| |
Das Märchen vom wahren Lügner
Der
wahre Lügner ist so lügenhaft beschaffen, daß er allezeit
lügt, und daß es ihm nur im Lügen wohl ist. Er lügt Nachts
und lügt am Tage; er lügt was er nur lügen kann, er lügt
seinen Vater an, wie seine Mutter, er lügt seiner Schwester vor und noch
besser seinem Bruder. Stets und immerdar steht sein Maul nach Lügen, er
lügt hier und lügt dort, er lügt heimlich und öffentlich;
er lügt Jahr aus und lügt Jahr ein. Ihr könnt den wahren
Lügner lügen hören, daß eine Treppe hinauf in den Himmel
führe, und daß ein Mücklein einen Bach pisse, der vier
Mühlräder treibe. Der wahre Lügner wird des Lügens nimmer
satt. Er lügt auch, daß eine Ameise das Meer austrinke, und
daß er mit seinem Hauch einen Bären über den Haufen blase. Ach,
je mehr er lügt, je wohler wird ihm zu Muthe. Da lügt er, daß
die Berge fliegen, schneller wie die Falken; er walkt und filzt alles zu einem
Lügensack zusammen. Er lügt, daß die Milz einer Milbe
größer als die eines Hausen sei; er lügt, daß er mit
einer Maus einen Walfisch fange, den er auf seinen Tisch legt, und ihn drei
Weglängen lang lügt.
Der Lügenmeister lügt drauf und drein; er lügt, daß er
vierzig Maurer in einer Nußschaale beschlossen mitten auf das Meer
führte, und daß er die hieß mauern zwei Thürme auf ein
Lindenblatt und bat sie mit allem Fleiß, ja dazu rothe Marmorsteine zu
nehmen, sonst könne er daheim Verdruß haben. Der wahre Lügner
macht euch aus Eis ein gut brennend Feuer; er lügt, daß dies Eis
prasselt und kracht und brennt wie dürres Holz.
Derselbe Lügenbeutel lügt: er sähe auf den Wolken einen
Schlitten fahren, so schnell, als flöge er; er lügt, daß ein
Esel den Schlitten ziehe, und auf dem Schlitten reiten sieben Frauen in vollem
Putze, die tragen alle Kronen; und neben ihnen laufen zwölf junge Pagen,
die blasen Posaunen, die man weit hallen hört. Am Schlitten hängen
genug goldne Schellen, die machen hellen Klang. Hinterdrein reiten tausend
Ritter auf eben so vielen Saumrossen. Der Lügner sorgt dafür,
daß die Ritter hinter dem Schlitten her auf den, Wolken reiten und nicht
herunter fallen, und damit über das Meer ziehen. Der wahre Lügner
lügt, er habe auf einer Wiese gesehen, wie einen halben Tag lang ein Zwerg
und ein Riese mit einander gefochten haben; da nahm der Zwerg einen Sack,
stieß den Riesen hinein, lief mit ihm dahin, sieben lange Weglängen,
und band den Sack an einen Baumast, wohl tausend Klafter hoch. Dann ging der
Zwerg seiner Wege und ließ den Riesen baumeln, und so lügt der
Lügner fort ohne Aufhören, und erzählt euch ferner: Ehe ich auf
Erden geboren war und aus meiner Mutter Schooße kam, da hörte ich,
wie ein Esel und eine Kuh auf einander stichelten. Einem alten
Schüsselkorb waren Weib und Kinder gestorben, der klagte sich, ein
Heuhaufe, der brachte ihm Geld und Kornzinsen. Der Schüsselkorb wollte ins
Kindbett kommen, da wurde in aller Eile das Töpfenbret zu Gevatter
gebeten, und da gebar er einen Stall voll guter fetter Schafe. Da freuten sich
eine leere Tasche, ein Bettelsack, ein Bierkrug und eine Ofengabel in der
Asche, die kamen alle zusammen mit ihren Gespielen gelaufen. Diese waren ein
Dreifuß und ein Rost, ein Kesselring, eine Hechel, eine Armbrust und eine
Krambude. Mit ihnen lief auch noch ein Sauerkrautfaß neben bei, und ein
Spatz, der vor Schreck einen jungen Hund heckte, wie er ein Storchennest sah,
das in einer Mönchskutte auch mit herzu sprang. Sie alle befragten sich
bei einem alten Karren um Rath, wie sie allezeit in Freuden verharren sollten?
Eine Kunkel und eine Haspel wurden da Gevatter, und alle saßen um das
Feuer. Zu dieser Gesellschaft kam eine leere Scheuer zu Gaste, und diese zu
bewirthen, molk ein Kübel an einem dürren Lattenzaun.
Ich stand nicht weit davon, da sah ich, wie ein lahmer Mann drei Hasen
nachlief, und sie alle drei fing; aber da kam ein ganz nackender Mann, der nahm
dem Lahmen die Hasen, und steckte sie behende in seinen Busen. Das sah ein
blinder Stummer, der sagte es allen Leuten. Und ein Igel stach einen
Bären, und eine Katze fing Mäuse in einem Bach, und ein Kuchen schlug
den Koch um die Ohren. Darob freuten sich Töpfe, Kessel und Pfannen; vor
Freuden tanzte eine alte Futterbank; eine Kuh ging auf einem Seil über dem
Graben, ein Esel sprang vor Freuden deckenhoch; dort tanzte ein großer
Rappe einher, und ein Kalb das blies die Rohrflöte. Man sollte nicht
meinen, daß ein Mann das gesehen und gehört hätte! So lügt
der Lügner, daß sich die Balken biegen und manche alte Wand wackelt.
Er lügt das Blaue vom Himmel und das Schwarze von der Erde, er lügt
wie gedruckt. Zeitungen sind auch gedruckt.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
|
|