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Der Mann und die Schlange
Es
war einmal ein Mann, in dessen Hause wohnte eine Schlange, die wurde von dem
Weibe dieses Mannes wohl gehalten, und bekam täglich ihre Nahrung. Sie
hatte ihre Wohnung ganz nahe bei dem Heerde, wo es immer hübsch warm war,
in einem Mauerloch. Der Mann und das Weib bildeten sich ein, nach dem
herrschenden Aberglauben, daß es Glück bringe, wenn eine Schlange im
Hause sei. Nun geschah es an einem Sonntag, daß dem Hausherrn das Haupt
schmerzte, deshalb blieb er früh in seinem Bette liegen, und hieß
die Frau und das Gesinde in die Kirche gehen. Da gingen sie alle aus, und es
war nun ganz still im Hause, und jetzt schlüpfte die Schlange leise aus
ihrem Loch und sahe sich allenthalben sehr um. Das sahe der Mann, dessen Kammer
offen stand, und wunderte sich im Stillen, daß sich die Schlange, gegen
ihre sonstige Gewohnheit, so sehr umsah. Sie durchkroch alle Winkel, und kam
auch in die Kammer und guckte hinein, sah aber Niemand, denn der Hausherr hatte
sich verborgen. Und nun kroch sie auf den Heerd, wo ein Topf mit der Suppe am
Feuer stand, hing ihren Kopf darüber und spie ihr Gift in den Topf, darauf
verbarg sie sich wieder in ihrer Höhle. Der Hausherr stieg alsbald auf,
nahm den Topf und grub ihn mit Speise und Gift in die Erde. Wie nun die Zeit da
war, daß man essen wollte, wo auch die Schlange gewöhnlich
hervorzukommen pflegte, stellte sich der Mann mit einer Axt vor das Loch,
Willens, sobald sie herausschlüpfen werde, ihr den Kopf vom Rumpfe zu
hauen. Aber die Schlange steckte ganz vorsichtig ihren Kopf erst nur ein klein
wenig aus dem Loch, und wie der Mann zuschlug, fuhr sie blitzschnell
zurück, und zeigte, daß sie kein gutes Gewissen hatte. Nach einigen
Tagen redete die Frau ihrem Mann zu, er solle mit der Schlange Frieden
schließen, sie würde wohl nicht wieder so Böses thun; der
Hauswirth war gutwillig, und rief einen Nachbarn, der sollte Zeuge des
Friedensbundes mit der Schlange sein, und einen Vertrag mit ihr aufrichten,
daß eins sicher sein sollte vor dem Andern. Hierauf riefen sie der
Schlange und machten ihr den Antrag; die Schlange aber sagte: "Nein! -
Unsre Gesellschaft kann fürder in Treuen nicht mehr bestehen, denn wenn Du
daran denkst, was ich Dir in Deinen Topf gethan, und wenn ich bedenke, wie Du
mir mit scharfer Axt nach meinem Kopf gehauen hast, so möchte wohl Keiner
von uns dem Andern trauen. Darum gehören wir nicht zusammen; gieb Du mir
frei Geleit, das ist alles was ich von Dir begehre, und laß mich meine
Straße ziehen, je weiter von Dir, desto besser, und Du bleibe ruhig in
Deinem Hause." Und also geschahe es.
Der Rabe, als er diese Erzählung aus dem Mund des Mäusleins Sambar
vernommen hatte, nahm wieder das Wort und sprach : "Ich fasse wohl die
Lehre, die Dein Märlein in sich hält, allein bedenke Deine Natur und
meine Aufrichtigkeit, sei minder streng und weigre mir nicht Deine
Genossenschaft. Es ist ein Unterschied zwischen edel und unedel; der Becher aus
Gold währet länger, als der aus Glas, und wenn der Glaspokal
zerbricht, so ist er hin, leidet aber der Goldpokal, so ist der Werth noch
nicht verloren. Die Freundschaft der bösen und unedlen Gemüther ist
gar keine Freundschaft. Du aber hast ein edles Gemüth, das hab' ich wohl
erkannt, und so sehnt sich mein Herz nach Deiner Freundschaft, und bedarf
ihrer, und ich werde nicht weichen vom Eingang Deiner Wohnung, und nicht eher
essen noch trinken, bis Du meiner Bitte Gehör gegeben !"
Darauf sprach das kluge Mäuslein Sambar: "Ich nehme jetzt Deine
Gesellschaft an, denn ich habe noch nie eine billige Bitte ungewährt
gelassen. Du magst aber wohl erwägen, daß ich mich nicht zu Dir
gedrängt, auch daß ich in meiner Wohnung sicher vor Dir bin, aber
ich begehre nützlich zu sein allen, die meiner Hülfe begehren, darum
rühme Dich nicht etwa: Haha, ich habe eine unvorsichtige und
unvernünftige Maus gefunden! - damit es Dir nicht gehe, wie dem Hahn mit
dem Fuchs."
"Wie war das?" fragte der Rabe, und da erzählte das
Mäuslein Sambar ihm abermals eine Fabel oder ein Gleichniß:
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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