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Das Kätzchen und die Stricknadeln
Es
war einmal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu lesen. Als sie mit
ihrer Bürde auf dem Rückwege war, sah sie ein krankes Kätzchen
hinter einem Zaun liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau nahm es
mitleidig in ihre Schürze und trug es nach Hause zu. Auf dem Wege kamen
ihre beiden Kinder ihr entgegen und wie sie sahen, daß die Mutter etwas
trug, fragten sie: "Mutter, was trägst Du?" und wollten gleich
das Kätzchen haben; aber die mitleidige Frau gab den Kindern das
Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möchten es quälen, sondern sie
legte es zu Hause auf alte weiche Kleider und gab ihm Milch zu trinken. Als das
Kätzchen sich gelabt hatte und wieder gesund war, war es mit einem Male
fort und verschwunden. Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald,
und als sie mit ihrer Bürde Holz auf dem Rückwege wieder an die
Stelle kam, wo das kranke Kätzchen gelegen hatte, da stand eine ganz
vornehme Dame dort, winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fünf
Stricknadeln in die Schürze. Die Frau wußte nicht recht, was sie
denken sollte, und es dünkte diese absonderliche Gabe ihr gar gering; doch
nahm sie die Stricknadeln, und zeigte sie ihren Kindern und legte die fünf
Stricknadeln des Abends auf den Tisch. Aber als die Frau des andern Morgens ihr
Lager verließ, siehe, da lag ein Paar neue fertig gestrickte
Strümpfe auf dem Tisch. Das wunderte die arme Frau über alle
Maaßen und am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den
Tisch, und am Morgen darauf lagen neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie,
daß zum Lohn ihres Mitleids mit dem kranken Kätzchen ihr diese
fleißigen Nadeln bescheert waren, und ließ dieselben nun jede Nacht
stricken, bis sie und die Kinder Strümpfe genug hatten. Dann verkaufte sie
auch Strümpfe, und hatte genug, bis an ihr seliges Ende.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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