf dem Heimweg ihn an, in reichen Kleidern und wie ein gar vornehmer Herr gestaltet. Da der Richter nicht wußte, wer dieser Fremdling war, und solches doch gern wissen mochte, so fragte er ihn nicht eben höflich, wer und von wannen er sei? Der Teufel antwortete: "Euch ist besser, wenn Ihr's nicht wisset, wer und woher ich bin!" - "Hoho!" fuhr der Richter heraus, "seid wer Ihr wollt, so muß ich's wissen, oder Ihr seid verloren, denn ich bin der Mann, der hier Gewalt hat, und wenn ich Euch dies und das zu Leide thue, so ist Niemand, der es mir wehren wird und kann. Ich nehm' Euch Leib und Gut, wenn Ihr mir nicht auf meine Frage Bescheid gebt!" "Steht es so schlimm," antwortete der Arge, "so muß ich Euch wohl meinen Namen und mein Gekommen offenbaren; ich bin der Teufel."
"Hm!" brummte der Richter, "und was ist hier Deines Gewerbes, das will ich auch wissen?" "Schau, Herr Richter," antwortete der Böse, "mir ist Macht gegeben, heute in diese Stadt zu gehen, und das zu nehmen, was mir in vollem Ernst gegeben wird." "Wohlan!" versetzte der Richter, "thue also, aber laß mich dessen Zeuge sein, daß ich sehe, was man Dir geben wird!"
"Fordre das nicht, dabei zu sein, wenn ich nehme was mir beschieden wird," wider rieth der Teufel dem Richter; dieser aber hub an, den Fürsten der Hölle mit mächtigen Bannworten zu beschwören, und sprach: "Ich gebiete und befehle Dir bei Gott und Gottes Geboten, bei Gottes Gewalt und Gottes Zorn, und bei allem, was Dich und Deine Genossen bindet, und bei dem ewigen Gerichte Gottes, daß Du vor meinem Angesicht, und anders nicht, nehmest, was man Dir ernstlich geben wird."
Der Teufel erschrak, daß er zitterte bei diesen fürchterlichen Worten, und machte ein ganz verdrüßlich Gesicht, sprach auch: "Ei so wollte ich, daß ich das Leben nicht hätte! Du bindest mich mit einem so starken Band, daß ich kaum jemals in größerer Klemme war. Ich gebe Dir aber mein Wort als Fürst der Hölle, das ich als solcher niemals breche, daß es Dir nicht zum Frommen dient, wenn Du auf Deinen Sinn bestehst. Stehe ab davon!"
"Nein, ich stehe nicht ab davon!" rief der Richter. "Was mir auch darum geschehe, das muß ich über mich ergehen lassen; ich will jenes nun einmal sehen! Und sollt' es mir an das Leben gehn!"
Nun gingen Beide, der Richter und der Teufel, mit einander auf den Markt, wo gerade Markttag war, daher viel Volks versammelt, und überall bot man dem Richter und seinem Begleiter, von dem Niemand wußte, wer er sei, volle Becher und hieß sie Bescheid thun. Der Richter that das auch nach seiner Gewohnheit, und reichte auch dem Teufel eine Kanne, dieser aber nahm den Trunk nicht an, weil er wohl wußte, daß es des Richters Ernst nicht war.
Nun geschah es von ohngefähr, daß ein Weib ein Schwein daher trieb, welches nicht nach ihrem Willen ging, sondern die Kreuz die Quere, da schrie das zornige Weib im höchsten Aerger dem Schwein zu: "Ei so geh zum Teufel, daß Dich der mit Haut und Haar hole!"
"Hörst Du, Geselle?" rief der Richter dem Teufel zu. "Jetzt greife hin und nimm das Schwein." Aber der Teufel antwortete: "Es ist leider der Frau nicht Ernst mit ihrem Wort. Sie würde ein ganzes Jahr lang trauern und sich grämen, nähme ich ihr Schwein. Nur was mir im Ernst gegeben wird, das darf ich nehmen."
Aehnliches geschah bald hernach mit einem Weib und einem Kind. Das Letztere ging auch nicht so, wie die Frau es lenken wollte, so daß sie auch zu schreien begann: "Hole Dich der Teufel, und drehe Dir den Hals um." "Hörst Du Geselle?" fragte da wieder der Richter. "Das Kind ist Dein, hörst Du nicht, daß man es Dir ernstlich giebt?"
"O nein, es ist auch nicht ihr Ernst!" antwortete der Teufel. "Sie würde bitterlich wehklagen, nähme ich sie beim Wort, und das Kind nicht fahren lassen."
Jetzt sahen Beide ein Weib, das hatte viel mit einem Kinde zu schaffen, welches heftig schrie und sich sehr unartig gebehrdete, so daß die Frau voll Unwillens war und ausrief: "Willst Du mir nicht folgen, so nehme Dich der böse Feind, Du Balg!"
"Nun? nimmst Du auch nicht das Kind?" fragte der Richter ganz verwundert, und der Teufel antwortete: "Ich habe deß keine Macht, das Kindlein zu nehmen. Dieses Weib nähme nicht zehn, nicht hundert und nicht tausend Pfund, und gönnte mir im Ernst das Kind; wie gern ich's auch nähme, darf ich doch nicht, denn es ist nicht des Weibes rechter Ernst."
Nun kamen die Beiden recht mitten auf den Markt, wo das dichteste Volksgedränge war, da mußten sie ein wenig stille stehen, und konnten nicht durch das Gewümmel und Getümmel schreiten. Da wurde ein Weib des Richters ansichtig, das war arm und alt und krank und trug großes Ungemach; sie begann laut zu weinen und zu schreien, und ließ vor allem Volk folgende heftige Rede vernehmen: "Weh über Dich, Richter! Weh über Dich, daß Du so reich bist und ich so arm bin; Du hast mir ohne Schuld, göttliche und menschliche Barmherzigkeit verläugnend, mein einziges Kühlein genommen, das mich ernährte, von dem ich meinen ganzen Unterhalt hatte. Weh über Dich, der Du es mir genommen hast! Ich flehe und schreie zu Gott, daß er durch seinen Tod und bitteres Leiden, die er für die Menschheit und für uns arme Sünder trug, meine Bitte gewähre, und die ist, daß Deinen Leib und Deine Seele der Teufel zur Hölle führe!" Auf diese Rede that der Richter weder Sage noch Frage, aber der Teufel fuhr ihn höhnisch an, und sprach: "Siehst Du, Richter, das ist Ernst, und den sollst Du gleich gewahr werden!" Damit streckte der Teufel seine Krallen aus, nahm den Richter beim Schopf, und fuhr mit ihm durch die Lüfte von dannen, wie der Geier mit einem Huhn. Alles Volk erschrak und staunte, und weise Männer sprachen die Lehre aus:

Es ist ein unweiser Rath,
Der mit dem Teufel umgaht.
Wer gern mit ihm umfährt,
Dem wird ein böser Lohn bescheert.


  Ludwig Bechstein 1801 - 1860



zurück

Des Märchens Geburt

Vom tapfern Schneiderlein

Das Märchen von den sieben Schwaben

Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen

Die Probestücke des Meister-Diebes

Die verzauberte Prinzessin

Die Rosenkönigin

Der Teufel ist los

Der Schmied von Jüterbogk

Vom Zornbraten

Hansel und Grethel

Das Rebhuhn

Die Goldmaria und die Pechmaria

Hirsedieb

Des Teufels Pathe

Die Jagd des Lebens

Der goldne Rehbock

Das Nußzweiglein

Der alte Zauberer und seine Kinder

Gevatter Tod

Staar und Badewännelein

Die beiden kugelrunden Müller

Der Richter und der Teufel

Hans im Glücke

Die sieben Raben

Die drei Federn

Das Thränenkrüglein

Vom Hänschen und Grethchen, die in die rothen Beeren gingen

Die schöne junge Braut

Die Kornähren

Vom Hühnchen und Hähnchen

Die drei Hochzeitgäste

Das Märchen vom Mann im Mond

Die Königskinder

Der beherzte Flötenspieler

Gott Ueberall

Der Hase und der Fuchs

Der Hasenhüter

Der kleine Däumling

Der König im Bade

Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack

Mann und Frau im Essigkrug

Der Zauber-Wettkampf

Die drei Gaben

Des kleinen Hirten Glückstraum

Goldener

Der Schäfer und die Schlange

Die drei Musikanten

Die drei Nüsse

Der Müller und die Nixe

Fippchen Fäppchen

Das Kätzchen und die Stricknadeln

Der Fuchs und der Krebs

Des Königs Münster

Des Hundes Noth

Die sieben Gaislein

Das Märchen vom Schlauraffenland

Das Märchen vom wahren Lügner

Die Perlen-Königin

Schneeweißchen

Der Mönch und das Vögelein

Die sieben Schwanen

Das Dornröschen

Vom Knäblein, vom Mägdlein, und von der bösen Stiefmutter

Schwan, kleb an

Der Garten im Brunnen

Die drei Hunde

Zitterinchen

Besenstielchen

Aschenbrödel

Das Mäuslein Sambar, oder die treue Freundschaft der Thiere

Der Mann und die Schlange

Der Hahn und der Fuchs

Die Lebensgeschichte der Maus Sambar

Bruder Sparer und Bruder Verthuer

Die Knaben mit den goldnen Sternlein

Helene

Goldhähnchen

Das Märchen vom Ritter Blaubart

Die Nonne, der Bergmann und der Schmied

Die drei dummen Teufel

Die dankbaren Thiere

Die drei Bräute

Die hoffährtige Braut

Die vier klugen Gesellen

Vogel Holgott und Vogel Mosam

Von zwei Affen

Von dem Wolf und den Maushunden

Die Katze und die Maus

Das goldene Ei









Maerchen.com
copyright © 2007, camo & pfeiffer



Maerchen.com - Der Richter und der Teufel
Deutsches Märchenbuch ( 1847 ), Ludwig Bechstein