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Hans Christian Andersen: Die Stopfnadel
 Sämmtliche Märchen ( 1862 )

Die Stopfnadel

      Es war einmal eine Stopfnadel, die dünkte sich so fein, daß sie sich einbildete, sie sei eine Nähnadel.
      "Paßt nur hübsch auf, daß Ihr mich festhaltet!" sagte die Stopfnadel zu den Fingern, die sie hervornahmen. "Laßt mich nicht fallen! Falle ich auf die Erde, so findet man mich bestimmt nimmermehr wieder, so fein bin ich!"
      "Das geht noch an," sagten die Finger und damit faßten sie sie um den Leib.
      "Seht, ich komme mit Gefolge!" sagte die Stopfnadel und zog einen langen Faden nach sich; aber es war kein Knoten an diesem Faden.
      Die Finger richteten die Nadel gerade gegen den Pantoffel der Köchin. An dem war das Oberleder entzwei, das sollte zusammengenäht werden.
      "Das ist gemeine Arbeit!" sagte die Stopfnadel. "Ich komme nimmermehr hindurch; ich breche, ich breche!"
      Und wirklich, sie brach.
      "Sagt' ich's nicht?" sagte die Stopfnadel. "Ich bin zu fein!"
      "Nun taugt sie gar nichts!" sagten die Finger; aber sie mußten sie doch festhalten; die Köchin tröpfelte Lack auf die Nadel und steckte vorn ihr Tuch damit fest.
      "So, nun bin ich eine Busennadel!" sagte die Stopfnadel. "Ich wußte wohl, daß ich zu Ehren käme; ist man was, so wird man was!" Und dabei lachte sie in sich hinein; denn man kann niemals einer Stopfnadel ansehen, wenn sie lacht. Da saß sie nun so stolz, wie in einer Staatskutsche, und sah nach allen Seiten!
      "Mit Erlaubniß zu fragen, sind Sie von Gold?" fragte sie die Stecknadel, die ihre Nachbarin war. "Sie haben ein herrliches Aeußere und einen eigenen Kopf; aber klein ist er nur! Sie müssen sich Mühe geben, zu wachsen, denn nicht ein Jedes wird mit Lack betröpfelt!" Und damit richtete sich die Stopfnadel so stolz in die Höhe, daß sie aus dem Tuche fiel und gerade in den Goßstein, den die Köchin ausspülte.
      "Nun gehen wir auf Reisen!" sagte die Stopfnadel. "Wenn ich nur nicht verkomme!"
      Aber sie verkam wirklich.
      "Ich bin zu fein für diese Welt!" sagte sie, als sie im Goßsteine lag. "Aber ich weiß, wer ich bin, und das ist immer ein kleines Vergnügen!" Und die Stopfnadel behielt ihre stolze Haltung und verlor ihre gute Laune nicht.
      Und es schwamm allerlei über sie hin: Späne, Strohhalme und Stücke von alten Zeitungen.
      "Seht nur, wie sie segeln!" sagte die Stopfnadel. "Die wissen nicht, was unter ihnen steckt! Ich stecke, ich sitze hier! Sieh, da geht nun ein Span, der denkt an nichts in der Welt, als an sich selbst, an einen ""Span!"" Da treibt ein Halm, nein, wie der sich dreht, wie der sich wendet! Denk' doch nicht blos an Dich selbst, Du könntest leicht an einen Stein anrennen. Da schwimmt ein Stück Zeitung! Was darin steht, ist längst vergessen, und doch spreizt sie sich! Ich sitze geduldig und still. Ich weiß, wer ich bin, und das bleibe ich doch!"
      Eines Tages lag etwas dicht neben ihr, das glitzerte so prächtig, und da glaubte die Stopfnadel, daß es ein Diamant sei; aber es war eine Flaschenscherbe, und weil es glänzte, so redete die Stopfnadel es an und stellte sich als Busennadel vor.
      "Sie sind wohl ein Diamant?"
      "Ja, so etwas der Art!"
      Und da glaubte Eines vom Andern, es wäre etwas recht Kostbares; und sie sprachen davon, wie doch die Welt so hochmüthig sei.
      "Ich bin bei einer Mamsell in der Schachtel gewesen," sagte die Stopfnadel; "und diese Mamsell war die Köchin; an jeder Hand hatte sie fünf Finger; etwas so Eingebildetes, wie diese Finger, habe ich nie gesehen! Und sie waren doch nur da, um mich aus der Schachtel zu nehmen und wieder in die Schachtel zu legen!"
      "Waren sie denn vornehm?" fragte die Flaschenscherbe.
      "Vornehm?" sagte die Stopfnadel; "nein, aber hochmüthig! Es waren fünf Brüder, alles geborene ""Finger"". Sie hielten sich stolz neben einander, obgleich sie von verschiedener Länge waren; der äußerste, der Däumling, war kurz und dick, der ging außen vor dem Gliede, hatte auch nur ein Gelenk im Rücken und konnte nur eine Verbeugung machen; aber er sagte, wenn er vom Menschen abgehackt würde, so tauge der nicht mehr zum Kriegsdienst. Leckermaul, der zweite Finger, kam sowohl in Süßes wie in Saures, zeigte auf Sonne und auf Mond und gab den Druck, wenn sie schrieben. Langmann, der dritte, sah die andern alle über die Achsel an. Goldrand, der vierte, ging mit einem goldenen Gürtel um den Leib, und der kleine Peter Spielmann that gar nichts, und darauf war er stolz. Prahlerei war's und Prahlerei blieb's, und darum ging ich fort!"
      "Und nun sitzen wir hier und glitzern!" sagte die Flaschenscherbe.
      In demselben Augenblicke kam mehr Wasser in den Goßstein; es strömte über seine Grenzen und riß die Flaschenscherbe mit sich fort.
      "So, nun wurde die befördert!" sagte die Stopfnadel. "Ich bleibe sitzen, ich bin zu fein; aber das ist mein Stolz und der ist achtbar!"
      Und sie saß so stolz da und hatte viele große Gedanken.
      "Ich möchte fast glauben, ich sei von einem Sonnenstrahl geboren, so fein bin ich! Kommt es mir doch auch vor, als ob die Sonnenstrahlen mich immer unter dem Wasser suchten. Ach! ich bin so fein, daß meine Mutter mich nicht finden kann. Hätte ich mein altes Auge, welches abbrach, ich glaube, ich könnte weinen; aber ich thät's nicht; - weinen, das ist nicht fein!"
      Eines Tages lagen ein paar Straßenjungen da und wühlten im Rinnstein, wo sie alte Nägel, Pfennige und solche Sachen fanden. Es war schmutzige Arbeit, aber es war nun so ihr Vergnügen.
      "Au!" schrie der Eine, der sich an der Stopfnadel stach, "das ist 'mal ein Kerl!"
      "Ich bin kein Kerl, ich bin ein Fräulein!" sagte die Stopfnadel; aber es hörte Niemand.
      Der Lack war abgegangen und schwarz war sie auch geworden; aber schwarz macht schlanker, und da glaubte sie, sie sei noch feiner als früher.
      "Da kommt eine Eierschale gesegelt!" sagten die Jungen, und dann steckten sie die Stopfnadel in der Eierschale fest.
      "Weiße Wände und selbst schwarz," sagte die Stopfnadel, "das kleidet gut! Nun kann man mich doch sehen! "Wenn ich nur nicht seekrank werde, denn dann breche ich!"
      Aber sie wurde nicht seekrank und brach nicht.
      "Es ist gut gegen die Seekrankheit, wenn man einen Stahlmagen hat und dann auch nicht vergißt, daß man ein Bischen mehr ist als ein Mensch! Nun ist meine Seekrankheit vorüber! Je feiner man ist, desto mehr kann man vertragen!"
      "Krach!" sagte die Eierschale: es ging ein Rollwagen über sie.
      "Himmel, wie das drückt!" sagte die Stopfnadel; "nun werde ich doch seekrank! Ich breche!"
      Aber sie brach nicht, obgleich ein Rollwagen über sie ging; sie lag der Länge lang, und so mag sie liegen bleiben.


  Hans Christian Andersen 1805 - 1875



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